Buchtipp: Generation Erdoğan

Von Simone Wachter

Der Regierungschef habe den Türken ihren Stolz zurückgegeben, meinen seine Anhänger. Kritikern hingegen gilt er als Wolf im Schafspelz. Vor allem Liberale und Kemalisten sehen in ihm einen gefährlichen Islamisten und bezeichnen ihn spöttisch als machtgierigen Möchtegern-Sultan. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan weiß zu polarisieren.

ErdoganSeit 2003 lenkt Erdoğan die Geschicke der Türkei: erst als Ministerpräsident, seit 2014 als Staatspräsident. Und wenn die Republik 2023 ihr 100-jähriges Bestehen feiert, möchte er eigenen Aussagen zufolge das Land in seinem Sinne umgestaltet haben. Diverse Skandale, Korruptionsvorwürfe und auch die so genannten Gezi-Proteste konnten ihm nichts anhaben. Trotz seines autoritären Regierungsstils ist Erdoğan für seine Anhänger der Garant für Reformwillen, Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwung. Seine Gegner beschuldigen ihn hingegen, dass er die Türkei islamisieren und in eine Präsidialdiktatur verwandeln will. Sie werfen ihm vor, schrittweise die demokratischen Grundrechte abzuschaffen und Kritiker mundtot zu machen.

Wer ist dieser Recep Tayyip Erdoğan wirklich? Wie verlief sein Weg zur Macht? Und warum wählte ihn die überwältigende Mehrheit der Türken trotz all der Kontroversen um seine Person 2014 zum Staatspräsidenten? In ihrem Buch „Generation Erdoğan“ sucht die Journalistin Cigdem Akyol nach Antworten. Sie beschreibt die Türkei darin als ein ebenso vielschichtiges und widersprüchliches wie auch zutiefst zerrissenes Land, in dem zwei Welten aufeinanderprallen und sich die Menschen nach Jahrzehnten wirtschaftlicher wie politischer Krisen und Militärputsche nach einer stabilen Regierung sehnen.

Vom Simit-Verkäufer zum Präsidenten

Zunächst skizziert Cigdem Akyol die politische Entwicklung der Türkei seit Gründung der Republik 1923, bevor sie ausführlich den Weg des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden und tief religiösen Erdoğans vom Simit-Verkäufer zum türkischen Staatsoberhaupt beschreibt. Anschaulich schildert die Journalistin die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die Erdoğan den Aufstieg nach ganz oben ermöglichten.

2001 gründet Erdoğan die Partei AKP und verpasst der Türkei einen erfolgreichen Modernisierungskurs. Was ihm vor allem beim eher ärmeren und religiösen Teil der Bevölkerung immense Popularität einbringt. Das Land erlebt einen ungeahnten Austausch der Eliten. Die Kemalisten haben dabei das Nachsehen. Jahrzehntelang benachteiligte Islamisch-Konservative sind nun am Ruder. Während Erdoğans Anhänger ihm als dem Vater der Nation huldigen, regiert er die Türkei mit immer härterer Hand. Das einst mächtige Militär wird kaltgestellt, Kritiker und Demonstranten werden niedergeknüppelt und inhaftiert, die Medien und die Justiz ideologisch auf Linie gebracht und die ohnehin schwache und desorganisierte politische Opposition ins Abseits verbannt.

Verschlechterung der menschenrechtlichen Lage

„Erdoğan hat die Türkei gespalten“, lautet Cigdem Akyols Fazit. Er habe die Türkei wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich umgekrempelt und damit zweifellos viel Positives erreicht. Doch trotz der Verbesserungen im Land sind der Autorin zufolge Missstände und gefährliche Entwicklungen unübersehbar: Während Erdoğan immer mehr Macht auf seine Person konzentriert, verschlechtert sich die menschenrechtliche Lage der Türkei und die laizistische Ordnung wird weiter aufgeweicht.

Der deutsch-türkischen Journalistin und ehemaligen „taz“-Redakteurin Cigdem Akyol ist ein informatives und spannendes Buch zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage in der Türkei gelungen. Es ist flüssig zu lesen und bietet viele interessante Einblicke. Zumal die Autorin auch die Situation der Justiz, der Medien und der Wirtschaft näher erläutert. Eine Zeitleiste sowie eine Bibliografie ergänzen ihre Ausführungen. Zu bemängeln ist allerdings, dass Akyol bisweilen etwas einseitig argumentiert. Nur Regierungsgegner kommen zu Wort, jedoch weder Weggefährten noch Anhänger Erdoğans. Das verleiht dem Buch leider eine gewisse Voreingenommenheit.

Cigdem Akyol: Generation Erdoğan, Kremayr & Scheriau 2015, ISBN 978-3218009690, 22 Euro (als E-Book 16,99)