Pauline Tillmann: „Wir müssen das Publikum fordern“

Frauen sichtbarer machen – Das ist das Ziel von sieben Auslandskorrespondentinnen, die die Internetseite „Deine Korrespondentin“ ins Leben rufen wollen. Die Anschubfinanzierung soll per Crowdfunding zusammenkommen. Ein Interview mit der Initiatorin Pauline Tillmann

Foto: Paule Saviano

Foto: Paule Saviano

Was vermissen Sie in deutschen Medien?

Erst mal vorweg: Ich finde, wir haben eine unglaublich pluralistische Medienlandschaft in Deutschland! Ich kenne mich gut in Osteuropa aus und wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass es bei uns in Deutschland so viele unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften gibt. Plus öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Plus lesenswerte Blogs. Was mir manchmal fehlt, ist der Mut – und zwar sowohl seitens der Verlage, als auch seitens der Redakteure. Wenn ich vermeintlich schwierige, komplizierte Themen vorschlage, werden sie oft abgelehnt mit dem Argument: „Das können wir unserem Leser, Hörer, Zuschauer nicht vermitteln.“ In Wirklichkeit glaube ich, dass das sehr wohl geht. Wir müssen das Publikum fordern. Manchmal vielleicht sogar über-fordern. In jedem Fall aber heraus-fordern. Mit den Geschichten von „Deine Korrespondentin“ wollen wir genau das erreichen.

Was ist das genaue Ziel Ihres Projekts?

Wir wollen mit der Crowdfunding-Kampagne auf “Startnext” die Sichtbarkeit von Frauen erhöhen – und zwar von Korrespondentinnen genauso wie von inspirierenden Frauen. Unser Motto lautet: „Von Frauen. Über Frauen. Für alle.“ Das heißt, unsere Zielgruppe sind Frauen und Männer. Wenn bis zum 16. März 5000 Euro zusammenkommen, werden wir einen Designer beauftragen können, die Webseite deine-korrespondentin.de zu entwickeln. Außerdem brauchen wir Geld, um die Autorinnen für die ersten Artikel und Beiträge zu honorieren. Fünf unserer Korrespondentinnen sind freie Journalistinnen, die von ihrer Arbeit leben wollen. Natürlich können wir am Anfang keine marktüblichen Honorare bezahlen, aber ich finde, es wäre ein fatales Zeichen, wenn wir alles für lau machen würden.

Warum ist es wichtig, die Sichtbarkeit von Korrespondentinnen zu erhöhen? Geht es nicht eher um die Berichte als um die Personen, die sie machen?

Es geht um beides. Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie Korrespondentinnen heutzutage arbeiten. Zum Beispiel was sie alles leisten – mit Text, Foto, Audio, Video und auch Social Media. Ich kenne viele solcher Frauen zwar persönlich, aber auf Konferenzen und Diskussionspanels sehe ich sie nicht, weil sie nicht eingeladen werden. Das ist das Eine. Und das Andere ist, dass wir durchaus der Überzeugung sind, dass es viele inspirierende Frauen gibt, die ihre fünf Minuten Ruhm verdient hätten. Die spannende Initiativen starten. Die für Gleichberechtigung in Afrika kämpfen. Die versuchen, Kind und Karriere zu vereinbaren. Diese Frauen wollen wir portraitieren und damit auch das Große im Kleinen aufzeigen. Das heißt, wir erzählen das Einzelschicksal der jungen Afghanin Kathra, die exemplarisch dafür steht, woran die afghanische Gesellschaft insgesamt krankt.

Sie haben „Deine Korrespondentin“ als Crowdfunding-Projekt gestartet. Warum haben Sie gerade diesen Weg der Finanzierung gewählt?

Ich habe vor zwei Jahren mein erstes Crowdfunding-Projekt „Der flammende Tibeter“ gestartet – und gute Erfahrungen gemacht. Ich habe sehr viel über Crowdfunding gelernt, 15 Lehren auf meinem Blog formuliert und zu diesem Thema auch mehrfach Referate und Seminare gehalten. All das habe ich in die neue Kampagne einfließen lassen. Ich glaube, Crowdfunding ist eine gute Möglichkeit, Startkapital einzusammeln und um Aufmerksamkeit zu werben. Außerdem können wir dadurch überprüfen, ob es überhaupt Interesse für so ein Angebot gibt. Vielleicht finden nur wir sieben Korrespondentinnen die Idee gut – aber sonst keiner. Für eine langfristige Finanzierung brauchen wir aber dauerhaft Unterstützer, die von der Idee begeistert sind – was sich dann auch in einem Abo niederschlägt. In den vergangenen Monaten habe ich mich auch bei Stiftungen in Deutschland um eine Anschubfinanzierung beworben, aber leider nur Absagen kassiert. Für die Stiftungen ist es nicht möglich, eine Privatperson zu fördern. Um Stiftungsgelder zu bekommen, bräuchten wir einen gemeinnützigen Verein. Deshalb denken wir darüber nach, mittelfristig einen Verein zu gründen.

Ist „Deine Korrespondentin“ auch eine Kampfansage an die „klassischen“ Medien?

„Deine Korrespondentin“ ist keine Kampfansage. Wir wollen vieles anders machen als „klassische Medien“. Aber das heißt nicht, dass wir gegen andere Medien ankämpfen. Wir sind sieben Frauen und wollen mit 5000 Euro starten. Eine ZEIT, ein SPIEGEL oder eine FAZ lachen über solche Kleckerbeträge, aber wir wollen damit Schritt für Schritt etwas Größeres aufziehen. Unsere Webseite deine-korrespondentin.de würde anspruchsvolle Geschichten über Frauen liefern, die es sonst nirgends zu finden gibt. Aber natürlich handelt es sich dabei um eine Nischenpublikation. Wenn wir irgendwann 500 oder 600 Unterstützer finden, die unsere Idee mittragen, könnten wir damit schon eine ganze Menge umsetzen. Ich war im vergangenen Herbst auf Recherchereise in den USA und ich bin überzeugt: Das goldene Zeitalter des Journalismus steht uns allen noch bevor.

Wenn Sie das Geld zusammenbekommen: Ab wann soll „Deine Korrespondentin“ online sein?

Wir planen, die Webseite Anfang Mai zu launchen.

Sie haben bereits gesagt, dass sie mittelfristig ein Abomodell anstreben. Ist das realistisch? Schließlich herrscht im Netz eine Gratistkultur.

Der erste Monat ist ein „Schnuppermonat“. Das heißt, die ersten Geschichten wird es umsonst geben. Danach soll eine Bezahlschranke greifen. Wir sind überzeugt, dass die Zeit dafür inzwischen reif ist. Wir glauben, wenn man ein hochwertiges Angebot im Netz schafft, sind die User auch bereit, dafür zu bezahlen. Unsere Korrespondentinnen liefern jeden Monat zehn Geschichten aus Afrika, dem Nahen Osten, Afghanistan, USA, Osteuropa und auch aus Deutschland. Das heißt, wenn man das Ganze herunterbricht, kostet den Onlinenutzer eine Geschichte auf „Deine Korrespondentin“ einen Euro im Monat. Das ist weniger als ein Espresso.

Sie wollen auch ihre Leser mit einbeziehen. Wie wird das aussehen?

„Deine Korrespondentin“ impliziert, dass wir das Publikum direkt ansprechen wollen. Wir wollen ansprechbar, greifbar sein. Wir wollen transparent über unsere Arbeit berichten – auch dann, wenn die Recherche besonders schwierig oder mühsam war. Wir nennen das die „Geschichte hinter der Geschichte“. Wir denken da an Google-Hangouts mit den Korrespondentinnen oder an Kaminabende, bei denen wir mit unseren Unterstützern direkt in Kontakt treten wollen. Es ist nicht so, dass die Crowd uns Themen vorgibt wie bei „Crowdspondent“. Wir wollen eher Anregungen in unseren Recherchen aufgreifen. Unser Ziel ist, dass sich unsere Unterstützer mit „Deine Korrespondentin“ auch ein Stück weit identifizieren. Dass es nicht nur unser Herzensprojekt ist, sondern auch das der Unterstützer. Deshalb haben Dialog und Austausch bei uns von Anfang an einen extrem hohen Stellenwert. Wir sind der Meinung, nur so können wir der Glaubwürdigkeitskrise, in der die Medien in Deutschland seit der Ukraine-Berichterstattung stecken, entgegenwirken.

(schriftliches) Interview: Kai Doering