Gefangen im Reich der Finsternis

Sherko Fatah: Der letzte Ort

Rezensiert von Simone Wachter

Der letzte Ort von Sherko FatahSherko Fatahs neuer Roman liefert einen verstörenden Einblick in ein zerfallendes Land und erweist sich als erschreckend aktuell. „Der letzte Ort“ erzählt die Geschichte eines entführten Deutschen und seines irakischen Übersetzers ‒ und nimmt auf beklemmende Weise den IS-Terror vorweg.

Irgendwo in einer Stadt im Irak. Zwei Männer steigen aus einem Toyota und werden plötzlich auf offener Straße entführt: Albert, ein Deutscher und Osama, sein irakischer Übersetzer. Angetrieben von Abenteuerlust und um seiner dysfunktionalen Familie zu entfliehen, war Albert ein paar Jahre zuvor als Aussteiger in den Irak gereist, um nach den Wirren des Invasionskrieges von George W. Bush die Kulturschätze des Landes vor der Zerstörung zu retten.

Mit der Entführung beginnt für die beiden Männer ein brutaler Alptraum. Man stößt sie in ein Auto und stülpt ihnen einen Sack über den Kopf. Nach langer Fahrt werden sie in einen dunklen Holzverschlag gesperrt und wissen weder, wohin man sie verschleppt hat, noch, wer ihre Entführer sind und was diese von ihnen wollen. Doch dieser Aufenthalt währt nur kurz, denn innerhalb weniger Tage werden Albert und Osama von einer Entführergruppe an die nächste weitergereicht. Albert erfährt, dass man ihn für einen Agenten hält, und Lösegeld erpressen will. Doch noch gefährlicher ist die Lage für Osama, der wegen seiner Zusammenarbeit mit Albert als Kollaborateur und Verräter gilt.

Zwei Fremde in Todesangst

Unbarmherzig und brutal stoßen die Entführer beide Männer in eine Hölle aus Angst und Gewalt, Entwürdigung und Entrechtung. Sie werden erniedrigt und gequält, immer wieder in ein Auto gezwungen und durch ein zerstörtes, im Chaos versunkenes Land transportiert ‒ bis sie schließlich in die Fänge eines selbst ernannten Emirs geraten, der alle Ungläubigen auszurotten plant.

In ihrer Verzweiflung, Ohnmacht und Todesangst sind beide Männer während ihrer Odyssee aufeinander angewiesen, bemerken jedoch, wie fremd sie sich sind. Albert, der naive deutsche Weltverbesserer, und Osama, der liberale irakische Sunnit, hadern damit, sich in die Lebens- und Gedankenwelt des jeweils anderen hineinzuversetzen, sie missverstehen und misstrauen einander, betrachten sich im Grunde ihres Herzens eher als Gegner denn als Verbündete.

sensibles Psychogramm, lehrreiches Buch

In ruhiger und präzise-analytischer Sprache beschreibt Sherko Fatah, wie Albert und Osama widerwillig und eher zögerlich dennoch während ihrer Gefangenschaft immer wieder miteinander ins Gespräch kommen. Um angesichts der tödlichen Bedrohung nicht durchzudrehen, erzählen sich die beiden Männer ihre Lebensgeschichten. Ein dramatisches Kammerspiel beginnt. Und genau an diesem Punkt zeigt sich, dass Sherko Fatahs Roman nicht nur ein spannendes Entführungsdrama, sondern auch ein ebenso tiefgründiges wie lehrreiches Buch über Missverständnisse zwischen Kulturen ist. Darüber hinaus erweist sich „Der letzte Ort“ als sensibles Psychogramm zweier Männer, die das Schicksal auf tragische Weise aneinander bindet.

Wer sich literarisch näher mit dem Irak beschäftigen möchte, sollte unbedingt einen Blick in Sherko Fatahs andere Romane werfen. Vor allem „Das dunkle Schiff“ und „Ein weißes Land“ spielen in der Gegend, die seit Monaten Schauplatz des IS-Terrors ist.

Sherko Fatah ist ein talentierter Erzähler und beweist überzeugende Sachkenntnis. Er wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren, wuchs in der DDR auf und siedelte 1975 mit seiner Familie nach West-Berlin über. Sherko Fatah hat den Irak viele Male bereist. „Der letzte Ort“ ist der fünfte Roman des bereits mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers.

Sherko Fatah: Der letzte Ort, Luchterhand Literaturverlag 2014, 19,99 Euro ISBN: 978-3-630-87417-3