Anschlag auf „Charlie Hebdo“: „Es geht nicht um Zeichnungen oder Bilder“

Sie wollten den Propheten Muhammed rächen. Das zumindest nannten die beiden Attentäter von Paris als Grund für ihren Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins “Charlie Hebdo”. Die Kinderbuch-Autorin Nadia Doukali kann das nicht nachvollziehen. “Der Ursprung der Wut ist ein anderer”, erklärt sie im Interview mit der “Gazelle”.

Interview: Sineb El Masrar

Kinderbuchautorin Nadia Doukali

Kinderbuchautorin Nadia Doukali

Als Sie von dem Anschlag auf die Pariser Satire Zeitung erfahren haben, was waren da Ihre ersten Gedanken?

Wie bei all den anderen Schreckensmeldungen auch, war ich erschrocken und traurig, dass so junge Menschen auf ihr eigenes Leben und das der anderen keinen Wert legen.

Die Attentäter wollten mit ihren Morden den Propheten Muhammed rächen. Wie erklären Sie sich diese derartige Wut auf Bilder und Zeichner?

Der Ursprung der Wut ist ein anderer. Es geht nicht um Zeichnungen oder Bilder, es geht auch nicht um eine Nation oder einen bestimmten Ort. Es hätte jeder Ort sein können, es hätte ein anderer Grund sein können. Einem Menschen, der fähig ist, einen anderen Menschen zu töten, zu entführen, zu bedrohen, dem fehlt es an Empathie und Rationalität. Es hilft auch hier nicht mit zweierlei Maß zu messen, denn schlussendlich sind diese jungen Menschen, die zu allem bereit sind und ihr Leben geben, zu dem gemacht worden, was sie sind. Wir alle sind so langsam aber sicher genauso verloren in unserem Empathie- und Ratioverständnis. Man ist geschockt und es stellt sich ganz natürlich Angst ein. Dies passiert auch, wenn es in anderen Teilen der Welt zu Attentaten, Morden, Entführungen oder im kleinen Dorf, zum Beispiel zur Vergewaltigung und Tötung eines minderjährigen Mädchens oder Jungens kommt. Mit dem Unterschied: umso näher an einem selbst, desto ängstlicher ist man.

Aus dieser Angst entsteht eine Wut, die einem Überlebensinstinkt entspringt. Ein Vater, eine Mutter, ein Bruder etc. hat im besten Fall einen zum Verneigen stabilen Charakter und setzt auf Recht und Richter oder er handelt im Affekt und rächt Gleiches mit Gleichem. Hier können wir nur als Gemeinschaft an die Vernunft appellieren, aufklären und einander festhalten. In dem Moment, wo sich eine Unvernunft oder Emotionalität in einer Gruppe formiert und an das glaubt, was es predigt, sei es Frieden oder Krieg. Dementsprechend wird es innerhalb der Gruppe gelebt. Ein sich immer wiederholender und schwer zu durchbrechender Rudelreflex. Die mediale Präsenz und die Tatsache, dass man kaum mehr Zeit hat über Dinge nachzudenken, die man sieht, liest und hört, geschweige denn sich vis-à-vis auszutauschen, fördert den Zustand, von der Welle der Meinung mitgerissen zu werden. Um es in ein Bild zu packen: Ist man stark genug, kann man sich bis die Welle vorübergezogen ist, an einem Ast (Familie, Gesellschaft, Freundschaft, Leben) festhalten. Hat man diesen Ast nicht vor sich, ist er zu schwach, knickt er ab, wird man Teil dieser Welle und im schlimmsten Falle unter ihr begraben. Dies ist sowohl den Attentätern passiert, als auch den Anhängern anderer Ideologien und Gedanken.

Können Sie unseren LeserInnen kurz die weit verbreitete muslimsiche Haltung zur bildlichen Darstellung des islamischen Propheten erklären?

Eine theologische Haltung kann ich hier nicht abliefern, denn selbst betagte und Bücher wälzende Professoren und Imame können, wenn sie nicht gerade im direkten Kontakt zu einer höheren Macht stehen, dies nicht abliefern. Vielleicht definieren wir mal, was für jeden einzelnen ein Bild darstellt. Für den einen ist es eine Fotografie, eine Zeichnung etc. Für mich ist alles, was ich mit meinen Augen sehe und in einen Zusammenhang bringe, ein Bild. Wenn ich nicht möchte, dass man einen Propheten darstellt, dann sollte ich darüber nachdenken, was für ein Bild ich abliefere, wenn ich mich nach dem, was man so von ihm weiß, gehört, gelesen, überliefert bekommen hat nacheifere. Wie in allem ist es auch hier eine Sache von Verstand, Definition und Respekt. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn Menschen wütend werden, wenn man ihre Gefühle verletzt.

Satire ist Kunst und wichtig. Ich erwarte persönlich einfach von Menschen, die sich mit dieser Kunstform ausdrücken, dass sie sich emphatisch und vernünftig verhalten. Wenn es dem Einen nichts ausmacht, sich selbst in einer homophonen, rassistischen Darstellung zu sehen und diese Darstellung der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen, dann soll er das bitte tun. Man sollte nur überlegen, ob es da draußen tatsächliche so viele Menschen gibt, die diese eigene Sicht teilen und sich mit diesem Bildnis identifizieren. Ich habe sehr viele Freunde, die im Bereich Illustration, Karikatur etc. arbeiten und bewundere dieses Talent. Es ist hier nochmal schwerer, als seinen Gedanken mit Worten Ausdruck zu verleihen und doch so klar und deutlich. Es ist ein Unterschied, ob ich Menschen zum Lachen oder zum Weinen bringen will. Allen wird man es nie Recht machen, soll man auch nicht, aber respektieren sollten wir uns.

Was bedeutet das für die zukünftliche Arbeit von Satirikern nach diesen Anschlag? Was für die Muslime, die sich von solchen Karikaturen verletzt fühlen?

Dazu kann ich nicht viel sagen. Mein Wunsch für die Zukunft ist aber, dass eine neue Generation der Satiriker heranwachsen wird, die gescheit mit ihrer Gabe umgeht. Es gibt bereits sehr gute Satiriker, Komödianten, Kabarettisten etc., die klugen, politischen, zum Nachdenken anregenden Humor haben und diesen der Menschheit schenken. Ein paar Pappnasen, die mit der Tür das Haus einrennen, wird es dennoch immer geben. Vielleicht ist es auch gut so, damit wir uns gegenseitig beschützen und oder ermahnen. Eine Handvoll Streitsuchende, die im Gegensatz zu der weltweiten lebensbejahenden und gelassenen Masse stehen, die geschmacklose Satire kalt lässt, wird es auch immer geben.

Kinderbuch_Muhammed_Doukali

“Muhammed, Prophet des Friedens” von Nadia Doukali. Erschienen im Salam Verlag, Freiburg (45 Seiten)

Sie haben das Kinderbuch “Muhammad, Prophet des Friedens ” gemacht. Erster Gedanke vieler beim ersten Anblick: “ein Buch über den jungen Propheten Mohammed. Die Autorin hat ein Buch über den Propheten zeichnen lassen!”

Ich habe den Propheten nicht zeichnen lassen. Das ist ein Missverständnis, mit dem ich ständig konfrontiert werde. Auf dem Cover des Buches sieht man einen kleinen Jungen mit dem Titel „Muhammad“ als Kaligraphie auf der Hand. Dieser Junge ist nicht Muhammad sondern Shams. Genau hier fängt ein allgemeines Problem an, das unsere schnelllebige, stark von anderen Meinungen geprägte Zeit hat. Wir sehen ein Bild, wir lesen eine Schlagzeile, wir laufen an einem Menschen vorbei, der gerade komisch guckt und sofort schaltet sich in unserem Kopf eine Maschinerie ein, die das wovor wir Angst haben oder was uns ärgert bestätigt. Schöne Dinge oder eine andere Sicht sehen wir kaum noch. Unsere Köpfe brauchen einen Neustart, unsere Augen eine Grundreinigung und unsere Herzen eine Reanimation.

Wie waren die Reaktionen auf diese Kinderbuchidee und später als es erschienen war?

Dazu muss ich sagen, dass ich mich als der Verlag mit der Bitte bei dem “Erzähl mir die Geschichte des Propheten-Wettbewerb” mitzumachen auf mich zukam , erstmal sträubte, da ich vor dem Thema zu großen Respekt hatte. Kinder sind ehrliche, reine und kluge Wesen und bei jedem Buch oder Konzept stelle ich mir vor, wie sie darauf reagieren würden. Ich frage da immer erst meine eigenen Kinder und deren Kritik ist oftmals vernichtend, aber ehrlich. Schlussendlich entschloss ich mich, dieses Buch zu schreiben, um eine Plattform für einen Dialog mit Kindern zu schaffen. Ihnen zu zeigen, dass man die Freiheit hat zu glauben und zu lieben. Der natürliche Instinkt und die Sehnsucht eines Kindes nach Liebe, Vertrauen und Frieden, kann und darf ich nicht mit meinem Bild vom Gegenteil zerstören. Wenn ein Kind einen Glauben hat, dann lass dieses Kind in Ruhe glauben oder auch nicht glauben. Hier muss ich mich selbst fragen, wie sehr ich vertraue, wenn ich meinem Kind unbedingt etwas aufzwingen möchte, das es nicht annehmen möchte. In jegliche Richtung.

Bei meinen Lesungen und Diskussionen in diversen Schulen und Vereinen haben die Kinder mir das Buch aus der Hand gerissen. Sie waren neugierig und wollten mehr wissen über diesen Mann, von dem sie von Erwachsenen hörten, dass er so und so sei. Es gab ein kleines Mädchen, das mich fragte wie sie ihren Eltern erklären soll, dass sie glauben möchte. Ich fragte sie, was sie denn besonders lieben würde. Sie antwortete mir, dass sie Schuhe liebt. Ich sagte ihr, dass genau so Glauben funktioniert. Das, was man am meisten liebt, den oder daran glaubt man. Ein anderer Junge wünschte sich von seinen Eltern, mal eine Kirche,  eine Synagoge, einen Tempel oder eine Moschee besuchen zu dürfen und seine Eltern wollten das nicht, aus Angst er könnte sich einer Religion zugehörig fühlen. Ich empfahl ihm, mit seinen Eltern noch mal zu sprechen und ihnen genau das zu sagen, was er mir sagte, dass er sich eigentlich nur die Bilder, die dort hängen, anschauen möchte.

Was ich damit sagen will ist, dass wir dem kindlichen Verstand mehr Vertrauen schenken sollten und als Erwachsene, wie es sich gehört, beschützend, aber fördernd hinter unsere Kinder zu stellen als sich immer vor sie zu stellen und ihnen die Sicht zu nehmen…

Bezüglich des Buches und negativen Reaktionen, habe ich diese nur von Erwachsenen erfahren. Sie unterstellten mir, dass ich den Propheten als zu soft und zu lieb dargestellt hätte. Man kann eine Geschichte von der positiven Seite erzählen oder negativ. Da ich ein positiver Mensch bin und in einer optimistischen liebevollen Welt lebe und weiterhin leben möchte, erzähle ich schöne und lustige Geschichten.

Wie erklären Sie sich die Reaktionen?

Ich erkläre sie mir nicht, ich akzeptiere sie. Mir tun Menschen leid, die sich lieber den Tag versauen als sich selbst einen Gefallen zu tun und ihn schön zu gestalten. Mich hat niemand gefragt, mir hat auch niemand geschrieben und ist mit mir oder mit meinen Mitmenschen in ein Gespräch gekommen. Man kann sich nur eines Besseren belehren lassen, wenn man versucht, ein Stück in das Leben eines anderen einzutauchen. Ihr müsst nicht so werden wie ein anderer, sondern so bleiben wie ihr seid. Dazu gehört auch, einen anderen Menschen nicht beeinflussen zu wollen und schon gar nicht mit der eigenen schlechten Laune und Gedanken.

Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Was finden Sie notwendig bei der Vermittlung von Kunst und Kultur und vor allem, wo sehen Sie Nachholbedarf bei Muslimen. Gibt es da welchen?

Ich mag es nicht, wenn man von einer bestimmten Gruppe spricht. Wir hatten und haben alle auf dieser Welt ein großes Bedürfnis an Vermittlung von Kunst und Kultur. Sie sollte grundsätzlich kostengünstig oder gar kostenlos zur Verfügung stehen. Ich rede hier im speziellen von Museen, Musik-, Tanz- und Kunstunterricht etc. Die Schulen können das nicht alles auffangen und für die meisten Eltern bedeuten Kunst und Kultur etwas, das der Elite vorbehalten ist. Hier wünschte ich mir mehr Mut der Eltern und ich wünschte mir, dass zum Beispiel Nachbarn mal bei Familien mit Kindern klopfen und anbieten, sie ins Museum oder in eine Konzert einzuladen. Wir setzen hier ein Fundament gegen die Angst, vor einem Stift oder einem Lied und für die Kraft, all diese Werkzeuge für uns alle zu nutzen.