Buchtipp: Zadie Smith: Die Botschaft von Kambodscha

Von Kai Doering

Eine Sklavin ist sie 9783462046854_5nicht. Da ist sich Fatou sicher. Ziemlich zumindest. Denn anders als die Frau aus dem Sudan, von der Fatou in einer Zeitschrift gelesen hat, darf sie das Haus der Familie, für die sie arbeitet, verlassen. Und verprügelt wird sie auch nicht. Geld für ihre Arbeit im Haushalt erhält Fatou allerdings keins. Das verrechnet die Familie Derawal mit den Kosten für Miete und Nahrung. Und ihren Pass hat Fatou auch nicht mehr gesehen seit sie aus Rom im Londoner Stadtteil Willesden angekommen ist.

Fatou ist eine Illegale. Aus der Elfenbeinküste ist sie als Teenager mit ihrem Vater nach Ghana geflohen. Nach einigen Jahren, in denen sie in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitete, gelang ihr die Weiterreise nach Rom – und schließlich nach London. Die Zeit im Hotel hat Fatous Leben verändert: Am Strand brachte sie sich selbst das Schwimmen bei.

Der Federball hinter der Mauer

Angekommen in London ist es ihr schönster Zeitvertreib. Jeden Montagmorgen geht Fatou mit der Gästekarte der Familie Derawal – natürlich ohne deren Wissen – im Wellnesscenter schwimmen. Jeden Montagmorgen kommt sie an der Botschaft von Kambodscha vorbei. Jeden Montagmorgen sieht sie einen Federball hinter der Mauer hin und her fliegen.

Und dann ist da noch Andrew Okonkwo. Er kommt aus Nigeria und studiert in London. Mit Andrew geht Fatou jeden Sonntag in die Kirche und danach ins tunesische Café, wo Andrew ihr Kaffee und Kuchen spendiert.

Fatous Leben ist nicht sonderlich spektakulär, aber ihr gefällt es. Die Familie Derawal behandelt sie nicht sonderlich nett, aber es ist erträglich. Doch dann rettet Fatou eines Tages der jüngsten Tochter das Leben und mit einem Mal gerät der fein austarierte Alltag ins Wanken.

Ein Gesicht für die Namenlosen

Nur gut 60 Seiten ist diese Erzählung der britischen Schriftstellerin Zadie Smith lang, doch hat man hinterher das Gefühl, man hätte einen ganzen Roman gelesen. Anhand der fiktiven Fatou erzählt Smith, wie es Tausenden Flüchtlingen ergeht – sofern sie überhaupt in Europa ankommen. Ohne Rechte werden sie ausgebeutet, ihr Status als Illegale wird von ihren Arbeitgebern ausgenutzt.

Doch Smith zeigt, dass diese Menschen dennoch große Lebenslust versprühen. Sie erfreuen sich an kleinen Dingen (wie Fatou am wöchentlichen Schwimmen im Geheimen) und machen sich ihre Gedanken über das Leben (wie Fatou, die zu gerne wüsste, was sich hinter den Mauern der Botschaft von Kambodscha tut und was die Kambodschaner wohl für Menschen sind). Zadie Smith gibt all den Namenlosen, die übers Mittelmeer kommen und deren Schicksal kaum noch eine Meldung in der Zeitung wert ist, ein Gesicht.

„Die Botschaft von Kambodscha“ erschien zunächst 2013 in der amerikanischen Wochenzeitschrift „The New Yorker“. Nun liegt sie auch in der – leider nicht immer ganz sauberen – deutschen Übersetzung von Tanja Handels vor. Kiepenheuer & Witsch verlegt sie als zweisprachige Ausgabe. Mit der Botschaft von Kambodscha hat Zadie Smith einmal mehr bewiesen, dass sie nicht nur fesselnde Romane schreiben kann, sondern eine großartige Erzählerin ist.

Zadie Smith: Die Botschaft von Kambodscha, Kiepenheuer & Witsch 2014, ISBN 978-3-462-04685-4, 7,99 Euro