Während er schlief

Filmtipp: Stein der Geduld

Von Simone Wachter

Ein Land im Nahen Osten, zerschunden von Krieg und Gewalt. Es ist wahrscheinlich Afghanistan, doch eigentlich könnte Atiq Rahimis Film „Stein der Geduld“ in jedem Land spielen, in dem Frauen unterdrückt werden.

gusour_stein_geduldIn einem mit Vorhängen verdunkelten Raum eines ärmlich wirkenden Hauses liegt ein älterer Mann reglos auf dem Boden. Eine Kugel hat den Kämpfer ins Genick getroffen. Seitdem liegt er im Koma. Neben ihm kniet seine deutlich jüngere Frau, um ihn notdürftig zu pflegen, denn professionelle ärztliche Versorgung kann sie sich nicht leisten. Sie trägt schwer genug an der Bürde, sich und ihren Kinder das nackte Überleben zu sichern. Etwas später kann sie ihre Kinder bei ihrer Tante unterbringen. Sie selbst aber muss bei ihrem Mann bleiben, wohl wissend, dass sie nach seinem Tod als Frau nichts mehr wert wäre.

Die Frau beginnt, jeden Tag zu ihrem Mann zu sprechen. Nach den ersten zögerlichen Worten überwindet sie ihre Angst und fasst Mut, bis schließlich alles aus ihr herausbricht, was sie jahrelang unterdrückt hat. Der Mann jedoch verharrt still und stumm und sie weiß nicht, wie viel von dem, was sie sagt, er überhaupt wahrnehmen und verstehen kann. Das ist die Anordnung in Rahimis Film „Stein der Geduld“.

Wie eine moderne Scheherazade

Zum ersten Mal in ihrem Leben spricht die Frau über sich, ihr Leben und ihre Gefühle. Und ihr Mann muss ihr zuhören, muss hören, wie sie ihm – einer modernen Scheherazade gleich – von ihrer Kindheit, ihren Wünschen und Träumen, aber auch von all dem Leid und den unzähligen Demütigungen und Erniedrigungen erzählt, die sie durch ihn erfahren musste. Bitterlich beklagt sie die jahrelange Einsamkeit an seiner Seite und all die Verletzungen, die er ihr in seiner Rohheit und Rücksichtslosigkeit zufügte.

Ihr Monolog beschreibt die traurige Geschichte einer Gesellschaft, die geprägt ist von Unterdrückung, Krieg und Brutalität und in der vor allem Mädchen und Frauen diskriminiert und erniedrigt werden. Die junge Frau gesteht ihrem Mann aber auch ihre geheimsten Wünsche und Sehnsüchte, die zu stillen er nie in der Lage gewesen ist. Sie lässt ihrem Zorn gegen ihn freien Lauf und offenbart schließlich sogar ihre innersten Geheimnisse und ihr erotisches Verlangen vor dem stummen Körper, der wie ein „Stein der Geduld“ vor ihr liegt – ähnlich dem berühmten Stein der persischen Mythologie, dem man all sein Unglück und seine Geheimnisse anvertrauen kann, bis er zerbricht und dem Klagenden Entlastung und Erlösung schenkt.

Unterdrückung, Fremdbestimmung, Unfreiheit

Der in Frankreich lebende Schriftsteller Atiq Rahimi hat seinen 2008 mit dem französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ ausgezeichneten Roman „Stein der Geduld“ (Syngué Sabour) für die Leinwand adaptiert und auch selbst Regie geführt.  Er wurde 1962 in Kabul geboren und begann hier ein Literaturstudium. Während des sowjetisch-afghanischen Kriegs floh er 1984 über Pakistan nach Frankreich. Dort arbeitet Rahimi seitdem als Dokumentarfilmer und Autor. Vier seiner Bücher wurden bisher auch ins Deutsche übersetzt. In seinem international viel beachteten und 2004 von ihm selbst verfilmten Debütroman „Erde und Asche“ thematisiert Rahimi den Krieg in Afghanistan, während er sich in „Stein der Geduld“ mit der Unterdrückung, Fremdbestimmung und Unfreiheit befasst, die Frauen in Afghanistan erleiden müssen.

Die filmische Umsetzung des Romans war gewiss kein leichtes Unterfangen, denn er beruht ausschließlich auf dem inneren Monolog einer einzigen Person. Der iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani gelingt es jedoch, dem Film eine unglaubliche Intensität und Ausdruckskraft zu verleihen.

Atiq Rahimi ist mit „Stein der Geduld“ ein ebenso ergreifend authentischer wie visuell beeindruckender Film über Liebe und Gewalt, Unterdrückung und Selbstbefreiung gelungen, der den bisher weitgehend unsichtbar gebliebenen afghanischen Frauen endlich eine Stimme gibt.

Atiq Rahimi: Stein der Geduld (Syngué Sabour), Frankreich/Afhanistan 2012, 102 Minuten

Links:
offizieller Trailer zum Film (deutschsprachig)