Cover Jung

Mit Satire gegen Rassismus – Ein Handbuch versucht es einmal anders

Von Jeanette Oholi

In „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ wirft der Comedian Marius Jung einen satirischen Blick auf sein Leben, gesellschaftlich verankertes Klischeedenken und den Rassismus, mit dem sich Jung in vielen Alltagssituationen konfrontiert sah und immer noch sieht. Ob Satire das richtige Mittel zum Umgang mit Rassismus ist, bleibt dabei fraglich.

Cover JungSeine Hautfarbe und seine Haare sind immer wieder Anlass für alltäglichen Rassismus. Auf der Suche nach Fernsehe-Engagements  muss sich Marius Jung mit Rollen zufrieden geben, die – nach Meinung der Filmemacher – ein „Schwarzer“ gut verkörpert: einen Dealer oder einen Kriminellen.

Für den Schauspieler ist das nichts Neues: Auch aus seiner Kindheit schildert Jung in seinem Buch „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ Situationen, in denen er ins Abseits gedrängt und zum anderen gemacht wurde, zu denen die nicht zur deutschen Gesellschaft gehören. Jungs satirisches Dauergezwinker täuscht dabei nicht darüber hinweg, wie schwierig es mit Sicherheit war (und immer noch ist), immer wieder aufs Neue die eigene Identität beweisen zu müssen.

Konfrontation mit der Gesellschaft

Marius Jung hat den Weg der Konfrontation gewählt, um sich aus dem Abseits zu spielen. Er will nicht zu einem gemacht werden, der nicht dazu gehört. Jung will nicht schweigen, sondern die Gesellschaft mit dem Rassismus konfrontieren, der jeden Tag von ihr ausgeht. Jung konfrontiert seine Leser direkt mit ihren Klischees und Stereotypen gegen „Neger“ und gibt in seinem ironischen Ratgeber Ratschläge, wie sie in Zukunft einem „Neger“ begegnen sollten, was sie tun und ihn fragen können und was lieber nicht. Auf gewisse Fettnäpfchen sollte man lieber einen weiten Bogen machen: „TIPP: Vermeiden Sie am Anfang des Gesprächs Fragen nach der Herkunft Ihres farbigen Gegenübers. Streuen Sie diese Frage einfach zu einem späterem Zeitpunkt locker ins Gespräch: ‚Wo Sie gerade sagen zuhause. Wo ist denn das?‘“

Der Comedian macht sich aber nicht nur über Klischeedenken, Exotisierung und Rassismus lustig, sondern rechnet auch mit der „Political Correctness“ seiner Mitmenschen ab. Jungs Meinung nach mache es keinen Sinn, das Wort „Neger“ zu tabuisieren und aus dem deutschen Sprachwortschatz zu streichen, denn „nicht das Wort ist böse, sondern die Haltung dessen, der es in diskriminierender Haltung verwendet“. Sein Buch, so Jung, sei eine „satirische Trotzaktion“, die die Tabuisierung aufheben möchte und laut „Neger! Neger! Neger!“ schreit.

Diese Schreie sind auf beinahe jeder Seite des Buches laut zu hören. Doch auch nach fortschreitender Lektüre stellt sich kein lockerer Umgang mit dem N-Wort ein. „Ist ja gut!“, möchte man laut zurückschreien. „Ich habe es kapiert, dass du, lieber Marius Jung, das N-Wort von seinen Fesseln befreien möchtest, die ihm die böse Political Correctness aufgezwungen hat!“

Rassismus verlachen?

Die selbstbewusste Haltung von Marius Jung ist und bleibt dennoch bewundernswert. Seine demonstrative Verwendung des N-Wortes ist Teil des Versuchs, auf die deutsche Gesellschaft auf eine neue, eine andere Weise zuzugehen. Höchst fraglich bleibt dabei jedoch, ob Satire und das Reden über Rassismus zusammenpassen. Marius Jung wäre nicht der Erste, der mit diesem Versuch scheitert. Der bekannte Standup-Comedian Dave Chappelle schmiss seine Show „Chappelle’s Show“ hin als er merkte, dass er mit seinen Sketchen sein Publikum wohl zum Lachen, aber immer weniger zum Nachdenken brachte.

Kritisch zu sehen ist außerdem, dass Marius Jung mit seinem Buch und seinem Bühnenprogramm Gefahr läuft, das N-Wort innerhalb der deutschen Gesellschaft wieder salonfähig zu machen. Die Erklärung, Wörter allein seien nicht rassistisch, sondern die diskriminierende Haltung des Sprechers, ist nicht haltbar. Sprache und Haltung sind schließlich so eng miteinander verknüpft, dass eine eindeutige Trennung nicht möglich ist. Sollte man jedoch trotzdem eine Trennung wagen, ist der Schritt zur Verharmlosung von Rassismus, Stereotypen und Klischees kein großer mehr – Marius Jung hätte dem Kampf gegen die drei mit seinem Buch dann einen Bärendienst erwiesen.

Marius Jung: Singen können die alle. Ein Handbuch für Negerfreunde, Carlsen Verlag 2013, 160 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 978-3-551-68448-6