Amnesty-Preisträgerin Alice Nkom im Gespräch mit Schülern: “Homosexuellenrechte sind Menschenrechte“

Schüler mit Alice Nkom (c)Aris Papadopoulos

SchülerInnen mit Alice Nkom (c)Aris Papadopoulos

Von Jeannette Oholi

Unter dem Motto „Politik zum Anfassen und Mitmachen“ lud das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Alice Nkom zu einem Gespräch ein. Die diesjährige Amnesty-Preisträgerin erzählte von ihrem Kampf gegen Homophobie in ihrem Heimatland Kamerun und stand den Schülern Rede und Antwort.

„Mir wird warm ums Herz, wenn ich euch junge Menschen sehe, die im Zeitalter der Globalisierung aufwachsen“, sagt Alice Nkom und blickt in eine Runde von SchülerInnen.

Im Zirkuszelt von „Cabuwazi“ in Berlin-Treptow, das auf dem ehemaligen Grenzstreifen errichtet wurde und der in der Vergangenheit Ost und West voneinander getrennt hat, sitzt Nkom am Mittwoch in einem Stuhlkreis mit den Jugendlichen zusammen. Alice Nkom fordert die jungen „Weltbürger“ dazu auf, beim Aufbau einer zivilen Gesellschaft aktiv zu werden. Die Bezeichnung „Weltbürger“ setze ein anderes Verhalten voraus als noch in den Zeiten, als die Aktivistin selbst aufwuchs und über Menschenrechte nicht oft gesprochen, geschweige den dafür gekämpft wurde, betont sie.

Die heute 69-Jährige studierte in den 1950er Jahren in ihrer Heimat Kamerun und in Frankreich Jura – Menschenrechte standen dabei nicht auf dem Lehrplan. Erstes Aufsehen um Alice Nkom gab es, als sie als erste schwarze Frau in Kamerun als Anwältin zugelassen wurde. Das war im Jahr 1969. Rund 35 Jahre danach traf Nkom eine Entscheidung, die nicht nur das Leben vieler von der Gesellschaft stigmatisierter Menschen in Kamerun veränderte, sondern auch ihr eigenes.

 

Gefahr für Homosexuelle in Kamerun

Alice Nkom begann ihren Kampf für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) im Jahre 2003. Auslöser dafür waren Gäste aus Frankreich. Vier Männer wohnten bei ihr und Nkom merkte schnell, dass es sich nicht nur um eine Gruppe von Freunden handelte, sondern um zwei Liebespaare. Sie warnte die Gäste davor, in der Öffentlichkeit offen zu zeigen, dass sie schwul waren. Die Tatsache, dass die unbeschwerten Männer ihre Liebe in der Öffentlichkeit geheim halten mussten, um nicht Opfer von Übergriffen zu werden, erschreckte die Anwältin. So wurde sie zur Aktivistin.

In Kamerun habe es in den letzten Jahrzehnten viele Fortschritte gegeben – in der Glaubensfreiheit, der Gleichstellung von Mann und Frau und der Etablierung von Kinderrechten. Bei all den Fortschritten habe „man aber nicht daran gedacht, dass es einen anderen Bereich der Unterdrückung und Diskriminierung gibt: die sexuelle Orientierung“. Artikel 347a des kamerunischen Strafgesetzbuches sieht für sexuelle Handlungen mit einer Person desselben Geschlechts eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren und eine Geldstrafe vor. Der Artikel widerspreche internationalem Recht und der Charta der Vereinten Nationen, die die Regierung von Kamerun unterschrieben habe, klagt Alice Nkom. Doch in der Praxis werde der Artikel noch wesentlich weiter ausgelegt. Die meisten Anklagen basierten auf reinen Vermutungen, die Betroffenen seien homosexuell.

 

Öffentliche Hetze

Neben den Medien und Politikern hetzen in Kamerun vor allem Religionsgemeinschaften öffentlich gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Die unterschiedlichen religiösen Gruppen benutzten Medien wie Fernsehen und Radio, um ihre homophoben Ansichten in der Gesellschaft zu verbreiten. Die Gruppe der LGBT wird zum Sündenbock. Der Kopf des kamerunischen Staates, Präsident Paul Biya, versuche von all den Mängeln in Kamerun abzulenken und beteilige sich dabei an der Hetze gegen LGBT, sagt Alice Nkom vor den Jugendlichen.

Sie selbst sei Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt, die sich auch gegen ihre Familie und Freunde richten. Sie hielten jedoch fest zu ihr, seien stolz auf sie. Die Anwältin erzählt davon, dass ihr 16-jähriger Enkel zu ihr gesagt habe, er wolle „den Kampf von ihr erben und ihn fortführen“.

 

Amnesty-Menschenrechtspreis 2014

Amnesty International zeichnete Alice Nkom am 18. März für ihr Engagement mit dem Menschenrechtspreis aus. In dem Preis sieht Nkom die Möglichkeit, von nun an auf einer größeren Bühne für Homosexuelle einzutreten. Alice Nkom betont, es sei an ihr „ aus dem Preis einen Triumph zu machen“. Sie hoffe, durch den Preis in Kamerun als Verteidigerin von Homosexuellenrechten auf eine Stufe mit Verteidigern der Menschenrechte gestellt zu werden, denn „Homosexuellenrechte sind Menschenrechte“.