Symbol weiblicher Emanzipation: zum Tode von Assija Djebar

Sie galt als die bedeutendste Dichterin der islamischen Welt und war eine betont politische Schriftstellerin, die sich für Frauenrechte und demokratische Erneuerung in Algerien einsetzte. Im Alter von 78 Jahren ist am 6.Februar die algerische Schriftstellerin und Feministin Assia Djebar in Paris gestorben.

Von Simone Wachter

Foto: cc Michel-georges bernard

Foto: cc Michel-georges bernard

Assia Djebar wurde 1936 als Fatima-Zohra Imalayene in Algerien geboren. 1954 ging sie nach Frankreich, wo sie als erste Algerierin an einer Eliteuniversität aufgenommen wurde und Geschichte studierte. Nach dem Studium veröffentlichte sie 1957 ihren ersten Roman „Durst“, mit dem sie sofort Berühmtheit erlangte. Doch Assia Djebar musste große Widerstände überwinden, denn bis in die 1950er Jahre war es in Algerien unmöglich, sich als Frau in der Öffentlichkeit schriftstellerisch zu betätigen.

Unter dem Pseudonym Assia Djebar, das sie wählte um ihre Familie zu schützen, begann sie eine Karriere als Schriftstellerin, wurde später Hochschulprofessorin und machte sich einen Namen als Journalistin, Intellektuelle und Feministin. Auch als Regisseurin war Assia Djebar erfolgreich. Sie produzierte mehrere Filme, viele davon in arabischer Sprache. Einige Romane und Filme Assia Djebars lösten heftige Debatten in Algerien aus, da sie darin die unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen und Männern in Algerien und die untergeordnete Stellung der Frau in der weitgehend patriarchalischen Gesellschaft kritisierte. Das Streben nach Freiheit und das Aufbegehren gegen die Grenzen dieser patriarchalisch-religiösen Tradition blieben zeitlebens ihre wichtigsten Themen.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 kehrte Assia Djebar in ihre Heimat zurück, wo sie in Algier als Dozentin wirkte. 1980 verließ sie Algerien wieder und siedelte nach Paris über. Regelmäßig bereiste Djebar ihr Heimatland, bis aufgrund des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren die Besuche unmöglich wurden. 1995 zog sie in die USA, zuerst nach Louisiana und dann nach New York. Sie lehrte an Universitäten in Algerien, Frankreich und den USA. Als eine der renommiertesten und einflussreichsten Autorinnen aus dem Maghreb wurde Assia Djebar in den vergangenen Jahren mehrfach als Anwärterin für den Literaturnobelpreis gehandelt.

„Solange man lebt, durchströmt einen das Bedürfnis zu erzählen als einziger Antrieb.“

Djebar schrieb mehr als 15 Romane sowie Kurzgeschichten und Gedichte. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Sie handeln von der Geschichte Algeriens, vom Kolonialismus und der Rolle der Frau in der islamischen Welt. Djebars Romane (und Filme) weisen neue Wege zur Verständigung zwischen den Kulturen, den Geschlechtern und nicht zuletzt den Religionen. Als Autorin setzte sie sich ausführlich mit Gewalt auseinander und prangerte vor allem die Brutalität des religiösen Fundamentalismus an, u.a. in ihrem Roman „Weißes Algerien“ (1996), der vom Schrecken der Intellektuellen-Morde in Algerien während des Kolonialkrieges berichtet.

Darüber hinaus thematisierte Debar den politischen Freiheitskampf in ihrem Heimatland. Hierfür trat in ihrem Werk die Aufarbeitung der Kolonialzeit in den Vordergrund. Ziel ihres unentwegten feministischen Engagements war es, algerische Frauen aus ihrer Unterdrückung zu befreien, ihnen eine würdige Stimme zu verleihen und ihre zuvor unter dem Schleier verborgenen Körper sichtbar zu machen. Djebars Romane beschreiben in poetischer Sprache die Suche nach weiblicher Identität, die Entdeckung des weiblichen Körpers und die erotische Selbstfindung der arabischen Frau, die einhergeht mit der Eroberung der Außenwelt und der öffentlichen Sphäre. Nicht nur in ihrem Heimatland wurde Assia Djebar damit zum Symbol weiblicher Emanzipation.