Buchtipp: Soraya Alekozei: Sie konnten mich nicht töten

Von Simone Wachter

Alekozei1979 flüchtet die Afghanin Soraya Alekozei vor dem Einmarsch der Sowjetunion nach Deutschland. 2005 kehrt sie als deutsche Soldatin und Übersetzerin zurück in ihr Heimatland, um beim Wiederaufbau zu helfen. Darüber hat sie ein bewegendes Buch geschrieben.

Soraya Alekozei wird 1955 in Kabul geboren und wächst wohlbehütet in einer liberalen, westlich orientierten Familie auf. 1974 heiratet sie und folgt ihrem Mann Wali im Rahmen eines studentischen Austauschprogramms nach Deutschland. Die Sehnsucht nach Afghanistan und ihrer Familie bewegen sie nach wenigen Jahren zur Rückkehr in ihre Heimat. Doch als 1979 die Rote Armee in Afghanistan einmarschiert und mehrere Familienmitglieder verfolgt und inhaftiert werden, entscheidet sich die mittlerweile zweifache Mutter endgültig für ein Leben in Deutschland.

Hier arbeitet sie erfolgreich beim Rundfunk und später bei der Post, leidet jedoch permanent unter Schuldgefühlen, ihre Familie und andere Menschen in Afghanistan im Stich gelassen zu haben. Mit großer Sorge muss Soraya Alekozei aus der Ferne beobachten, wie nach dem Abzug der Sowjet-Armee die Taliban während der 1990er Jahre das Land in Chaos, Terror und Zerstörung stürzten.

Mit der Bundeswehr zurück in die Heimat

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 und der folgenden internationalen Intervention in Afghanistan reist Soraya Alekozei 2002 erstmals wieder nach Kabul und ist erschüttert, als sie u.a. auf halbverhungerte Kinder trifft, die in Kanalrohren vor sich hin vegetieren. Sie möchte unbedingt Hilfe leisten und fasst einen mutigen Entschluss: Zurück in Deutschland nimmt sie eine Arbeit bei der Bundeswehr. an Sie begleitet die deutschen Truppen als Übersetzerin und Rundfunkjournalistin, nimmt als Reserveoffizier von 2005 bis 2011 an sechs Afghanistan-Einsätzen teil und engagiert sich als Mittlerin zwischen den Kulturen.

Als ISAF-Dolmetscherin trifft Soraya Alekozei auf Provinzgouverneure, Warlords und einfache Bauern. Mit Enthusiasmus und viel Idealismus stürzt sie sich in ihre Arbeit, allen Widerständen zum Trotz. Alekozeis Ziel: den Menschen in diesem von Leid und Krieg zerschundenen Land zu helfen. Ihr sehnlichster Wunsch: Afghanistan soll wieder zu dem Land werden, das sie in ihrer Kindheit kennen und lieben lernte, zu einem Afghanistan, das sie als gastfreundlich, weltoffen und tolerant in Erinnerung hat.

Bewegendes Afghanistan-Bild ohne Klischees

So mutiert der Bundeswehreinsatz zu ihrer ganz persönlichen Mission. Besonders die Unterstützung sozialer Hilfsprojekte ist Soraya Alekozei eine Herzensangelegenheit. Unbürokratisch und selbstlos hilft sie den Menschen in ihrer großen Not. Sie zögert und fragt nicht lange, sondern handelt. Alekozei sammelt Spenden, mit denen ein Waisenhaus gebaut wird, sie kümmert sich um kranke Kinder, in Armut geratene Familien und Frauen, die im Gefängnis sitzen. Mit großem Schmerz muss Alekozei jedoch das Wiedererstarken der Taliban miterleben. Sie verliert zahlreiche Bundeswehr-Kameraden bei Gefechten und Anschlägen. Allen Bedenken und Gefahren zum Trotz beschließt sie, auch 2011 wieder nach Afghanistan zu gehen. Eine tragische Entscheidung.

„Sie konnten mich nicht töten“ ist die ebenso spannende wie sehr persönliche Geschichte einer starken, mutigen Frau und ihrer Liebe zu ihrer Heimat. Soraya Alekozei hat ein informatives und erschütterndes Buch geschrieben, das weit mehr ist als eine gewöhnliche Autobiografie. Der Autorin gelingt es, ein differenziertes und bewegendes Bild ihrer Heimat Afghanistan jenseits bisheriger Medienklischees zu zeichnen. „Sie konnten mich nicht töten“ ist ein beeindruckendes, authentisches und absolut lesenswertes Buch. Emotional, traurig und dennoch immer hoffnungsvoll. Ein Buch, das den Leser tief berührt und das darüber hinaus sehr eindringlich, leicht verständlich und gut geschrieben ist. Einen weiteren interessanten Einblick liefern auch die zahlreichen Fotos, die im Mittelteil des Buches zu sehen sind.

Soraya Alekozei: Sie konnten mich nicht töten: Als Afghanin im Einsatz für die Bundeswehr, Econ Verlag 2014, 18 Euro, ISBN 978-3430201742