“Deutsche Kinder würden sich so nicht benehmen” – Eine Muttergazelle über deutsche Heimat

Von Anne Moll

 

Wie sieht deutsche Heimat aus?

Wie sieht deutsche Heimat aus? (c)Anne Moll

„Hier riecht es voll nach Türke. Ekelhaft.“ Ein Satz, der mein Bild von Deutschland, von meinem Zuhause, total verändert hat. Als gebürtige Deutsche ohne Migrationshintergrund, muss ich zugeben, dass sich das Thema Rassismus eine ganze Weile latent am Rande meines Bewusstseins befunden hat. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, jemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion oder gar seines Äußeren zu hassen oder in irgendeiner Weise anders zu behandeln und ich war tatsächlich eine lange Zeit der Auffassung, dass diese Einstellung auch bei meinen Mitmenschen die Populärste ist. Vielleicht lag meine Gutgläubigkeit auch ein bisschen daran, dass meine ausländischen Freunde nie etwas von rassistischen Erlebnissen berichtet haben oder wir dumme Bemerkungen einfach unter der Kategorie „Ein paar Idioten findest du überall“ verbucht haben.

 

Es gibt Unterschiede
Leider wurde mein schönes Bild von einem Land in dem fast jeder fast jeden mag getrübt, als ich meinen türkeistämmigen Freund kennenlernte. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie schwer es ist eine gemeinsame Wohnung zu finden, wenn mensch einen türkischen Nachnamen hat. Oder wie man auf Ämtern und bei der Bank behandelt wird, weil mensch schwarze Haare und dunklere Haut hat, als der im Land lebende Durchschnitt. Warum spricht ein Finanzberater meinen Freund an, als hätte er einen begriffsstutzigen Mann vor sich? Es gibt keinen Grund, mein Freund ist hier geboren und er spricht akzentfrei deutsch.

Ein Phänomen, was mir plötzlich immer öfter aufgefallen ist. Der Gipfel der schlechten Erfahrungen war allerdings eine S-Bahnfahrt in Berlin. Eine Gruppe von Leuten jüngeren und mittleren Alters mit Kindern stand neben uns und ich hörte wie einer sagte: „Hier stinkt`s voll nach Türke. Ekelhaft.“ Mein Freund hat diese Bemerkung zum Glück nicht mitbekommen, sonst wäre unser Ausflug vermutlich in einer Schlägerei geendet. Seit diesem Tag habe ich versucht mehr über das Thema Rassismus in Deutschland zu erfahren. Ich habe recherchiert und bewusst darauf geachtet, wie auf der Straße, in Geschäften oder beim Arzt mit ausländisch aussehenden Menschen umgegangen wird. Erschreckenderweise fällt dem aufmerksamen Betrachter tatsächlich ein Unterschied auf. Interessanterweise wird nicht einmal nur zwischen „Ausländer“ und „Deutschem“ unterschieden. Die Leute, die einen Unterschied machen, unterscheiden zwischen „Türke“ und anderen Menschen, wobei unter „Türke“ all die fallen, die irgendwie orientalisch erscheinen. Mit Italienern, Polen, Russen, Franzosen oder sonstigen Nationalitäten scheint man hierzulande keine besonderen Probleme zu haben. Natürlich muss man fairer Weise sagen, dass längst nicht überall auf diese Weise unterschieden wird, aber definitiv zu oft.

 

Was macht ein Kind?
Was würdest du tu, wenn dich jemand benachteiligt, weil du schwarze Haare hast, habe ich mich gefragt. Als erwachsener Mensch könntest du dich vielleicht wehren, du könntest sagen was dir nicht gefällt. Aber was macht ein Kind? Seit ich vor 2 Jahren Mutter von einer wundervollen Tochter geworden bin, die zur hälfte Türkin ist, frage ich mich natürlich ständig ob sich mein Kind irgendwann mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen muss. Einige Menschen machen nämlich nicht einmal vor den Schwächsten einer Gesellschaft Halt.

Ein krasses Beispiel hierfür habe ich erlebt, als ich in einen Bus eingestiegen bin, in dem ein ungefähr 12 Jahre altes, türkeistämmiges Mädchen mit ihrer höchstens dreijährigen Schwester saß. Das kleine Mädchen war offensichtlich krank und es hat geweint. Jeder normale Mensch hätte Mitleid bekommen oder schlimmstenfalls einfach nichts empfunden. Der Busfahrer allerdings hat über den Lautsprecher im Bus gedroht die Kinder aus dem Bus zu werfen, wenn die Kleine nicht sofort mit dem „heulen“ aufhören würde. Am Hauptbahnhof hat er seine Drohung tatsächlich wahr gemacht und zwei hilflose Kinder mit den Worten „deutsche Kinder würden sich so nicht benehmen“ vor die Tür gesetzt.

Meine Tochter, Zukunftsängste und andere Ungerechtigkeiten
Wenn mensch das erlebt hat, macht man sich natürlich Sorgen, dass auch dem eigenen Kind so etwas passieren könnte. Kürzlich ist unsere Tochter in einen katholischen Kindergarten gekommen. Ich kann mir zwar sicher sein, dass dort kein Kind anders behandelt wird als ein anderes, weil ich langjährige Erfahrungen mit dieser Einrichtung habe, viele andere Eltern, meine Freundin zum Beispiel, die, genau wie ich eine deutsch-türkische Tochter hat, haben aber nicht das Glück mit Sicherheit sagen zu können, dass ihr Kind im Kindergarten oder in der Schule nicht benachteiligt wird. Niemand sucht sich seine ethnische Heimat selbst aus. Nicht der Busfahrer und nicht die türkischen Mädchen und darum finde ich es schrecklich, dass Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund in Deutschland immer noch anders behandelt werden, als andere. Es ist alarmierend, dass sich Menschen in einer Gesellschaft fürchten müssen benachteiligt zu werden, weil sie vermeintlich nicht dazu gehören und es macht mir Zukunftsangst, dass sogar ich mir schon als Deutsche Mutter in unserem Vaterland Sorgen um mein Kind mit Migrationshintergrund machen muss. Was soll das für eine Heimat sein, wenn ich mir nicht sicher sein kann, dass meine Familie genauso behandelt wird wie ich.
Vorurteile verschwinden dann, wenn man sich kennen lernt. Ich wünsche mir für Deutschland, dass die Vorurteile verschwinden, weil der Vermieter, der seine Wohnung nicht an „Türken“ vermieten wollte plötzlich sein Enkelkind mit afrikanischem Migrationshintergrund im Arm hält und nicht mehr hassen kann. Aber vor allem, weil er zuerst den Menschen sieht. Denn darauf kommt es an. Nicht, wo die ethnischen Wurzeln eines Menschen liegen oder welchen Gott dieser anbetet. Dann wird aus Heimatlos endlich Heimat für alle.