Florian Schroeder: „Traut Euch, Fehler zu machen!“

Fahrrad oder Auto? Mieten oder kaufen? Berge oder Strand? Jeden Tag müssen wir unzählige Entscheidungen treffen – und scheitern oft genug dabei. Der Kabarettist Florian Schroeder hat nun einen – ganz ernst gemeinten – Ratgeber für das richtige Entscheiden geschrieben. Wir haben mit ihm gesprochen – über die Kunst, sich zu entscheiden und Fehler zuzulassen.

Foto: Frank Eidel

Foto: Frank Eidel

Gazelle: Ketchup oder Majo?

Florian Schroeder: Majo.

Pils oder Weizen?

Weder noch. Ich bevorzuge Wein und Sekt.

Beatles oder Stones?

Beatles.

Wie treffen Sie Entscheidungen?

Ich versuche, Entscheidungen möglichst intuitiv zu treffen, verfalle aber häufig ins Zaudern und Hadern. Spätestens dann fängt es an, schwierig zu werden.

In Ihrem Buch „Hätte, hätte, Fahrradkette“ schreiben Sie über „die Kunst der optimalen Entscheidung“. Gibt es die überhaupt?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Untertitel meines Buchs, auf den Sie ja anspielen, ist eine Verführung des Lesers, um zu zeigen, warum all das Gelaber von optimalen Entscheidungen absoluter Schwachsinn ist. Der Anspruch, eine optimale Entscheidung treffen zu wollen, muss zum Scheitern verurteilt sein. Außerdem ist er überflüssig. Es reicht vollkommen, sich überhaupt zu entscheiden – besonders in einer Zeit, in der uns Entscheidungen immer schwerer gemacht werden.

Woher kommt überhaupt dieser Drang, sich immer optimal entscheiden zu wollen?

Wir leben in einer Zeit, die den Fehler und das Scheitern ausgeschlossen hat. Alles, was wir tun, soll von Anfang an optimal sein. Das fängt schon im Kindesalter an. Wir sollen acht Jahre lang in die Schule gehen, dann mit 17 Jahren ein Studienfach wählen, das wir auf Bachelor drei Jahre lang studieren. Mit 21 soll man dann einen Beruf wählen, der perfekt ist. Und natürlich darf es unter keinen Umständen eine Lücke im Lebenslauf geben. So geht es dann das ganze Leben lang weiter. Wir haben einen unglaublichen Anspruch daran, ständig perfekt zu sein und uns selbst zu optimieren. Dabei haben wir heute das große Pech, dass es keine Instanz mehr gibt, die wir für ein mögliches Scheitern verantwortlich machen könnten. Nietzsche hat ja den wirkmächtigen Satz geprägt: „Gott ist tot.“ Seit dieser Erkenntnis sind wir für alles, was wir tun, selbst verantwortlich. Das Individuum ist der neue Gott und entscheidet über sein Schicksal selbst – mit allen Konsequenzen.

Wir erleben also die Kehrseite der Aufklärung, die in Kants Forderung nach dem Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit gipfelte?

In gewisser Weise ja. Kants große Forderung nach der Autonomie des Menschen hat natürlich seine Berechtigung – heute wie vor über 200 Jahren. Aber sie bedeutet eben auch, dass der Mensch für seine Fehler nun selbst verantwortlich ist.

Ihr Buch ist also eine Ermunterung, Fehler zu machen?

Das ist genau meine Forderung: Kommt runter, Leute! Lasst den Optimierungsquatsch hinter Euch! Traut Euch, Fehler zu machen!

Das ist oft leichter gesagt als getan. Wie schafft man es, sich Fehler bewusst zu erlauben?

Das ist für den Einzelnen natürlich schwierig. Ich denke, wir brauchen eine Fehlerkultur, wie wir sie aus der Luftfahrt kennen. Piloten lernen von Anfang an den Satz: „Always check six.“ Das bedeutet, nicht nur darauf zu achten, was auf zwölf Uhr – also genau vor ihnen – passiert, sondern auch den Blick nach hinten zu richten. Diese Umsichtigkeit und die Fähigkeit, Fehler bei sich und anderen auch mal zuzulassen, ist eine enorme Errungenschaft, die in der westlichen Welt leider nicht sehr verbreitet ist. Dabei kann man sich und andere über Fehler viel besser kennenlernen. Es klingt paradox, ist aber wissenschaftlich erwiesen: Je stärker man Menschen verbietet, Fehler zu machen, desto mehr machen sie. Und je mehr Fehler sie machen dürfen, desto weniger machen sie.

Foto: Frank Eidel

Foto: Frank Eidel

Der Optimierungswahn greift mehr und mehr auch auf Partnerschaften über. In Ihrem Buch schreiben Sie von der „Ausweitung der Optimierungszone an die Bettkante der Zweisamkeit“. Wie macht sich das bemerkbar?

Die Zweisamkeit ist vollkommen überfrachtet. Jeder Mensch kann heute im Großen und Ganzen sanktionsfrei so leben, wie er möchte. Durch diese scheinbar grenzenlose Freiheit entsteht aber auch ein neuer Zwang: Die Beziehung, für die wir uns entschieden haben, muss optimal sein. Der Sex muss häufig, überraschend und wild, aber gleichzeitig auch nicht zu rasch und liebevoll sein. Der Partner muss zuhören können, aber auch eine eigene Meinung haben. Er muss offensiv sein, aber sich auch zurückhalten, wenn es die Situation erfordert. Und vor allem muss er von selbst erkennen, wann welches Verhalten notwendig und angebracht ist. Und selbst wenn wir mit dem Menschen, mit dem wir gerade zusammen sind, glücklich sind, prüfen wir ständig, ob es nicht jemanden gibt, der noch besser zu uns passen würde. Kurzum: Dadurch, dass äußere Regeln weggefallen sind, suchen wir nach neuen Orientierungspunkten. Das führt aus meiner Sicht zu einem neuen Biedermeier, dem Rückzug ins klassische Beziehungsmodell.

Sie schreiben auch: „Die entscheidenden Entscheidungen in Beziehungen treffen Frauen.“ Welche sind das?

Das geht schon am Beginn einer Beziehung los. Frauen entscheiden über das Zusammenkommen mit einem Partner und damit über den Beginn einer Beziehung. Dasselbe gilt auch für das Ende der Beziehung: Zwei von drei Trennungen gehen von Frauen aus. Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen von Männern in Beziehungen Entwicklung einfordern, während Männer oft einfach froh sind, in der Beziehung angekommen zu sein. Von Männern wird man nahezu nie Sätze hören wie: „Sie wollte den nächsten Schritt nicht gehen.“ oder „Ich habe mich für selbstverständlich genommen gefühlt.“ Hinzu kommt, dass Frauen ihre Entscheidungen meistens sehr subtil treffen. So haben die Männer das Gefühl, sie hätten eine Entscheidung getroffen, obwohl es eigentlich die Frauen waren.

Die größte Entscheidung für eine Beziehung ist sicher die Entscheidung für Kinder. Warum schieben wir diese Entscheidung heutzutage so lange hinaus?

Das liegt aus meiner Sicht daran, dass wir heutzutage viel mehr Möglichkeiten haben, die Jahre zwischen 20 und 30 zu verbringen. Gleichzeitig sind auch die Anforderungen gestiegen. Wir sollen in dieser Zeit die Welt erkunden, Praktika machen, verschiedene Jobs machen und gleichzeitig unser Studium möglichst gut abschließen. Für all das braucht es natürlich Zeit. Deshalb schieben wir die Entscheidung für oder gegen Kinder immer weiter nach hinten, bis schließlich der biologische Druck riesengroß ist. Wir erleben eine Veränderung der Kultur, die aus meiner Sicht auch gar nicht negativ ist. Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, hat späte Elternschaft fast nur Vorteile: Kinder älterer Eltern werden gelassener großgezogen und können mit einem viel größeren Vertrauen ins Leben gehen, weil ihre Eltern gefestigter sind.

Was raten Sie Menschen ganz allgemein, die sich schwer tun, Entscheidungen zu treffen?

Da gibt es leider nicht die eine Antwort, aber zumindest verschiedene Möglichkeiten. Wer z.B. das Problem hat, sich auf zu viele Auswahlmöglichkeiten einzulassen und an diesen zu scheitern, kann die Take-the-best-Regel befolgen. Wenn ich etwa entscheiden will, auf welche Schule ich mein Kind schicke, ist es sinnvoller, drei Merkmale aufzuschreiben, die mir wichtig sind, und anhand diesen eine Wahl zu treffen, als mir zehn Schulen anzusehen und lange Pro-und-Contra-Listen anzufertigen. Optionen einzugrenzen, kann eine wirksame Hilfe bei Entscheidungsproblemen sein. Bei großen Entscheidungen kann es auch sinnvoll sein sich vorzustellen, welche Auswirkungen die Entscheidung auf mein Leben in zehn Wochen, zehn Monaten und schließlich zehn Jahren hat, um mir die Konsequenzen bewusst zu machen. Und ganz allgemein gilt: Man sollte nicht immer nur das Beste wollen, sondern auch mal mit dem zufrieden sein, was gut genug ist.

Interview: Kai Doering

Buch SchroederDas Buch: Florian Schroeder: Hätte, hätte, Fahrradkette. Die Kunst der optimalen Entscheidungen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2014, ISBN: 978-3-499-62920-4, 9,99 Euro, Erstverkaufstag: 24. Oktober 2014

Weitere Informationen über Florian Schroeder sowie die Daten seiner Tour “Entscheidet Euch!” gibt es auf Schroeders Internetseite.

Gazelleaktion: Unter allen Facebook-FreundInnen verlosen wir zwei Exemplare von Florian Schroeders Buch. Einfach bis zum 1. November auf unsere Facebook-Seite schreiben, dass Ihr ein Exemplar haben möchtet. Wir losen dann.