Leistungsorientiert – und alles andere ist egal

Von Simone Wachter

Dokumentation "Alphabet" (c)Pandora Film

Dokumentation “Alphabet” (c)Pandora Film

Pisa-Wahn, G 8 und Exzellenzcluster: Wie ein marodes Bildungssystem das kreative Potenzial seiner Schüler schon im Keim erstickt und sie zu marktkonformen Idealwesen verklont. Eine Filmbesprechung zu “Alphabet”.

Der österreichische Autor und Filmemacher Erwin Wagenhofer stellt mit seinem Dokumentarfilm „Alphabet“ die Grundsätze moderner internationaler Bildungssysteme infrage. Der Film thematisiert das in Zeiten der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstandene moderne Schul- und Bildungswesen, das sich heute als immer unfähiger erweist, mit den sich stetig wandelnden gesellschaftlichen Gegebenheiten und Anforderungen mitzuhalten. Stattdessen seien Schulen, so der Regisseur, zu Lernfabriken und Kaderschmieden mutiert, die mittels Konkurrenz, Wettbewerb und Leistungsdruck kindliche Neugier, Wissbegierde und Kreativität zerstören. Was Wagenhofer gleich zu Beginn des Films eindringlich demonstriert, als er das chinesische Schulsystem näher unter die Lupe nimmt. Zwar glänzt China seit Jahren mit Topergebnissen in Pisa-Studien, die traurige Kehrseite der Medaille bleibt der Öffentlichkeit allerdings meist verborgen: Schüler, die unter militärisch anmutendem Drill, dem kaum zu bewältigenden Lernpensum und dem allgegenwärtigen Konkurrenzdruck nicht nur leiden, sondern erschöpft zusammenbrechen. Selbstmord ist eine der häufigsten Todesursache unter Kindern und Jugendlichen in China.

 

Systematische Zerstörung der kreativen Kapazität
Aber selbst in europäischen Schulen sieht es kaum besser aus: Statt Fantasie und eigenständiges oder gar unangepasstes Denken zu fördern, erfolgt auch hier eine – wenngleich nicht absichtliche, so doch „systematische Zerstörung der kreativen Kapazität unserer Kinder“. Allgegenwärtiger Leistungsdruck und bildungsbürgerliche Normierung rauben den Schülern die Freude am Lernen. Und nicht nur unter chinesischen Schülern finden sich immer mehr angespannte, gestresste und mit Psychopharmaka ruhiggestellte Lernmaschinen. Wo unser Leben auf die Ökonomie verkürzt wird und selbst in der Schule nur Leistung und Zeugnisse zählen, bleibt am Ende auch die Menschlichkeit auf der Strecke. Denn wie in den „Abrichtungs- und Dressurschulen“ des 19. Jahrhunderts herrscht auch in modernen Schulen häufig eine Kultur der Angst.

 

Wie könnte ein kindgerechtesSchul- und Bildungssystem aussehen?
Aber Wagenhofer enthüllt nicht nur, was in internationalen Bildungssystemen schiefläuft, seine Beobachtungen fügen sich vielmehr zu einem Plädoyer zusammen, einen radikalen Richtungswechsel zu vollziehen. Der Regisseur lässt diesbezüglich namhafte Befürworter der alternativen Pädagogik zu Wort kommen, unter anderem den Erziehungswissenschaftler Ken Robinson, den Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther und den berühmten deutsch-französischen Pädagogen Arno Stern. Wie könnte ein kindgerechtesSchul- und Bildungssystem aussehen? Was müsste man verändern? Hier stößt der Film eine spannende Diskussion an, ohne jedoch eindimensionale Antworten zu liefern. Aber wirklich überzeugend wirkt der Film nicht gänzlich: Angesichts der überaus komplexen und kontroversen Problematik vereinfacht „Alphabet“ leider an diversen Stellen und setzt – sowohl im Positiven wie bei seiner Kritik – zu häufig auf Extrempositionen, die mitunter weltfremd und exzentrisch, teilweise sogar unglaubwürdig anmuten.

 

Zu guter Letzt noch ein Tipp: „Alphabet“ ist Teil einer interessanten Trilogie. Teil 1 markiert Erwin Wagenhofers 2005 erschienener und mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilm „We Feed the World“, der die weltweite Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion kritisiert. Darauf folgte der 2008 erschienene Film „Let’s Make Money“, der die globale Geldwirtschaft und ihre kriminellen Machenschaften anprangert. Auch diese beiden Filme sind äußerst sehenswert.

 

Trailer Alphabet

 

DVD Alphabet von Erwin Wagenhofer
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Studio: Alive
Spieldauer: 109 Minuten
Ca. 23€

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