Tuğçe-Prozess: Das Andenken bewahren

Die Anteilnahme war riesig: Als Tuğçe Albayrak am 28. November im Krankenhaus starb, litten viele mit, obwohl sie die Studentin aus Offenbach gar nicht persönlich kannten. Zwei Wochen zuvor war Tuğçe von einem jungen Mann ins Koma geprügelt worden, weil sie zwei von ihm bedrängten Mädchen helfen wollte. Im Frühjahr beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Sanel M. „Gazelle“ hat mit Macit Karaahmetoğlu gesprochen. Er vertritt Tuğçes Eltern als Nebenkläger.

Foto: Ludwigsburger Kreiszeitung/Ramona Theiss

Foto: Ludwigsburger Kreiszeitung/Ramona Theiss

Wann haben Sie erfahren, was Tuğçe Albayrak passiert ist?

Das war am 16. November, also einen Tag nach der Tat. Ein Freund, der Journalist ist, hat mir davon berichtet.

Was waren Ihre ersten Gedanken?

Ich war schockiert und fassungslos, aber gleichzeitig fest davon überzeugt, dass Tuğçe den Angriff überleben wird. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Mensch einfach so stirbt für nichts und wieder nichts.

Gibt es mittlerweile Klarheit, was genau in den frühen Morgenstunden des 15. November in und vor der McDonald‘s-Filiale in Offenbach passiert ist?

Im Großen und Ganzen schon. Natürlich darf ich als Anwalt nicht dem Gerichtsverfahren vorgreifen, aber vieles, worüber in den Medien auch schon berichtet wurde, ist unstreitig. Die Aufzeichnungen der Videoüberwachung zeigen ganz klar, dass der mutmaßliche Täter Tuğçe ins Gesicht geschlagen hat, sie daraufhin umgefallen und mit dem Kopf auf den Asphalt geschlagen ist. Infolge der Verletzungen, die sie dabei erlitten hat, ist Tuğçe am 28. November im Krankenhaus verstorben.

Wissen Sie inzwischen schon, wann der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Sanel M. beginnen wird?

Nein, der Prozessauftakt ist bisher noch nicht terminiert worden. Es stehen noch einige Zeugenaussagen aus, die noch gehört werden müssen. Ich war davon ausgegangen, dass noch im Januar Anklage erhoben wird. Inzwischen tendiere ich eher zu Februar. Dann könnte der Prozess im Frühjahr beginnen.

Sie vertreten gemeinsam mit Ihrem Kollegen Tuğçes Eltern als Nebenkläger. Was bedeutet das genau?

Als Nebenkläger können wir neben der die Anklage vertretenden Staatsanwaltschaft eigenständig Einfluss auf den Prozessverlauf nehmen. Wir können Zeugen befragen, Anträge stellen und ähnliches. Das kann wichtig sein, weil so vielleicht Dinge ans Tageslicht kommen, die die Staatsanwaltschaft nicht berücksichtigt hat.

Sie sind in regelmäßigem Kontakt mit der Familie Albayrak. Wie geht es ihr einige Woche nach der Beerdigung ihrer Tochter?

Inzwischen etwas besser. Hinter der Familie liegt eine sehr schlimme Zeit. Die Tage als Tuğçe im Koma lag, war eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Als dann der Hirntod feststand, war die ganze Familie geschockt – und musste gleichzeitig funktionieren, um die Beerdigung zu organisieren. Die Trauerarbeit begann dann nach der Beerdigung. Diese Phase hält an, aber ich habe den Eindruck, dass die Familie inzwischen auch wieder ein wenig Normalität wahrnehmen kann.

Welche Gefühle hat die Familie dem mutmaßlichen Täter gegenüber?

Mit dem befassen sich Tuğçes Eltern praktisch gar nicht. Sie sind mit der Trauer um ihre Tochter beschäftigt. Ihnen geht es nun vor allem darum, das Andenken an ihre Tochter zu bewahren, an eine junge, toughe Frau, die sehr mutig war und eine ausgeprägte soziale Ader hatte. Damit die Erinnerung daran weiterlebt, wollen Tuğçes Eltern eine Stiftung gründen, die Zivilcourage fördert. Es sollen Menschen unterstützt werden, die ihren Mitmenschen helfen – ganz so wie Tuğçe.

Welche Strafe droht dem mutmaßlichen Täter?

Beim Strafmaß werden viele Faktoren eine Rolle spielen – die Art und Weise, wie er in den Medien beschrieben wurde, die Art, wie seine Freunde aufgetreten sind und dabei wenig Reue haben erkennen lassen, aber auch das Alter des mutmaßlichen Täters. Er war ja erst wenige Tage vor der Tat 18 Jahre alt geworden. Deshalb gehe ich davon aus, dass auf jeden Fall das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen wird. Das bedeutet, dass das Gericht eine Freiheitstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren verhängen könnte. Tuğçes Eltern haben übrigens keinen Zweifel daran, dass das Gericht eine gerechte Strafe aussprechen wird. Sie vertrauen dem Rechtsstaat.

In den Medien ist der Fall auch als Beispiel gelungener im Gegensatz zu misslungener Integration dargestellt worden. Teilen Sie diese Auffassung?

Nein, aus meiner Sicht geht es hier weniger um Integrationspolitik als vielmehr um sozialpolitische Fragen. Der mutmaßliche Täter kommt aus eher bildungsfernen Verhältnissen, während Tuğçes Familie auf Bildung immer viel Wert gelegt hat. Diese Unterschiede gesellschaftlich auszugleichen wurde und wird vielfach versäumt.

Der mutmaßliche Täter stand schon mehrfach vor Gericht. Was hat der Staat falsch gemacht, dass er immer wieder straffällig werden konnte?

Die Verwarnungen und Strafen, die der mutmaßliche Täter bisher für verschiedene Delikte erhalten hat, haben offenbar nicht ausgereicht, um erzieherisch auf ihn einzuwirken. Die Gerichte hätten hier schon etwas härter vorgehen können oder sogar müssen, um ihn zu verwarnen und ihm klar zu machen, dass unsere Gesellschaft Gewalt nicht toleriert.

Sie haben in einem früheren Interview gesagt: „Der mutmaßliche Täter ist ein Produkt unserer Gesellschaft.“ Was meinen Sie damit?

Ich meine, dass wir uns als Gesellschaft schon fragen sollten, was wir anders machen müssen, damit solche Gewaltexzesse nicht mehr stattfinden. Der mutmaßliche Täter wurde in Deutschland geboren und hier sozialisiert. Da frage ich mich schon, was gesellschaftlich schief gelaufen ist, dass ein junger Mann zu solch einer Tag fähig ist.

Was wären die Konsequenzen?

Aus meiner Sicht ist Bildung der Schlüssel. Der mutmaßliche Täter hatte ja das Ziel, sein Abitur zu machen. Dass er daran gescheitert ist, hat sicher auch damit zu tun, dass er nicht genügend Unterstützung erhalten hat. Und wenn die Familie das nicht leisten kann, müsste der Staat einspringen. Das Bildungssystem in Hessen war offensichtlich nicht in der Lage dazu.

Interview: Kai Doering