Pierre Sanoussi-Bliss: “Für die Kunst tue ich alles”

70 000 Euro bis Mitte April. Das ist das Ziel von Pierre Sanoussi-Bliss. Um seinen neuen Film “Weiber! Schwestern teilen. Alles” zu drehen, sammelt der Schauspieler und Regisseur per Crowdfunding Geld. Ein Interview über Filme am Rande der Katastrofe, den Stromberg-Effekt und Schubladendenken, das die Kreativität tötet.

Foto: Andreas Acktun

Foto: Andreas Acktun

Was ist Ihre Seele wert?

‘Ne Menge, hoffe ich.

Auf der Crowdfunding-Plattform „Startnext“ bieten Sie Ihre Seele für den Fall an, dass Ihnen jemand 100 000 Euro bezahlt, damit Sie Ihren Film „Weiber!“ produzieren können. Ist er das wert?

Natürlich wird mein Film “Weiber!” das wert sein! Und einen Teil meiner Seele wird man auch nicht erst an meinem Todestag, sondern schon beim Ansehen des Films bekommen. Es steckt nämlich eine Menge davon drin. Und Herzblut! Und Leidenschaft! Alles eigentlich unbezahlbar, aber für die Kunst tue ich alles. Und die Menschen, denen bisher schon ein Stück meiner Seele gehört, haben es bis jetzt auch noch nie bereut. Mein Seelchen ist nämlich ziemlich verjuxt und macht Spaß.

Was hat Sie bewogen, einen Film komplett über Crowdfunding zu finanzieren?

Die schmerzlichen Erfahrungen von vielen meiner Kollegen und von mir haben mich diesen Entschluss fassen lassen. Es quatschen einem sonst zu viele rein. Oft auch Leute, deren Denken von hier bis zum Gartenzaun reicht, wobei viele einen relativ kleinen Garten zu haben scheinen… Außerdem gibt es in Deutschland ein Kreativität tötendes Schubladendenken. Der Film muss möglichst immer konkret für eine Zielgruppe geschrieben sein. Es scheint bei vielen Entscheidern niemand mehr auf die Idee zu kommen, dass Zuschauer auch mal andere Welten betreten wollen, als die, die man ihnen zubilligt. Ich habe die Erfahrung schon mit meinem Film “Zurück auf Los!” gemacht, den man sofort in die Schublade “Schwulenfilm” packte, den inzwischen aber weltweit überwiegend keine Schwulen gesehen haben und der auch bei ganz normalen Festivals mit großem Erfolg lief. “Zurück auf Los!” hat damals meinen 12-jährigen Nichten genauso viel Spaß gemacht, wie z.B. meinem damaligen Chef bei “Der Alte”, Rolf Schimpf. Der war da Mitte 70. Soviel zur Schublade.

Dass man mithilfe von Crowdfunding Filme produzieren kann, hat „Stromberg“ gezeigt. Die Macher konnten ihren Spendern sogar eine Rendite auszahlen. Liegt die Zukunft des Films in dieser Art der Finanzierung?

Da bin ich mir nicht sicher. “Stromberg” hatte natürlich den Stromberg-Effekt durch über Jahre laufende TV-Staffeln und einen entsprechenden Bekanntheitsgrad. Die Leute wussten also, wozu sie gebeten sind. Das liegt bei meinem Film “Weiber!” völlig anders. Wenn ich sehe, wieviel Aufwand nötig ist, schon allein meine Facebook-Freunde, von denen ich die Telefonnummern habe und die ich durch die Bank weg kenne, zu motivieren, mal auf zwei Milchkaffee in Berlin-Mitte zu verzichten und statt dessen vielleicht einen Zehner für unsere Startnext-Aktion locker zu machen, dann glaube ich nicht, dass sich Filme in Zukunft ausschliesslich so finanzieren lassen. Es hätte sicher auch zur Folge, dass eine ganze Branche verarmt, wenn die Beteiligten ständig unter Tarif, bzw. für umme arbeiten. Man kalkuliert ja Crowdfunding-Projekte eher knapp an der Grenze zur Katastrofe. Umso mehr freue ich mich aber für jeden, bei dem es funktioniert. Und dieser Bettel-Modus, in dem man sich konstant befindet, ist auch mal ‘ne Erfahrung wert. Kaum eine Redaktion, die man anschreibt, ist ja überhaupt gewillt, ein unterstützendes Interview mit einem zum Thema zu machen. In den meisten Fällen kommt nicht mal eine Antwort auf meine zuckersüßen Mails. Das waren alles Redaktionen, die sich tagelang in der Presse nicht einkriegten, als ich bei “Der Alte” rausflog. Aber ich kann mir ja nun schlecht einen Arm abhacken, um Erwähnung zu finden. Die Seele muss erstmal reichen. Insofern schonmal vielen Dank an “Die Gazelle”!

Sehr gerne! Aber zurück zu „Weiber“. Worum wird es in Ihrem Film gehen?

Kurz vorweg: Doris Dörrie, der ich das Drehbuch zu lesen gab, schrieb mir: “Mensch Pierre! Das ist nach ´Zurück auf Los!` Dein zweiter Treffer! Du kannst schreiben, Du Aas! Suuuuuuuper! Wie Du schon in den ersten paar Szenen die ´Weiber´ charakterisierst, das macht Dir so schnell keiner nach! Auch der Plot ist toll! Was will man mehr! Ich drück Dir die Daumen!” Hier ein kurzer Einblick:

Als die Schwestern Ama (Winnie Böwe), Senta (Floriane Daniel) und Klara (Astrid Ann Pollmann) ein verwaistes weißes Häschen am Straßenrand auflesen, wissen sie noch nicht, dass sie damit ihrem Schicksal einen kräftigen Stoß verpassen und es in eine andere Richtung schicken. Denn kurz darauf kommt Klaras gewalttätiger Mann Markus auf ebensolche Weise durch die Hand der Schwestern um.
Ama wird von ihrem Schwager posthum schwanger und Klara kurz darauf vom Krebs dahingerafft. Markus’ Leiche verschwindet unter der kundigen Anleitung der angehenden Ärztin Ama, die auch über Mittel und Wege verfügt, um heimlich zur Leihmutter von Schwester und (Ex)Schwager zu werden. Unterstützt wird sie von ihrer Schwester Senta, die als ehemalige Prostituierte „Leute kennt“, die einem „gerne helfen“, wenn man sie nur „richtig anspricht“. Hartnäckige Fragen nach Markus` Verbleib stellt niemand. Denn nachdem er seine Schwägerin „geschwängert“ und von seiner Frau „rausgeworfen wurde“, erscheint es nur zu logisch, dass er sich weit weg eine neue Bleibe gesucht hat.
Als erneut ein Markus in das Leben der Schwestern tritt und er sich als Beamter der Mordkommission entpuppt, macht sich Panik breit. Unbegründet wie sich rasch herausstellt. Ama wird erneut schwanger, doch dieses Mal auf natürliche Weise. Aber das große Glück hält nur kurz. Als Ama Markus dabei erwischt wie er aus anderen Honigtöpfchen nascht, erinnert sie sich an das Buch „Tote haben keine Lobby“ von Sabine Rückert, nach dem die Hälfte aller Morde in Deutschland unentdeckt bleiben …

Das klingt nur etwas konfus, ist es aber nicht. Mein Hauptaugenmerk wird auf den zwischenmenschlichen Beziehungen in Extremsituationen liegen.

Mit Winnie Böwe, Floriane Daniel und Astrid Ann Pollmann spielen drei renommierte Schauspielerinnen in den Hauptrollen. War es schwierig, die drei zur Teilnahme an diesem besonderen Projekt zu bewegen?

Das war supereinfach und ich bin den drei Grazien unendlich dankbar für ihre prompte Entscheidung. Lesen – Zusagen. Mehr war nicht. Bei den anderen Kollegen war es ähnlich. Ist natürlich auch eine Terminfrage. Aber Margit Bendokat, die Theatergöttin am Deutschen Theater in Berlin, und mein “Der Alte”-Kollege Michael Ande, die die Eltern der drei Schwestern spielen, waren auch sofort Feuer und Flamme. Bei Sven Martinek, Werner Daehn, Matthias Freihof, Hans Brückner u.a. gab es auch kein Zögern. Trotz ohne Geld und anderen Verpflichtungen, die was einbringen. Da hab ich am Wasser gebaut.

Bis Anfang April müssen Sie nun 70 000 Euro sammeln, damit „Weiber“ gedreht werden kann. Wie ist Ihr Gefühl: Schaffen Sie es – und können Ihre Seele vielleicht sogar behalten?

Ach, mit meiner Seele kann man nach meinem Tod machen, was man will. Man muss nur schneller sein als der Teufel. Und es gibt ja auf der Startnext-Seite noch viele andere “Dankeschöns”, die man sich aussuchen kann. Der Schwarm macht die Musik. Ob ich die Summe zusammenbringe, das werde ich sehen. Wir drehen auf alle Fälle und Ende Mai wird der Film im Kasten sein. Aber mir wäre sehr daran gelegen, dass grade die Leute hinter der Kamera, die sich mir so heroisch zur Verfügung stellen, auch wenigstens eine Art Aufwandsentschädigung bekommen können. Sperren Sie mal bei Wind und Wetter stundenlang eine Straße ab oder ähnliches. Wir brauchen Geld für Maske, Kostüme, Locations, Catering, Transport, Werbung und es folgt ja auch dann noch die Postproduktion. Da gehen Gelder drauf, über die sich der Normalbürger keine Gedanken macht. Ich stecke natürlich auch viel rein, aber wir würden uns freuen, wenn neben den Lesern und Interessenten die eine oder andere Firma in der Stadt auch was locker macht. Es gibt ja absetzbare Rechnungen. Und wenn ich als alter Ossi was gelernt habe, dann ist es Solidarität. Ich habe in den letzten Jahren auf Startnext viele Projekte unterstützt, bei denen ich die Macher nicht mal kannte, aber mir die Idee sehr gefiel. Alles in allem habe ich bisher für 3971 Euro  Projekte unterstützt und es war sehr schön, wenn diverse Vorhaben dadurch das Licht der Welt erblickten. Da lacht meine Seele. Und eine lachende Seele… siehe erste Frage.

(schriftliches) Interview: Kai Doering

Genauere Informationen zum Film und die direkte Möglichkeit, ihn finanziell zu unterstützen, gibt es auf der Crowdfunding-Plattform “Startnext”.