English Vinglish – Shashis Reise

Von Nicole Karimi

English_Vinglish_posterDer Film English Vinglish (2012) erzählt  die Geschichte einer indischen Hausfrau namens Shashi. Obgleich sie als Ehefrau und Mutter zweier Kinder bereits mitten im Leben steht, durchläuft sie eine intensive Reise zu sich selbst – ja, sie wächst geradezu aus ihrer Unsicherheit und Unselbständigkeit heraus. English Vinglish wagt es, einen sehr eingehenden Blick auf die Rolle der indischen Frau zu werfen. Dabei ermöglicht Filmemacherin Gauri Shindek dem Publikum, Shashis Persönlichkeitsentwicklung aus einer weiblichen Perspektive zu betrachten. English Vinglish ist daher – ähnlich wie der erfolgreiche Film Queen (2014) – eine geballte Portion Frauen-Power!

The American Way of Life auf Indisch

Shashi verkörpert in English Vinglish eine traditionelle indische Ehefrau, Schwiegertochter, und Mutter im Sari, die stets darum bemüht ist, voll und ganz für ihre Familie da zu sein. Es fällt ihr noch nicht einmal schwer, ihre eigenen Bedürfnisse vollkommen zu vernachlässigen. Ihr hingebungsvoller Einsatz wird jedoch von ihrer Familie nicht gewürdigt, sondern als bloße Selbstverständlichkeit hingenommen. Immer und immer wieder wird Shashi sowohl von ihren Kindern als auch von ihrem Mann gekränkt; denn sie kann z. B. kein Englisch, was ihre Familie ganz besonders amüsiert. Während sich die Tochter sogar für ihre Mutter schämt, nimmt der Ehemann sie einfach nicht ernst. Und so wird etwa Shashis Versuch, selbst gemachte Laddoos privat zu verkaufen, ständig von ihm parodiert.

Doch dann wird Shashi plötzlich von ihrer Schwester nach New York eingeladen. Ihre Nichte wird heiraten und Shashi soll ihr bei den  bevorstehenden Hochzeits­­vorbereitungen helfen. Shashi ist verängstigt und will sich eigentlich vor dieser Aufgabe drücken – würden sie doch ihre schlechten Sprachkenntnisse vor Ort ganz sicher in Verlegenheit bringen. Dennoch begibt sie sich trotz ihrer Zweifel und Ängste auf die Reise: vier Wochen New York! Und tatsächlich prallt sie dort aufgrund ihres Sprachdefizits ständig an ihre Grenzen. Shashi will schon aufgeben und zurückreisen, wäre da nicht plötzlich dieser vorbeifahrende Bus mit der vielversprechenden Reklame gewesen: „Englisch lernen in nur vier Wochen!“

Shashi gelingt es, sich ganz ohne Englischkenntnisse, heimlich für diesen Kurs anzumelden. Sie ist nicht nur hoch motiviert, Englisch zu lernen, sie ist auch wie beflügelt, endlich einmal etwas nur für sich selbst zu tun. Obwohl sie sprachliche Fortschritte macht, wird sie nicht an der Abschluss­prüfung teilnehmen können. Denn die bevorstehende Hochzeit soll genau am Tag der Prüfung stattfinden. Hinzu kommt, dass ihre Familie auch noch früher als geplant in New York eintrifft. Die heimlichen Kursbesuche

fallen Shashi dadurch immer schwerer. Ständig verstrickt sie sich in Ausreden und Lügen und ist schließlich im Begriff, alles hinzuschmeißen. Hinzu kommt noch die Liebeserklärung ihres französischen Kommilitonen, die Shashis Un­behagen nur noch mehr motiviert.

Ein Film gegen alle Vorurteile

EV (1)Radha, die Schwester der Braut, ist die einzige, die in all die Heim­lich­tuereien ihrer Tante eingeweiht ist und sie dabei unterstützt; sie ist es auch, die veranlasst, dass Shashi doch noch an der Prüfung teilnimmt – und zwar auf der Hochzeitsfeier selbst. Shashi hält nämlich vor der gesamten Fest­versammlung eine wunderbare und tiefsinnige Hochzeitsrede über das Leben, die Liebe und die Ehe auf Englisch. Der gesamte Kurs sowie der Sprachkurslehrer hören ihr ebenfalls zu, was zur Folge hat, dass Shashi ihre

Prüfung doch noch besteht. Shashi hat in der Fremde – hier: in New York – endlich zu sich selbst gefunden. Sie hat nicht nur in kürzester Zeit hervorragend Englisch, sondern auch – oder eigentlich vor allem –  sich selbst zu schätzen gelernt. Shashi kehrt schließlich gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Ehemann nach Indien zurück. Doch sie ist längst nicht mehr dieselbe, die sie vor ihrer Reise wat. Und so erscheint sie ihrer Familie ebenfalls in einem völlig neuen Glanz.

Mehr Frauenpower geht nicht! English Vinglish ist geradezu ein Muss für jede Frau. Auf sehr subtile und feinfühlige Art und Weise nähert sich der Film auch dem Problemfeld Ehe in Indien. Shashis Umgang mit Eheproblemen ist eine Bereicherung für jede Frau weltweit. English Vinglish bricht schließlich auch Klischees und festgefahrene Vorurteile auf: Eine traditionelle, indische Frau im Sari kann nämlich genau so „modern“ sein, wie etwa eine indische Geschäftsfrau im Minirock – ist doch die komplexe Beschaffenheit eines Individuums nicht an einem Stück Stoff festzumachen.

English Vinglish, Australien/Kuwait 2012, Regie: Gauri Shinde, 134 Minuten
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