50 Jahre deutsch-portugiesisches Anwerbeabkommen

Von Anne Moll

 

Joaquim und Emilia Ferreira

Wer kennt sie nicht, die berühmte Geschichte von Armando Rodrigues de Sá. Dem einemillionsten Gastarbeiter, der von einer offiziellen Delegation am Bahnhof Köln-Deutz, mit einem Strauß Nelken, einer Ehrenurkunde und einem Zündapp-Moped begrüßt wurde? So schön seine Geschichte beginnt, so tragisch endet sie leider auch. Schon 15 Jahre nach seiner Einwanderung in die BRD stirbt er im Alter von nur 53 Jahren in seiner Heimat Portugal.

Aber was ist eigentlich aus den anderen knapp 125.000 portugiesischen sogenannten Gastarbeitern geworden, die vor genau 50 Jahren ihre Heimat verlassen haben, um hier in Deutschland zu arbeiten?
Die Unterzeichnung des deutsch-portugiesischen Anwerbeabkommens, das am 17.März 1964 geschlossen wurde, feiert dieses Jahr Jubiläum. Gazelle lässt daher fünf dieser Menschen ihre Geschichten erzählen. Sie haben den sinnbildlichen Sprung ins kalte Wasser gewagt! Gazelle Autorin Anne Moll hat sich auf die Suche begeben und ist fündig geworden.

Zu der Zeit, als die Bundesrepublik Deutschland das Anwerbeabkommen mit Portugal geschlossen hat, stand das Land unter der autoritären Diktatur von António de Oliveira Salazar. Die Menschen waren arm und perspektivlos, sodass ihnen die Gelegenheit ein neues Leben zu beginnen, gerade recht kam. Für den ein oder anderen arbeitswilligen Portugiesen war es aber gar nicht so einfach nach Deutschland einzureisen.

 

Manuel Borges de Abreu, der im September 1937 in Abaças-Vila Real in Portugal geboren wurde, kam über das Anwerbeabkommen in die Produktion der Firma Gramm-Edelmetalltechnik in Baden-Württemberg, wo er bis heute lebt.

Wie kamen Sie nach Deutschland Herr de Abreu?
„Mitte 1964 habe ich durch Bekannte, die bereits in Deutschland arbeiteten von dem Anwerbeabkommen erfahren. Daraufhin wuchs in mir der Wunsch, ebenfalls auszuwandern. Ich bin als Tourist nach Deutschland gereist um mir erstmal einen Bild zu machen. Den Reisepass zu bekommen, war extrem schwierig. Ständig hatte ich die PIDE, unsere Staatspolizei am Hals. Alles wollten sie wissen: Warum ich einen Pass bräuchte, ob ich das Land verlassen möchte, usw. Es war denen durchaus klar, dass ich bei meinen bescheidenen finanziellen Verhältnissen kein Tourist sein konnte. Ich blieb aber konsequent bei meiner Ausrede ich sei nur eine Begleitperson und die Reise sei für mich kostenfrei. Letztendlich gaben sie erst Ruhe als Schmiergeld geflossen ist.“

Einfacher war es für Delfina do Rosário Vieira aus Cadaval in Portugal. Sie kam nach Deutschland, weil ihr Mann bereits hier arbeitete. Heute lebt sie wieder in Cadaval, ihr Mann ist im Januar 2013 leider verstorben.

Warum Frau Vieira?
„Mein Mann ist bereits 1964 nach Deutschland ausgewandert. Er hat auf eigene Faust eine Arbeit gefunden und bekam ohne Schwierigkeiten einen Reisepass ausgestellt, weil wir Landwirte waren, Ackerland besaßen und bestellten. Der portugiesische Staat ging also davon aus, dass wer etwas Eigenes besaß, das Land nicht auf Dauer verlassen würde. Man glaubte ihm die Ausrede mit der Tourismusreise in die BRD.
Vor meiner Auswanderung habe ich meinen Mann in Deutschland besucht und bei dieser Gelegenheit haben wir uns um eine Arbeitsstelle für mich bemüht. Das hat wunderbar geklappt in derselben Firma, in der mein Mann zu der Zeit bereits angestellt war. Mit einem Arbeitsvertrag in der Hand bin ich nach Portugal zurück um dort die Formalitäten bei den Behörden einzuleiten.“

Egal ob die Ausreise aus Portugal nun einfach war oder einiger kleiner Notlügen bedurfte, so lag ihr doch in den meisten Fällen das Bedürfnis zugrunde, den herrschenden Verhältnissen in der Heimat zu entfliehen, sagte mir Joaquim Ferreira, der seinen drei Kindern einen höheren Lebensstandart bieten wollte, als er zur damaligen Zeit in Portugal möglich gewesen wäre. Er arbeitet in Festanstellung in der Produktion von TV-Geräten bei der Fa. Standart Elektrik Lorenz AG bei Esslingen. Er ist inzwischen zurück in Portugal und bereut keinen einzigen Tag in Deutschland gewesen zu sein.

Delfina und Abel Vieira 2008 in Portugal

Warum genau haben Sie Portugal verlassen Herr Ferreira?
„Mit 31 Jahren im Juli des Jahres 1964 bin ich nach Deutschland ausgewandert, weil ich als Familienvater unsere Lebensqualität verbessern wollte. Mein damaliges Einkommen bei der Firma Lisnave, einem Maschinenbau Unternehmen in Portugal war sehr gering. Meine Hauptmotivation war, der Armut zu entkommen, die ich schon als Kind hatte bitter erfahren müssen. Daneben waren die Perspektivlosigkeit und die Unfreiheit in der Diktatur von Salazars auch Gründe. Ich war immer bestrebt meinen 3 Kindern eine bessere Zukunft zu bieten und dafür war ich auch bereit ins kalte Wasser zu springen und in ein fremdes Land zu gehen.“

Unabhängig von Verhältnissen, muss es unglaublich schwer sein, seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu gehen, von dem man so gut wie gar nichts weiß, um dort zu arbeiten. Das Angebot, das die Bundesregierung den neuen Arbeitertn gemacht hat, muss verlockend gewesen sein.

Maria Emília de Rodrigues Carvalho Ferreira fand einen Job als Näherin in einer Textilfabrik bei Stuttgart , nachdem sie ihre Heimat 1971 mit 36  Jahren als ungelernte Kraft verlassen hatte.

Was hat man ihnen versprochen Frau de Rodrigues Carvalho Ferreira?
„Mir wurde eine Arbeitsstelle als Näherin in einer Textifabrik bei Stuttgart angeboten. Normale Schichten bei einer 40 Stundenwoche. Dazu ein unbefristeter Arbeitsvertrag, der die gängigen Sozialversicherungen einschloss. Ich glaube wir hatten 22 Urlaubstage im Jahr. An den Stundenlohn kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Er muss bei ungefähr 2DM gelegen haben. Die Arbeitsbedingungen waren gut. Alle Gastarbeiter bekamen eine Arbeitserlaubnis und eine zeitlich unbefristeter Aufenthaltserlaubnis. Ausserdem wurde mir eine angemessene Unterkunft in Aussicht gestellt mit neun anderen Portugiesinnen und günstiges Essen in der Firmenkantine sollte es auch geben. Ich wurde sogar bei meiner Ankunft durch einen Firmenbeauftragten am Bahnhof abgeholt.“

Waren die Versprechen, die die Bundesregierung Ihnen gemacht hat nur Mittel zum Zweck oder wurden sie wirklich eingehalten, Frau do Rosário Vieira?
“Alle Versprechen wurden eingehalten. Die Fürsorge war einmalig. Die Bedingungen konnten nicht angenehmer sein. Ich war sehr zufrieden, obwohl die Arbeit in Zeitakkord ziemlich hart war.”

Obwohl die Voraussetzungen für die Arbeiter hier in Deutschland nicht schlecht gewesen zu sein scheinen, betritt man den Boden seines neuen Zuhauses sicherlich mit gemischten Gefühlen. João José Vieira da Jacinta ist mit 35 Jahren nach Deutschland gekommen um Geld zu verdienen, das er anschließend in seine Existenz als portugiesischer Landwirt inverstieren konnte. Für ihn hat sich Deutschland vielleicht noch mehr gelohnt, als für die anderen, weil er und seine Frau als kinderloses Paar schneller genügend Geld gespart hatten um ohne Probleme in die Heimat zurück kehren zu können. Und so haben die beiden Deutschland schon 12 Jahre nach ihrer Einwanderung wieder verlassen. Trotzdem erinnerst sich João José Vieira da Jacinta gut an Deutschland. Ich habe ihn gefragt, wie es für ihn war, als er zum ersten Mal deutschen Boden betreten hat.

„Es war als hätte ich eine komplett andere Welt betreten. Das grün der Landschaft war viel grüner. Die Bauwerke vielfältig und eigenwillig, teilweise imposant. Überall sah man die Liebe zum Detail. Der Wohlstand war greifbar. Die deutsche Sprache empfand ich allerdings als extrem schwierig. Zum Glück waren die Menschen sehr freundlich und immer hilfsbereit. An das kalte Klima musste ich mich erst gewöhnen. Ansonsten war ich wirklich positiv überrascht über die vielen Unterschiede zu Portugal vor allem im Bezug auf Sauberkeit, Disziplin und Organisation. In der Heimat herrschte Stillstand und in Deutschland ein angenehmes Treiben.“

Bei Manuel Borges de Abreu sind auch einige andere, nicht ganz so positive erste Eindrücke hängen geblieben.

„Gleich bei meiner Ankunft in Stuttgart, haben mich die Spuren vom Krieg tief berührt. Teilweise war die Zerstörung noch vorhanden und ich dachte mir, wie verheerend und schrecklich der Krieg wohl gewesen sein muss.
Die Sprache und das kalte Klima waren aber auch für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Der Schnee dagegen war ein einmaliges Erlebnis.“
War Deutschland so, wie Sie es sich vorgestellt hatten, Frau Vieira?
„Ich stellte mir Deutschland als ein entwickeltes Land vor und daher müsste es in jedem Fall besser sein als in Portugal. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, dass die Unterschiede so groß wären in Bezug auf Organisation, Sauberkeit, Disziplin und Wachstum. Es war für mich eine bis dahin unbekannte Welt. Allerdings wohnten wir in Deutschland in einer sehr ländlichen Gegend und speziell da waren die Verhältnisse ähnlich wie in Portugal, vielleicht sogar noch rückständiger: Ich ging davon aus, dass die Not aus der Kriegszeit diesen Menschen noch ganz tief in den Knochen sitzen müsste und sie sich darum extrem sparsam zeigten. Sie hatten alles für den Eigenbedarf. Alles wurde passend gemacht und wieder verwendet. Von Konsumverhalten keine Spur.“
Wann und warum sind Sie zurück nach Portugal gegangen ?
João José Vieira da Jacinta:„Meine Frau und ich sind 1978 mit 47 Jahren in die Heimat zurückgekehrt. Vielleicht war es uns möglich, dass das benötigte Kapital für die geplanten Investitionen im Bereich unserer Existenzgrundlage, innerhalb von 13 Jahren zusammen zu sparen, weil wir kinderlos geblieben sind. Jedenfalls hatten wir in Portugal bereits ein kleines Haus gebaut. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt das gesteckte Ziel erreicht und es war an der Zeit, vor dem 50. Lebensjahr in der Heimat noch einmal richtig Gas zu geben.“

Manuel Borges de Abreu: „Ich lebe immer noch in Deutschland und habe nicht vor zurückzukehren. Die ganze Familie, meine Frau, die Kinder und Enkelkinder leben hier. Richtige Freundschaften habe ich in Deutschland geschlossen. Deutschland ist längst meine Heimat geworden und ich schätze Land und Leute.“
Wenn Sie die Zeit zurück drehen könnten, würden Sie alles noch einmal genauso machen?
Maria Emília de Rodrigues Carvalho Ferreira: „Ich würde alles nochmal genauso machen! Ich habe die Auswanderung nach Deutschland niemals bereut. Im Gegenteil. Grundbedürfnisse, Existenzbedürfnisse und teilweise Luxusbedürfnisse konnten befriedigt werden. Das heißt man hatte Arbeit und ein geregeltes Einkommen, man war sozialversichert, man hatte Urlaub um Kraft zu tanken, man konnte sparen und die eigene wirtschaftliche Situation aufbessern – und man konnte den Kindern – wir hatten drei –  gute Perspektiven anbieten. Ich habe viel gelernt in Deutschland und habe mich persönlich weiterentwickelt. Die Zeit in Deutschland war stets eine Bereicherung auf allen Gebieten.“

Im Namen der Gazelle Redaktion danke ich Ihnen allen herzlich für das Gespräch!