“Wadjda” – Mit dem Fahrrad in die Freiheit

Das Mädchen Wadjda (c)Koch Media

Das Mädchen Wadjda (c)Koch Media

Von Simone Wachter

Wenn Eltern ihrer kleinen Tochter den innigen Wunsch nach einem Fahrrad versagen, hat dies gewöhnlich – so möchte man meinen – nur einen Grund: Es fehlt der Familie das dafür nötige Geld. Nicht so jedoch im Film Wadjda. Hier bekommt das 10-jährige Mädchen aus Saudi Arabien kein Fahrrad, nur weil sie ein Mädchen ist. Denn Radfahren ist Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien strengstens verboten, weil es gegen die allgegenwärtigen religiös-konservativen Moralvorstellungen der patriarchalischen Gesellschaft verstößt.

 

„Anständige Mädchen und Frauen fahren kein Fahrrad“

Die quirlige und selbstbewusste Wadjda lebt in einer Vorstadt von Riad und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Fahrrad, um mit ihrem Freund Abdullah um die Wette zu radeln. Bei ihrem Vater stößt ihr Wunsch auf Gleichgültigkeit, bei ihrer Mutter sogar auf blankes Entsetzen und heftige Ablehnung. Fahrradfahren gefährde angeblich die Jungfräulichkeit und mindere ihre Heiratschancen. „Anständige Mädchen und Frauen fahren kein Fahrrad, denn wenn sie Radfahren, kriegen sie keine Kinder mehr“, schärft ihr die Mutter ein. Doch Wadjda lässt sich nicht entmutigen. Allen Widerständen zum Trotz verfolgt sie mit zäher Entschlossenheit und klugem Erfindungsreichtum ihren Traum: Sie will unbedingt Geld verdienen, um das Rad selbst zu kaufen. Zuerst versucht sie sich das Geld durch den Verkauf selbstgebastelter Armbänder zu verschaffen. Als dieser Plan scheitert, meldet sie sich an ihrer Schule zum Koranrezitier-Wettbewerb an, bei dem ein hohes Preisgeld winkt. Wadjda gewinnt den Wettbewerb, muss aber dennoch ihren Traum zunächst begraben.

 

Haifaa Al Mansour – Erste Spielfilmpionierin

Im streng islamischen Saudi-Arabien sind Kinos, öffentliche Tanzveranstaltungen und Theater verboten. Das Fernsehen wird scharf zensiert. Das letzte Kino wurde in den 1970er Jahren geschlossen, es existiert folglich auch keine Kinoindustrie. Dennoch ist es ausgerechnet der arabischen Filmemacherin Haifaa Al Mansour mit der Unterstützung deutscher Produzenten gelungen, in Riad den ersten saudi-arabischen Spielfilm zu drehen. In dem ultrakonservativen Land, wo strikte Geschlechtertrennung herrscht, existieren Frauen in der Öffentlichkeit nicht, außer sie sind komplett verschleiert. Es ist ihnen noch immer nicht erlaubt, ohne männliche Erlaubnis das Haus zu verlassen. Und auch die Regisseurin wurde beim Dreh mehrfach von der allgegenwärtigen Religionspolizei gestoppt. Dass eine Frau in aller Öffentlichkeit Männern sogar Befehle erteilt, ist in Saudi-Arabien zutiefst verpönt. Al Mansour musste schließlich von einem eigens für sie umgebauten Lieferwagen aus Regieanweisungen über Funk erteilen. Trotz solcher absurden Bedingungen während des Drehs ist das Ergebnis ihrer Arbeit großartig. Entstanden ist ein ebenso eindrückliches wie stimmungsvolles, ja fast schon poetisches, wenngleich äußerst bedrückendes Portrait eines Landes, von dem bisher zumeist nur einseitige und vorurteilsbehaftete Bilder existieren. Völlig zu Recht gewann „Das Mädchen Wadjda“ weltweit zahlreiche Preise.

 

Stereotypen? Fehlanzeige!

Mit viel Einfühlungsvermögen zeigt die Regisseurin sowohl die beinahe hermetische Abschottung und gesamtgesellschaftliche Unterdrückung von Frauen wie auch deren Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation. Zumeist aus der Binnenperspektive gewährt der Film dem Zuschauer vorurteilsfreie Einblicke in eine fremde und völlig andersartige Welt und vermittelt so vor allem einen oft nachdenklich stimmenden, mitunter sogar beklemmenden Eindruck von der Lebensrealität saudi-arabischer Mädchen und Frauen. Schonungslos offen, jedoch ebenso wohltuend neutral und weitgehend ideologiefrei portraitiert Al Mansour die religiös-restriktive und autoritäre arabische Gesellschaft und wie sich Frauen in ihr zurechtfinden. Dies gelingt der Regisseurin zudem, ohne pauschal „den Männern“ oder „der Religion, bzw. dem Islam“ die Schuld zuzuschieben. Es ist ihr überdies hoch anzurechnen, dass sie in ihrem Film immer wieder vorgefassten Geschlechterrollen- und Stereotypen eine klare Absage erteilt. Al Mansour zeigt, dass das Klischee der ausschließlich vom Mann, bzw. dem patriarchalischen System unterdrückten Frau selbst in einem Land wie Saudi-Arabien zu kurz greift. Sie macht vielmehr darauf aufmerksam, wie manche Frauen durch blinden und vorauseilenden Gehorsam von innen heraus die heimlichen Stützen dieses Systems sind, während andere Frauen vorsichtig oder selbstbewusst dagegen aufbegehren. Der Fokus des Films liegt jedoch nicht nur auf Wadjda, sondern auch auf ihrer Mutter. Haifaa Al Mansour zeigt zwei Generationen von Frauen, die sich auf höchst unterschiedliche Weise mit ihrer Rolle in der autoritären arabischen Gesellschaft auseinandersetzen. Männer agieren weit eher im Hintergrund. Al Mansour konzentriert sich vielmehr auf die weibliche Perspektive und das alltägliche Leben der Mädchen und Frauen im privaten Raum. Um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen, ist Wadjdas Mutter auf einen unzuverlässigen männlichen Chauffeur angewiesen, der seine Launen an ihr auslässt. Sich selbst ans Steuer zu setzen, ist ihr als Frau allerdings strikt verboten. Auch ihre Ehe ist unglücklich: Sie liebt ihren Mann, muss aber hilflos und ohnmächtig die Demütigung hinnehmen, wie dieser sich eine Zweitfrau nehmen will. Hin- und hergerissen zwischen der von ihr trotz immensem Leidensdruck gehorsam befolgten patriarchalischen Tradition und ihrem stillen Wunsch nach Selbstbestimmung, bleibt sie in ihrer eigenen Welt gefangen. Einerseits bewundert sie – mal mehr, mal weniger heimlich – den Freiheitswillen ihrer Tochter, dennoch bietet sie ihr dabei kaum mütterliche Unterstützung. Und noch viel weniger tun dies die meisten anderen Frauen im Film. Besonders verstörend wirken deshalb die Szenen, in denen nicht die Männer als (gewalt-)tätige Unterdrücker aktiv die Rechte von Frauen beschneiden, sondern manche Frauen selbst sowohl ihr eigenes als auch das Streben anderer Frauen nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit sabotieren und im Keim ersticken. Doch Wadjda ist klug und mutig genug, dennoch an ihrem Traum festzuhalten. „Das Mädchen Wadjda“ ist ein äußerst sehenswerter Film. Ein Film, der bei weitem nicht nur die Geschichte eines Mädchens erzählt, das allen Widerständen zum Trotz von einem eigenen Fahrrad träumt. Es ist vielmehr ein Film über die Vision einer sich verändernden saudi-arabischen Gesellschaft.

 

Wadjda (2012) FSK:

Ohne Altersbeschränkung Spieldauer: 93 Minuten

Schauspieler: Abdullrahman Algohani, Waad Mohammed, Reem Abdullah Regie: Haifaa Al-Mansour

Sprache(n): Deutsch, Arabisch (Untertitel: Deutsch)

Preis: ab 9,99 €