Erkenntnisreicher Wegweiser durch das Nahostlabyrinth

Buchbesprechung von Simone Wachter

Nahöstlicher IrrgartenDer Nahe Osten ist das Zentrum zahlreicher Krisen und Konflikte, die seit Jahrzehnten die Weltpolitik in Atem halten. Im Zuge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ haben seit Dezember 2010 in den Ländern Nordafrikas sowie im Nahen und Mittleren Osten dramatische Entwicklungen stattgefunden. Die Weltöffentlichkeit wurde Zeuge oft gewaltsamer Proteste und Aufstände, die in Tunesien begannen und sich in viele weitere Länder des Nahen Ostens ausbreiteten. Und nicht nur in Folge stetig anwachsender Flüchtlingsströme ist Europa seit 2011 darüber hinaus mit dem grausamen Konflikt in Syrien ebenso konfrontiert wie mit den Auswirkungen der brutalen Herrschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat (IS)“. Die Hintergründe dieser Ereignisse sind jedoch für europäische Beobachter manchmal nur schwer nachzuvollziehen.

 

Antworten auf Fragen

Gudrun Harrers aktuelles Buch bringt erfolgreich Licht ins Dunkel. Der Titel „Nahöstlicher Irrgarten“ ist geschickt gewählt, weil die politische wie gesellschaftliche Lage im Nahen Osten auf viele Menschen in Europa tatsächlich eher verwirrend und undurchsichtig wirkt. Die österreichische Journalistin, Islamwissenschaftlerin und international anerkannte Nahost-Expertin Gudrun Harrer überzeugt darin, den Lesern auf spannend-informative Weise einen Einblick in eine uns zumeist fremde Welt zu liefern. Dabei setzt sie verschiedene regionale und thematische Schwerpunkte. Der Fokus ihrer kenntnisreichen Analyse liegt vor allem auf dem Irak, Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien und dem Iran. Die wichtigsten Fragestellungen sind jeweils übersichtlich in zwanzig Kapiteln zusammengefasst: Warum streiten und bekämpfen sich Sunniten und Schiiten seit Jahrhunderten? Ist das Atomprogramm des Iran eine Gefahr für den Frieden und die internationale Sicherheit? Woher kommt die Terrororganisation Islamischer Staat und welche Ziele verfolgt sie? Wo liegen die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts? Welche Rolle spielt dabei die Religion? Und nicht zuletzt: Zeichnen die USA und Europa mitverantwortlich für die verfahrene Situation im Nahen Osten? All diese Fragen diskutiert die Autorin vor dem Hintergrund aktueller wie historischer Entwicklungen. Ihre detaillierte Sachkenntnis und ihr Erfahrungsschatz beruhen auf ihrer mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Arbeit als Journalistin und Diplomatin direkt vor Ort. Gudrun Harrer war u.a. Sondergesandte des österreichischen EU-Vorsitzes in Bagdad.

Leider erwähnt die Autorin die aktuelle Dimension des Dauerkonflikts von Israel mit den Palästinensern nur am Rande, was angesichts des überragenden Einflusses der israelischen Politik auf die brisante Lage im Nahen Osten eher seltsam anmutet. Auch die politische Situation und Entwicklung anderer wichtiger Länder wie Afghanistan und Pakistan bleiben ausgespart. Eine weitere Schwäche des Buches: Die Autorin verwendet wiederholt zahlreiche (islamische) Ausdrücke und Fachbegriffe, ohne diese näher zu erklären, was den Lesefluss deutlich behindert. Ein Personen- oder Sachregister fehlt. Für den durchschnittlichen Leser ohne entsprechende Vorkenntnisse kann sich dadurch die Lektüre als etwas mühsam erweisen. Insgesamt beeindruckt das Buch jedoch vor allem durch die vielen spannenden und aufschlussreichen Informationen, die sogar für politisch-interessierte Leser neu sein dürften. Positiv zu bewerten ist auch der gut lesbare Stil und der mitunter leicht ironische Tonfall, der angesichts der doch sehr ernsten Thematik etwas auflockernd wirkt.

 

Gudrun Harrer
Nahöstlicher Irrgarten
Kremayr & Scheriau
192 Seiten, 22,00 €

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