Cem-Ali Gültekin: „Komik ist ein Handwerk“

Kann man lernen, lustig zu sein? Ja, sagt Cem-Ali Gültekin. Der 33-jährige Schauspieler ist künstlerischer Leiter der ersten „Schule für Comedy“ in Hamburg. Im Interview erklärt er, was eine gute Pointe ausmacht und warum es eine staatliche Prüfung für Comedians geben sollte.

Foto: Birgit Benzinger

Foto: Birgit Benzinger

Gazelle: Haben Sie einen Lieblingswitz?

Cem-Ali Gültekin: Ach, mit Witzen ist es immer so eine Sache. Wenn die Leute hören, dass ich Comedian bin, denken sie immer, ich könnte gut Witze erzählen. Aber das eine hat mit dem anderen eigentlich gar nichts zu tun. Ich bin kein guter Witze-Erzähler.

Was macht eine gute Pointe aus?

Es sind viele Faktoren, die stimmen müssen, damit die Gesamtperformance lustig ist und das Publikum unterhalten wird. Die Grundlage ist ein guter Text. Man kann zwar auch als guter Performer einen schlechten Text so rüberbringen, dass das Publikum ihn gut findet. Und man kann andersherum auch einen super Text mit großartigen Pointen so erzählen, dass sich im Publikum überhaupt keine Reaktion zeigt. Am besten für alle ist aber, wenn Text und Performance gut sind.

Genau das wollen Sie vermitteln. Im vergangenen September haben Sie deshalb gemeinsam mit Jan Harries die „Schule für Comedy“ in Hamburg gegründet. Was wird in den dreimonatigen Kursen unterrichtet?

Die Textentwicklung ist etwas ganz Zentrales. Die Schüler kommen zu uns mit einem Thema und lernen, welche Regeln es in der Komik gibt, um daraus einen lustigen Text zu machen. Neben dem Text ist der Einsatz des eigenen Körpers wichtig. Das, was ein Comedian sagt, muss im Einklang stehen mit seiner Gestik und Mimik. Wir sensibilisieren die Schüler mit verschiedenen Übungen dafür, ihren eigenen Körper wahrzunehmen und bringen ihnen bei, sich auf der Bühne authentisch zu bewegen. Auch die Stimmentwicklung ist ein wichtiger Bereich. Alle Faktoren zusammengefügt müssen so stimmig sein, dass ich die Schüler am Ende guten Gewissens auf die Bühne lasse und sie die Bühne rocken.

Humor kann man also lernen?

Ja. Komik ist ein Handwerk. Vieles ist Technik. Witze etwa folgen immer einem bestimmten Aufbau und den kann jeder erlernen. Ob man auch für die Bühne geeignet ist, ist allerdings noch eine andere Frage.

Wie muss man sich Ihre Schüler vorstellen?

Wir waren Ende letzten Jahres selbst sehr gespannt, wer sich wohl zu unserem ersten Kurs anmelden würde. Nach dem ersten Durchgang kann ich sagen: Den typischen Schüler gibt es nicht. Im ersten Kurs hatten wir unter 16 Teilnehmern zwei Schauspielerinnen, die wegen ihrer Ausbildung in manchem Bereichen eine gewisse Vorerfahrung mitgebracht haben. Die anderen kamen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Vom Apotheker bis zum pensionierten Mathe-Lehrer war alles dabei: eine Dessous-Verkäuferin, ein Unternehmensberater und ein Student.

Ist der eigene, persönliche Hintergrund auch hilfreich für den späteren Auftritt?

Auf jeden Fall. Im Comedy-Bereich ist es total wichtig, dass man aus sich heraus erzählt, also nicht eine Geschichte erfindet und eine bestimmte Figur spielt. Erfolgreiche Comedians erzählen meistens lustig aufbereitete Geschichten, die sie selbst erlebt haben. Genau das legen wir auch unseren Schülern ans Herz. Je mehr sie selbst in ihrem Alltag erleben, desto einfacher wird es auf der Bühne.

Gibt es Zugangsvoraussetzungen für ihre Schule?

Nein. Da wir bei null anfangen, kann sich jeder bewerben. Und auch wer bereits Vorerfahrungen hat, wird bei uns viel Neues lernen.

Der Bedarf nach Comedians scheint seit Jahren zu wachsen. Wie erklären Sie sich das?

Die Leute wollen bespaßt werden. Dieser Trend hat ja schon in den 90er Jahren mit Sendungen wie „RTL Samstag Nacht“ begonnen. Inzwischen erleben wir jedoch einen regelrechten Comedy-Hype. Man braucht nur abends den Fernseher anzuschalten und nach wenigen Sekunden findet man auf irgendeinem Sender ein Comedy-Format. In dieselbe Richtung gehen Spielshows und das so genannten Family-Entertainment. Aus meiner Sicht hat das vor allem damit zu tun, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der fast jeder gestresst und angespannt ist. Wenn die Menschen dann abends den Fernseher anschalten, wollen sie leichte Kost und Vergnügen als Kontrast zu ihrem anstrengenden Alltag.

Sie selbst haben eine klassische Schauspielausbildung absolviert. Was reizt Sie da am Comedy-Fach?

Der direkte Kontakt zum Publikum. Den habe ich zwar im Theater auch, aber bei Comedy-Auftritten ist der Kontakt unmittelbarer. Selbst wenn Schauspieler im Theater einen Monolog in Richtung des Publikums spricht, geht er doch über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Das ist im Comedy-Bereich anders. Hier gibt es diese „vierte Wand“ nicht. Als Comedian trete ich permanent in einen Dialog mit meinem Publikum. Dieses Spiel mit dem Publikum ist äußerst unberechenbar. Wenn ich auf die Bühne gehe, weiß ich vorher nie, was passieren wird. Das ist super spannend! Ein weiterer Aspekt ist, dass Comedians die Menschen zum Lachen bringen. Wenn das Publikum lacht, gibt einem das selbst auch ein gutes Gefühl.

In den vergangenen Monaten waren Sie in verschiedenen ernsten Rollen im Fernsehen zu sehen, etwa in „Sibel und Max“ oder im „Tatort“. Müssen die Zuschauer darauf künftig verzichten?

Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin absolut dankbar und zufrieden, dass ich in der glücklichen Lage bin, sowohl ernste und heitere Rollen im Fernsehen zu spielen als auch im Comedy-Bereich aktiv zu sein. Das einzige, wozu ich schon länger nicht gekommen bin, ist regelmäßig Theater zu spielen. Als künstlerischer Leiter der „Comedy-Tour“ und nun auch der „Schule für Comedy“ schaffe ich das zurzeit nicht. Die Drehtage fürs Fernsehen lassen sich mit dieser Arbeit besser vereinbaren. Meine durchgehende Rolle in der ZDF-Vorabendserie „Sibel & Max“ geht übrigens weiter. Und Mitte April beginnen die Dreharbeiten für den nächsten „Tatort“ mit Wotan Wilke-Möhring, in dem ich die Episoden-Hauptrolle spiele.

Nochmal zurück zur „Schule für Comedy“: Ihr Ziel ist eine staatliche Anerkennung. Gibt es bald den IHK-geprüften Comedian?

Das wäre gut. (lacht) Leider werden diese staatlichen Prüfungen nicht mehr so leicht vergeben. Wir wünschen uns einfach, dass die Ausbildung an unserer Schule eine offizielle Anerkennung bekommt und wir den Comedian mittelfristig zu einem Ausbildungsberuf machen, unter Umständen auch in einer Kooperation mit einer anderen Einrichtung.

Warum ist das wichtig?

Wer Schauspieler mit einer Anstellung am Theater sein möchte, kommt um eine Schauspielausbildung nicht herum. Wer ernsthaft Musiker werden möchte, sollte studieren oder zumindest eine Ausbildung im Musikbereich machen. Beim Tanzen ist das genauso. Nur für Comedians gibt es das nicht. Comedian ist, wer sich selbst so nennt. Das ist schade, denn vielen Comedians würde es guttun, an ihrer Haltung oder an ihrer Stimme zu arbeiten. Am Ende profitieren alle: sie selbst, aber auch ihr Publikum.

Interview: Kai Doering