Salafistische Maßregelungen und andere Unsitten – Sounia Siahi im Interview

Journalistin Sounia Siahi

WDR Journalistin Sounia Siahi aus Düsseldorf

Wie fühlt es sich an als Frau und Muslima auf offener Straße von Salafisten zurecht gewiesen zu werden? Die WDR Journalistin Sounia Siahi hatte den Mut als erste Frau öffentlich darüber zu sprechen. Wie es dazu kam, hat sie Gazelle verraten.

 

Du hast dem Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein kürzlich einen Leserbrief geschrieben. Er empfand die mediale Bericherstattung über die Scharia Polizei als überbewertet. Kannst Du uns erklären, was dich bewogen hat, ihm zu schreiben?
Das ganze hatte ja eine Genese: zum einen war es Jakob Augstein, einen Journalisten, den ich für seine Kompetenz, seinem linken Herzen und seinem großen Gerechtigkeitsempfinden sehr bewundere, der diese Kolumne geschrieben hat. Zum anderen habe ich mich eben von diesem Journalisten sowohl als Kollegin, als auch als muslimische Frau herausgefordert gefühlt. Als Journalistin, weil ja auch wir in unseren WDR-Nachrichtenmagazinen über die “Scharia-Polizei” berichtet haben. Und als Muslimin, weil es ja um mein Lebensgefühl geht. Ich wollte Herrn Augstein die Augen öffnen und ihm aufzeigen, dass die Aufregung aus meiner Sicht und aufgrund meines Hintergrundes nicht überbewertet ist, sondern dass das der Anfang von Etwas Neuem hätte sein können.

Kennst du viele Frauen, denen es ähnlich geht?
Ja, ich kenne einige Frauen, die der gleichen Meinung sind wie ich. Auch sie haben diese Maßregelungen und dieses Bedrängen gründlich satt.

Warum ist der Umgang mit Frauen, die von Hause aus Muslima sind, anders als Nicht-Muslima gegenüber? Warum die Unterscheidung?
Die radikalisierten Muslime empfinden ihren “Landsfrauen” gegenüber ein stärkeres Verantwortungsgefühl, sie auf den “Weg der Tugend und des wahren Glaubens” zurückzuführen.

Wie steht deine Familie zu deinem mutigen Schritt?
Meine Familie kennt mein starkes Gerechtigkeitsbewusstsein und weiß, wie ich über diese radikalisierten Muslime denke. Sie unterstützt mich in dieser Hinsicht voll und ganz.

Würdest Du sagen, dass insgeheim viele Muslime, eine leichte Bewunderung für die Praktizierung des Islam, hegen? Oder wie erklärst Du dir das Dulden dieser Gruppe?
Ja, natürlich: Man hat diese radikalisierten Muslime zuerst dafür bewundert, dass Sie sich so intensiv dem Glauben zuwenden. Viele haben bzw. hatten auch ein schlechtes Gewissen, weil Sie selber es mit dem Glauben nicht so ernst nahmen. Parallel dazu ist das Phänomen in der gemäßigten Community auch sehr lange unterschätzt worden.

Hat ein Ende des Schweigens seitens der Muslime begonnen?
Ebenso langsam, wie der schleichende Prozess der Radikalisierung stattgefunden hat, gibt es jetzt auch Stimmen, die sich gegen eine Radikalisierung äußern und offen Stellung beziehen. Das passiert u.a. auch schon in vielen Moscheen. Immer noch sehr langsam, aber es passiert jetzt etwas.

Was erhoffst Du bzw. erwartest Du von den hier lebenden Muslimen und den islamischen Verbänden?
Wir uns untereinander vernetzen und für Aufklärung sorgen. Wir müssen sagen, es gibt einen aufgeklärten Islam, und wir distanzieren uns von dem, was passiert. Von den Verbänden konkret würde ich mehr (Jugend-) Projekte von Muslimen und für Muslime wünschen.

Vielen Dank für das Interview!

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