Würfeln um den Tanga – Ein Sexshop der besonderen Art

Ladeninhaberin Annerose vor ihrem Ladeneingang (c)Danica

Ladeninhaberin Annerose  Koschinski vor ihrem Sexshop(c)Danica

Von Danica Bensmail

„Das ist ja ein Gezumpel!“ Annerose Koschinski hängt der Kundin einen rosafarbenen Catsuit um den Hals. Ihr Gegenüber zieht den Hauch von nichts zurecht und sieht skeptisch an sich herab. „Hat der einen offenen Schritt?“ Annerose schürzt die Lippen. Mit zwei Fingern spreizt sie den Stoff auseinander. „Selbstverständlich!“ Die Kundin freut sich. „Sehr gut! Den nehme ich.“ Beim Bezahlen fällt ihr Blick auf ein Schild über der Kasse: „Wenn Sie nach Rabatt fragen, geben Sie uns wenigstens genug Zeit, um die Preise zu erhöhen“, steht da. Die Kundin fragt nicht nach Rabatt sondern zückt ihr Portemonnaie.“ Annerose hält ihr einen Würfelbecher hin. „Sie können um den Rabatt würfeln.“ Die junge Frau lässt die Würfel rollen. Zwölf Prozent.

Zwischen Dildos, Dessous und Holzwänden voller Pornofilmen steht Annerose Koschinski hinter der Ladentheke ihres Gartenhauses und wartet auf Kundschaft. Vor 23 Jahren eröffnete die 65-Jährige hier einen Sexshop. Vorbei an Marzahner Plattenbauten, versteckt in der Mahlsdorfer Vorstadt-Akkuratesse zwischen Gartenzwergen und getrimmten Hecken steht „Röschens Intim-Vitrine“. Die Idee kam ihrem Mann kurz nach der Wende. „Woher weeß der Kuckuck,“ sagt Annerose und rückt kopfschüttelnd ihre Brille zurecht.

 

Damals Schuhcreme – heute Gleitcreme

Eigentlich ist sie orthopädische Schuhmacherin und eigentlich wollte sie viel lieber einen Schuhladen aufmachen. „Aber so abgelegen – das wär’ wirklich in die Hosen jegangen.“ Die 40 Quadratmeter stecken voller Geschichten. Der alte Ladentisch stammt noch aus dem Schuhgeschäft der Eltern. „Hier war die Schuhcreme drin. Und jetzt Gleitcreme.“ Annerose lacht und ihr Zahndiamant blitzt auf. Als Branchenneuling sei sie damals völlig naiv in das Geschäft gestartet. „Könnte man heute nicht mehr machen, aber damals war das möglich,“ sagt Annerose und nickt.

Doch seit dem Euro ist der Wurm drin. „Die Leute glauben das nicht. Sexbranche ist nach wie vor in den Köpfen, wo das meiste Geld läuft,“ sagt Annerose. Mit den Preisen der Online-Händler kann sie nicht konkurrieren. Online ist ein Reizthema. Ihre Kinder hatten sich zeitweise an einem Internet-Versand versucht, doch der scheiterte an der Zahlungsmoral der Kunden. „Ach, hör’n se auf!“ Dann lieber weiter analog.

 

Uhr im Sexshop (c)Danica Bensmail

Uhr im Sexshop (c)Danica Bensmail

Würfeln um den Tanga

Ein Schild an der Hauptstraße weist auf das Ein-Frau-Unternehmen hin. Vor zehn Jahren noch brummte das Geschäft. Damals kamen sie weit aus dem Westen Berlins. Jetzt kommen sie nur noch selten. Obwohl heute läuft es eigentlich ganz gut.

Ein Bauarbeiter im Blaumann betritt den Laden und steuert auf die Wäscheabteilung zu. Ratlos steht er vor der Auslage. Annerose muss helfen. „Ein Tanga für einen Mann,“ möchte er, aber „viel woll’n wa nicht ausgeben“. Er entscheidet sich für ein schwarzes Modell. Würfeln will er nicht.

Zwei Kunden in zwanzig Minuten. An manchen Tagen kommt niemand.

 

Das ist mein Baby!

„Leben kann man davon nicht,“ sagt Annerose. Zum Glück muss sie keine Miete zahlen. Mit hochrotem Kopf habe sie anfangs in ihrem Gartenhaus gestanden. „Ich geh in keen FKK. Das war mir alles nischt.“ Doch bald wurden die Nackedeis zum Alltag. Heute hängt sie an ihrem Laden. „Das ist mein Baby. Das habe ich mir alles selbst aufgebaut.“

Ihr Mann ist Rentner. Auch Annerose spielt mit dem Gedanken. Nur richtig wollen will sie noch nicht. „Wenn ich mich für was entschieden habe, dann mach ich das!“ Und solange die Kunden den Weg zu Annerose in die Florastraße finden, arbeitet sie vorerst weiter jeden Tag von 13 bis 18:30 Uhr in ihrer Vitrine pflichtbewusst gegen die Rente an.