Buchtipp: Prügel im Namen Gottes

­Von Simone Wachter

20 Jahre war Robert Pleyer Mitglied bei den „Zwölf Stämmen“, einer radikalen christlichen Sekte. In seinem erschütternden Buch „Der Satan schläft nie“ beschreibt er, wie in der Glaubensgemeinschaft Kinder misshandelt und Erwachsene entmündigt werden.

PleyerMit Anfang 20 gerät Robert Pleyer in eine Lebenskrise und schließt sich den „Zwölf Stämmen“ an, einer fundamentalistischen religiösen Gruppierung, deren Mitglieder in streng hierarchisch aufgebauten Kommunen leben. Persönliches Eigentum ist ihnen ebenso verboten wie eine Krankenversicherung oder jegliche Inanspruchnahme staatlicher Sozialleistungen. Auch die Schulpflicht wird aus religiösen Gründen abgelehnt, weswegen die Sekte bereits wiederholt in Konflikt mit der deutschen Justiz geraten ist. Robert Pleyer glaubt jedoch bei den „Zwölf Stämmen“ zu finden, was er in seinem bisherigen Leben schmerzlich vermisst hat: Freundschaft, Gemeinschaft, wahre Werte und Spiritualität. Er fühlt sich befreit und geborgen. Pleyer heiratet, wird Vater und arbeitet innerhalb der Sekte als Lehrer.

Aber seine heile Welt bekommt schnell Risse. Nicht nur die zahllosen rigiden Regeln und die strengen Hierarchien der Sekte bereiten ihm mehr und mehr Probleme. Man erwartet von ihm, dass er Kinder „züchtigen“ soll: Die Erziehungsnormen der Sekte fordern, Kinder unter Kontrolle zu bringen und sie zu unterwerfen. Vor allem mit Schlägen. So muss Pleyer als Lehrer jeden Tag „ungehorsame“ Schüler in eigens dafür vorgesehene „Disziplinarräume“ führen, wo er ihnen mit einer Weidenrute mehrere Hiebe aufs nackte Gesäß verpasst. Aber auch seine eigenen Kinder soll Robert Pleyer züchtigen.

Gewalt gegen Kinder

Den Zwölf Stämmen zufolge entwickeln Kinder im Alter von etwa acht Monaten einen eigenen Willen, den die Eltern immer wieder konsequent brechen müssen. „Restraint“ heißt die Erziehungsmethode, die Pleyer alle zwei bis drei Tage bei seiner kleinen Tochter anwendet: Die kleine Asarah ist noch ein Säugling als er sie immer wieder aufrecht hinsetzt und ihr befiehlt: „Sei ruhig!“ und „Sitz still!“ Er hält ihre Arme fest, lässt nicht locker, auch nicht als das Kind sich wehrt, sich nach hinten beugt und zu schreien beginnt. Pleyer hält sie weiter fest, bis die roten Äderchen auf ihren Wangen platzen, bis sie aufgibt und ruhig wird. Die grausame Tortur dauert eineinhalb Stunden, dann hat er Asarah innerlich gebrochen.

Doch Robert Pleyer bekommt Skrupel. Er leidet stark darunter, seinen und anderen Kindern Gewalt antun zu müssen. Immer mehr Zweifel befallen ihn. Er kann nicht länger mitansehen, wie in der Sekte Kinder systematisch misshandelt werden. Kinder müssen sich wie Erwachsene benehmen, sollen ernst, still und gehorsam sein. Jeden Tag werden sie zu harter Arbeit herangezogen. Spiel und Spaß hingegen sind nicht erlaubt. Ihnen ist streng verboten, was für Kinder überall auf der Welt völlig normal ist: mit Puppen oder Kuscheltieren zu spielen, zu rennen und zu toben, Eis oder Schokolade zu essen, Popmusik zu hören oder ab und zu eine Cola zu trinken. Jeder noch so geringe Verstoß gegen die Regeln der Sekte wird bereits bei den Kleinsten unweigerlich mit Schlägen geahndet. Manche Eltern schlagen ihr Kind, obwohl es noch ein Säugling ist.

Totale Überwachung der Erwachsenen

Aber auch die Erwachsenen müssen sich einem totalitären System aus Überwachung, Zwang und Strafe unterwerfen. Jedes Sektenmitglied wird beim geringsten Fehlverhalten kritisiert, beschämt und bestraft. Jeder kontrolliert jeden. Individualität, Selbstbestimmung und freier Wille sind nicht gestattet. Alles wird von einem Ältestenrat geregelt, dessen willkürliche Gesetze nicht kritisiert werden dürfen. Pleyers Versuche, die Regeln der Gemeinschaft infrage zu stellen, werden hart sanktioniert – bis er mit seinen Kräften völlig am Ende ist und die Sekte mit seinen Kindern verlässt.

„Der Satan schläft nie“ ist ein ebenso beklemmendes wie beeindruckendes Buch. Eine Autobiografie, die den Leser aufrüttelt, ihn nur schwer loslässt und ihm einiges abverlangt. Vor allem die ausführlichen Beschreibungen der täglichen Züchtigung der Kinder sind nur schwer zu ertragen. Robert Pleyers Schilderungen sind erschütternd und traurig, aber absolut glaubwürdig und authentisch. Pleyer bekennt: „Ich schäme mich dafür, was ich in meinen eigenen Kindern zerstört habe. Wenn ich heute daran denke, wie ich meine Kinder immer wieder mit der Weidenrute geschlagen haben, verzweifele ich an mir selbst“.

Robert Pleyer (mit Axel Wolfsgruber): Der Satan schläft nie. Mein Leben bei den Zwölf Stämmen, Knaur 2014, ISBN 978-3426787366, 14,99 Euro