Fußball gegen Vorurteile

Von Kai Doering

Teilnehmerinnen des Frauen-Fußballcamps in Rio de Janeiro Foto: Disover Football

Teilnehmerinnen des Frauen-Fußballcamps in Rio de Janeiro Foto: Disover Football

An die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien wird Sara Schlote noch lange zurückdenken. Nicht, weil die deutsche Mannschaft nach 24 Jahren wieder den Titel holte. Nicht, weil sie dabei den Gastgeber im Halbfinale mit 7:1 vom Platz fegte. Und auch nicht, weil Miroslav Klose bei dem Turnier zum erfolgreichsten WM-Torschützen aller Zeiten wurde.

Sara Schlote denkt stattdessen an ein spontanes Fußballspiel nur mit Frauen am Strand der Copacabana. Sie denkt an ein Trainingscamp mit fußballbegeisterten Mädchen aus Favelas in Rio de Janeiro. Und Sara Schlote denkt an Diskussionen mit Frauen aus Ländern, in denen es für sie lebensgefährlich sein kann, gegen einen Ball zu treten.

Von Kreuzberg nach Santa Teresa

Seit fast fünf Jahren engagiert sich die Berliner Initiative „Discover Football“ für Gleichberechtigung, Emanzipation und Frauenrechte im Fußball. Im Sommer ist eine Delegation nach Brasilien gereist. Sara Schlote war dabei. „Wir wollten die internationale Aufmerksamkeit für die Fußball-Weltmeisterschaft für unser Anliegen nutzen“, erklärt sie. „Frauenfußball spielt in den meisten Ländern keine große Rolle und hat oft sogar mit Vorurteilen zu kämpfen.“ Dabei spiegelten sich im Kampf der Frauen für das Recht, Fußball zu spielen, oft auch soziale und gleichstellungspolitische Konflikte wider. „Darauf wollen wir aufmerksam machen.“

In Santa Teresa, einem Stadtteil von Rio de Janeiro, schlugen die Berlinerinnen deshalb im Juni und Juli ihr WM-Quartier auf. Mithilfe einer lokalen Initiative organisierten sie eine Fotoausstellung, in der Frauen aus aller Welt porträtiert wurden. Bei einer Konferenz diskutierten Aktivistinnen aus den Ländern der WM-Teilnehmer mit Journalistinnen über ihre Situation. Und bei einem Fußballcamp spielten Mädchen aus vier Favelas gegeneinander. „Obwohl sie in einer Stadt leben, hätten sie sich sonst nie kennengelernt“, erzählt Sara Schlote.

Ein Höhepunkt des Aufenthalts war für die 30-Jährige ein gemeinsames Fußballspiel aller Beteiligten am berühmtesten Strand der Welt, der Copacabana. „Normalerweise spielen hier nur Männer Fußball.“ Klar, dass Sara Schlote und ihre Mitspielerinnen sofort die Aufmerksamkeit auf sich zogen. „Nach ein paar Minuten waren wir von Schaulustigen umringt, die uns mit ihren Smartphones fotografiert haben. Frauen, die Fußball spielen, hatte hier noch niemand gesehen.“

Besuch vom DFB-Präsidenten

Foto: Discover Football

Foto: Discover Football

Dabei war lange nicht klar, ob die Frauen von „Discover Football“ überhaupt nach Brasilien fahren würden. „So eine Reise kostet schließlich eine Menge Geld und wir engagieren uns ja alle ehrenamtlich“, berichtet Sara Schlote. Doch mithilfe des Auswärtigen Amts und des Bundesinnenministeriums gelang es schließlich, die Reise zu finanzieren. Hilfreich war dabei sicher, dass „Discover Football“ längst über die Grenzen Berlins hinaus eine kleine Berühmtheit ist und die Arbeit der Frauen hohe Wertschätzung genießt.

Der damalige Bundespräsident Christian Wulff übernahm nach dem viel beachteten Auftakt 2010 die Schirmherrschaft für das zweite Turnier, das die Initiative  im Sommer 2011 mit Frauenmannschaften aus Indien, Brasilien, Afghanistan, Ruanda, Togo, Kamerun, Israel, Jordanien, Palästina und Berlin in Kreuzberg organisierte. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger kam beim dritten Turnier 2013 zur Eröffnung. „Mithilfe des Fußballs bringen wir Frauen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen und Lebenserfahrungen zusammen“, erzählt Sara Schlote. „Oft merken sie ganz schnell, dass ihre Probleme, aber auch ihre Ideen und Träume trotzdem ganz ähnlich sind.“

In Brasilien ist das Konzept aufgegangen. „Wir sind sehr zufrieden und hoffen, dass die Teilnehmerinnen der Konferenz und die Mädchen aus den Favelas auch in Zukunft in Kontakt bleiben“, sagt Sara Schlote. Für sie und ihre Mitstreiterinnen von „Discover Football“ wird es nach dem Ausflug nach Südamerika in wenigen Monaten in einer ganz anderen Ecke der Welt weitergehen. „Für den kommenden April  planen wir eine Reise in den Libanon.“ Und im Sommer steht schon das nächste internationale Turnier an – wie immer in Kreuzberg.

Links:
Das Blog zur Brasilien-Kampagne
Facebook-Seite von “Discover Football” (mit vielen Fotos aus Brasilien)