KINOTIPP: „Land in Sicht“

Land in Sicht (c) BasisFilm

Land in Sicht (c) BasisFilm

In dem Dokumentarfilm „Land in Sicht“ begleiten Judith Keil und Antje Kruska rund ein Jahr das Leben von drei Flüchtlingen in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig. Der Film macht drei Einzelschicksale in Deutschland lebender Asylbewerber sichtbar und zeigt ihre Annäherung an ein fremdes Land.

Von Jeannette Oholi

In einem kleinen Ort in Brandenburg stranden drei Flüchtlinge. Abdul, Farid und Brian haben die Flucht aus ihren Heimatländern – dem Jemen, Iran und Kamerun – aus unterschiedlichen Gründen auf sich genommen. Sie alle sind in einem Asylbewerberheim in Brandenburg gelandet, richten sich ihr Leben in Deutschland ein, hoffen und warten auf Asyl in Deutschland. Begleitet werden sie von der Sozialarbeiterin Rose Dittfurth, die ein großes Herz hat und sich für den einzelnen Menschen und seine Geschichte interessiert.  

 

Einsamkeit

Abdul, ein ehemaliger Beduinenscheich aus dem Jemen, kam vor sieben Jahren zur Behandlung einer Schussverletzung nach Deutschland. Seine Arbeitssuche gestaltet sich schwierig, da sein Deutsch noch nicht so gut ist. Er ist als Geduldeter Gesetzen unterworfen, einer Bürokratie, die ihm eine Eingliederung in die deutsche Gesellschaft erschwert. Abduls Einsamkeit, seine Sehnsucht nach einer Ehefrau, zeigt sich in dem Versuch, die Liebe auf einer Singleparty zu finden. House-Musik tönt auf der Party aus den Boxen. Abdul beobachtet das ausgelassene Treiben. Nachdem er mit einer Frau getanzt hat, setzt er sich wieder hin. Einsamkeit zeigt sich in seinen Augen und er wirkt unter all den tanzenden, fröhlichen Mensche wie ein Fremder. Und doch verliert Abdul nicht die Hoffnung. Er schmiedet Pläne und träumt von einem guten Leben in Deutschland, wie es viele andere deutsche Bürger führen. Seine Zuversicht und die Pläne helfen ihm dabei, in diesem fremden Deutschland zu überleben.

 

Verlust der Familie

Auch Farid, der nach seiner Teilnahme an einer Demonstration gegen die Regierung in Teheran vor zwei Jahren aus dem Iran flüchten musste, trägt die Hoffnung im Herzen. Seine Frau und seinen damals 6-jährigen Sohn musste er in seiner Heimat zurücklassen. Farid fürchtet eine allmähliche Entfremdung von seiner Familie. Der tiefe Schmerz über den Verlust führt bei Farid zu einer Depression. „Ich kann mir kein Leben ohne meine Frau vorstellen. Sie ist mein Atem, ich muss atmen und mit meiner Frau zusammen sein. Ich brauche sie wirklich!“, sagt Farid, als er in seinem kleinen Zimmer im Asylbewerberheim sitzt und auf ein Foto seines lächelnden Sohnes starrt. Farid weiß nicht, ob und wann sein Antrag auf Asyl genehmigt wird. Er lebt in einer ständigen Unsicherheit. Seine Anwältin fleht er an, ihm einen Zeitraum zu nennen, bis wann er mit einer Entscheidung seines Asylantrags rechnen kann. Er brauche eine konkrete Antwort, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Um seiner Familie Hoffnung zu geben und seiner Frau und seinem Sohn zu sagen, wann sie ihm nach Deutschland folgen könnten, um wieder eine Familie sein. Die Anwältin kann ihm keine Antwort geben.

 

Hoffen und warten

Der Kameruner Brian kam in der Hoffung nach einem besseren Leben nach Deutschland. Er wollte der Armut und der prekären Plantagenarbeit entfliehen. Seine Erwartungen von Deutschland passen nicht mit der Realität zusammen. Er darf hier nicht arbeiten, sein Traum von einem besseren Leben in Deutschland bleibt vorerst nur ein Traum. Brian stellt einen Antrag auf Asyl, der aber abgelehnt wird. Da er keinen Pass hat, kann er vorerst nicht abgeschoben werden und bekommt den Status des Geduldeten. Brian kann nur warten und hoffen, dass sich seine Situation verbessert. Um doch noch eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen raten ihm Bekannte, eine Deutsche zu heiraten oder ein Kind mit einer Deutschen zu bekommen. Brian ist ein freier Mensch mit eigenem Kopf und hat Angst davor, seine Freiheit aufzugeben und mit einer Frau zu leben, die er nicht liebt.

 

Unsichtbare werden sichtbar

Im Dokumentarfilm von Judith Keil und Antje Kruska treten Menschen, die abgedrängt am Rande der deutschen Gesellschaft leben, aus dem Schatten heraus. Unsichtbare werden sichtbar. Abdul, Brian und Farid gehören zu einer Gruppe, über die regelmäßig gesprochen wird, die jedoch selbst nur selten zu Wort kommt. „Land in Sicht“ ist angesichts der derzeitigen Debatten um die deutsche Asylpolitik auch ein politischer Film, der die Lücken und Probleme der deutschen Asylpolitik deutlich macht. Während des Films nähert sich der Zuschauer an “den Fremden” an und merkt, dass Menschen wie Brian, Farid und Abdul mit ihren ganz normalen Bedürfnissen gar nicht so fremd sind. Auch sie wollen als Teil der Gesellschaft anerkannt werden, ein glückliches, sicheres und freies Leben führen. Sie wollen sichtbar sein und als Menschen wahrgenommen und behandelt werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Land in Sicht (Deutschland 2013), ein Dokumentarfilm von Judith Keil und Antje Kruska, mit Abdul Nasser Jarada, Brian Ngopan, Farid Sahimi, Rose Dittfurth u.a., 93 Minuten, aktuell im Kino.