Der Shitstorm im Windfang – Asiatisches Leben in Deutschland

Seht ihr nicht? (c)girl.got.skillz

Seht ihr nicht?! (c)girl.got.skillz

Von Danica Bensmail

Das Bild war kaum größer als zwei Postkarten. Etwa drei Jahre hing es im Windfang des Berliner Volkstheaters Heimathafen. Es zeigte eine blonde Frau, die mit den Fingern ihre Augen zu zwei Schlitzen verzog.
Als Teil einer Collage hatte eine Besucherin das Bild im Januar entdeckt. Sie beschwerte sich über die beleidigende Darstellung asiatischer Menschen. Ein offener Brief an das Theater folgte. Man habe das Foto auf die Beschwerden hin entfernt, sagt die Geschäftsführerin Stefanie Aehnelt. Die Beschwerdeführer fordern jetzt eine öffentliche Diskussion.

Bereits 2011 sah sich Dieter Hallervorden mit ganz ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Als künstlerischer Leiter des Berliner Schlosspark Theaters hatte er im Rahmen des Stückes „Ich bin nicht Rappaport“ die Figur des schwarzen Midge Carter mit einem weißen Schauspieler besetzt, der sein Gesicht schwarz anmalte.
Während die Medien sich damals auf das Thema stürzten, blieb die Resonanz im Falle des Schlitzaugen-Foto-Vorfalls aus. Der Shitstorm blieb, wie das auslösende Foto selbst, im Windfang stecken.

 

Beschaulich klein

Im vergangenen Jahr feierte Deutschland das 50-jährige Anwerbeabkommen der Koreaner. Während das gleiche Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei 2011 in großem Rahmen zelebriert wurde, blieb das koreanische Jubiläum ein beschauliches Fest.
Beschaulich ist auch die Zahl der Asiaten in Deutschland. Die größte Gruppe bilden die Chinesen mit knapp 100,000 Menschen. Mit knapp 5500 Menschen sind die Taiwanesen die kleinste Gruppe. Zwar stellt Asien noch immer das Gros der Weltbevölkerung, dennoch ist ihr Bevölkerungsanteil in der BRD kaum größer als Gelsenkirchen: 250,000 Menschen.
Tatsächlich ist diese Zahl sehr ungenau. Sie beruht auf dem westlichen Verständnis des Asiatischen. Und das setzt bestimmte äußere Merkmale voraus – die Augen. Die Politik fasst den Begriff des Asiatischen deutlich weiter. So zählt die UN beispielsweise auch Georgien, Zypern und Israel zu ihren asiatischen Mitgliedsstaaten. Ginge es danach, wären die Asiaten hierzulande die größte Einwanderergruppe. Noch vor den 1,5 Millionen Türken.
Mag die vermeintliche asiatische Gemeinde in Deutschland beschaulich sein, so ist sie doch vielschichtig. Trotz einer wachsenden Community und zunehmender popkultureller Relevanz ist das Bewusstsein von Medien und Politik für die gern zitierten Musterbeispiele deutscher Integration ausbaufähig. Warum eigentlich?

 

Unrelevant?

„Asiaten sind politisch einfach nicht relevant genug“, sagt der Autor Martin Hyun. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit Integration. Das Bild des angepassten asiatischen Vorbildmigranten ist für ihn mehr Fluch als Segen.
Für eine entsprechende Relevanz müsse man selber sorgen, findet Hyun. „Die Asiaten müssen einfach mal auf den Tisch hauen.“ In Deutschland gelten sie als strebsam, ruhig und integriert. Dementsprechend die Vermutung: wer nicht auffalle, werde auch nicht diskriminiert. „Ein Irrglaube“, sagt Hyun.
You Jae Lee ist Professor am Asien-Orient Institut der Universität Tübingen. Das deutsche Bild der Asiaten empfindet er als ambivalent. Historisch gesehen, seien sie als hohe Kulturnation respektiert worden. Dem stehe jedoch das Schreckgespenst der gelben Gefahr gegenüber.
Das Bild der Asiaten als unauffällige Mustermigranten ist keine zehn Jahre alt. Die von Sarrazin ausgelöste Debatte über Zuwanderung hat dazu beigetragen, diese Wahrnehmung zu festigen. Mit einem simplen Kniff zementierte der Berliner Finanzsenator A.D. das alte Stereotyp. „Er hat die Asiaten dem Negativbild der anderen Migranten ganz beiläufig gegenüberstellt“, sagt Lee.
Kritische Masse
„Wenn die Asiaten weiter entsprechend ihren lakaienhaften Stereotyp leben, ist alles gut“, sagt Martin Hyun. Die asiatische Community in Deutschland müsse zukünftig stärker darauf bedacht sein, ihre Rechte einzufordern. „Das haben uns die Türken voraus!“
Die Asiaten als Ganzes zu bewerten, findet Lee schwierig. Eine kritische Masse von Asiaten in Deutschland, die sich als Gemeinschaft betrachten, fehle bislang. Asien müsse als Einheit noch konzipiert werden. Ein Perser gehöre rein geografisch auch zu Asien. „Ob er sich aber als Asiate versteht und mehr Gemeinsamkeiten mit den Chinesen und Japanern sieht, oder mehr mit den Griechen und Europäern, ist nicht klar“, sagt Lee.
Der Foto-Vorfall im Heimathafen hat für ihn trotz allem auch eine gute Seite. „Aus dieser Diskriminierungserfahrung heraus, bildet sich eine eigene Identität als deutsche Asiaten.“ Wie viel die deutsche Öffentlichkeit davon wahrnimmt, ist für ihn zu diesem Zeitpunkt unwichtig. Die gemeinsame Identitätsbildung sei bedeutend wichtiger. Ist sie doch die Voraussetzung für eine tatsächliche Gemeinschaft deutscher Asiaten in der Zukunft.

 

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