Abschied vom arabischen Klischee. Wo Powerfrauen auf der Gewinnerseite stehen

Karim El-Gawhary (c)Manfred Weis

Karim El-Gawhary (c)Manfred Weis

 

IM INTERVIEW – Karim El-Gawhary

Wie ergeht es den Frauen im arabischen Raum nach dem sogenannten arabischen Frühling? Der Journalist und ORF-Auslandskorrespondent Karim El-Gawhary hat sein neues Buch den Frauen aus der arabischen Welt gewidmet. Er hat ihren zugehört und ihre Erlebnisse, Gedanken und Hoffnungen in “Frauenpower auf Arabisch” aufgeschrieben. Gazelle-Autorin Dunja Ramadan hat sich mit ihm über die Pionierinnen, Aktivistinnen und Verliererinnen in seinem Buch unterhalten.

 

Warum haben Sie dieses Buch – anders als die beiden vorherigen – allein den arabischen Frauen gewidmet, gab es einen bestimmten Anlass?
Karim El-Gawhary: Es besteht einfach eine gewisse Schieflage, wenn es um das Image der arabischen Frau geht. Dieses Image einer machtlosen, grauen Maus, die unterdrückt wird. Das widerspricht sich sehr mit den Frauen, die ich im Laufe meiner 20 Jahre als Korrespondent getroffen habe, das waren nämlich vor allem unheimlich starke Frauen. Eine lybische Frauenrechtlerin hat mal einen schönen Satz gesagt: „Karim, es kommt ja nicht darauf an, was wir auf dem Kopf haben, sondern was wir im Kopf haben!” Und das ist eigentlich so das Motto des Buches. Meistens wird eben nur ÜBER arabische Frauen geredet, aber nicht MIT ihnen und meistens wird dabei auf den Diskurs der Rückständigkeit der Religion eingegangen. Das Buch soll dazu beitragen, diese Schieflage etwas auszugleichen. Die Frauen sprechen im Buch über sich selbst und ihr Leben spricht eben auch für sich. Man macht sie nicht zum Objekt, sondern zum Subjekt.

 

Bemängeln sie damit die einseitige mediale Berichterstattung in Deutschland bzw. denken Sie, dass ein thematisch ausgewogener Nachholbedarf besteht?
Nicht nur die Medien, sondern auch das allgemeine Image muss überdacht werden. Sicherlich wird dieses Image auch durch die Medien mitbeeinflusst. Wenn zum Beispiel ein Bericht über Ägypten und die Muslimbrüder kommt, dann muss an irgendeiner Stelle eine tiefverschleierte Frau vorkommen. Oder auch in Zeitungen, was da teilweise an Bildern ausgesucht wird…Man arbeitet gerne mit Stereotypen, weil es einfacher ist sie zu bedienen. Alles andere ist einfach komplizierter und bedarf mehr Ausführungen als ein kurzer Fernsehbericht oder ein kurzer Zeitungsartikel.

 

Sie haben mit den unterschiedlichsten Frauen gesprochen – von LKW-Fahrerinnen bis zu Freiheitskämpferinnen. Jede der 25 Frauen hat ihre eigene Geschichte. War es schwer an diese Frauen und vor allem an ihre Geschichten zu kommen?
Nein, das war überhaupt nicht schwer. Auch da ist wieder dieses Image, dass arabische Frauen schwer zugänglich sind und mit keinem Mann sprechen wollen. Aber das war bei keiner einzigen der Fall oder gar ein Problem. Man besorgt sich irgendwie die Handynummer, wie zum Beispiel von der LKW-Fahrerin und dann sagt sie okay, komm fahr einen halben Tag mit und dann erzählt sie mir von ihrem Leben. Natürlich gibt es auch Fragen, die zu direkt sind, dann schlucken sie halt schon ein bisschen. Aber das sind alles Interviews, bei denen man nicht mal eine halbe Stunde mit jemandem zusammensitzt, da verbringt man schon mal einen ganzen Tag zusammen und dann kommt ziemlich viel dabei raus.

 

Ihr Buch beginnt mit positiven Erfolgsgeschichten von Frauen und endet mit tragischen Gestalten, die sich und andere Menschen in den Tod reißen und von Hass erfüllt sind. Waren Sie vollkommen frei in der Auswahl ihrer Geschichten oder gab es hier Tabus?
Nein, ich war vollkommen frei in der Auswahl. Ich wollte nichts Schönreden. Das sind alles starke Frauen, aber da sind eben auch starke Frauen mit dabei, die sehr schlimme Geschichten erlebt haben – auch was Männer angeht oder Krisen und Kriege. Und es geht ja auch nicht darum zu sagen, alle arabischen Frauen sind stark und alles ist toll. Sondern ein Teil dieses Buches nennt sich die „bitteren Verliererinnen“ und das sind eigentlich, finde ich, sehr traurige Geschichten. Gerade das zeigt mir auch, dass diese Frauen in fast allen Fällen einen Kampf bergauf kämpfen. Sei es ob sie den Kampf in einer traditionellen Gesellschaft ausfechten oder weil sie im Krieg leben oder weil sie ökonomisch ums Überleben kämpfen müssen. Der größte Feind der arabischen Frauen ist nicht der Konservatismus, sondern die wirtschaftliche und soziale Lage. Das vergisst man ja immer. In jedem Fall kämpfen arabische Frauen unter äußerst widrigen Umständen – unter viel viel widrigeren Umständen als Frauen hier für ihre Rechte kämpfen müssen – das heißt für mich, dass sie allen arabischen Männern das Wasser reichen können. Alle 25 Frauen, die da vorkommen, können nicht nur den arabischen Mann das Wasser reichen, sondern auch jeder europäischen Frau. Das war für mich wichtig als Message. Das sind richtige Kämpferinnen, die sich eigentlich noch viel mehr beweisen müssen als die Frauen hier.

 

Das Thema Selbstmordattentäter ist ja hierzulande ein sehr kontroverses. Was war ihr Ziel mit der Geschichte der jungen Palästinenserin? Warum haben sie sich diese Familie ausgesucht?
Ich glaube, dass hier ein großer Fehler begangen wird. Aber nicht nur die Medien begehen ihn. Dinge werden einfach verurteilt – auch wenn sie natürlich verurteilungswürdig sind – aber man fragt nicht die Frage nach dem „warum?“. So als ob ein Mensch als Terrorist geboren wäre. Und wenn man sich die Frage nicht stellt, warum dieser Mensch so etwas tut, nicht nach den Beweggründen sucht, dann kann man auch nichts verändern. Meistens sind diese Geschichten ja politisch motiviert und wenn ich den Grund nicht verstehe, die Diagnose des Ganzen nicht stellen kann, dann kann ich auch nichts heilen. Im Journalismus wird viel zu selten die Frage nach dem „warum?“ gestellt. Im Buch habe ich versucht herauszufinden, warum ein 19-jähriges Mädchen in Palästina sich und andere in den Tod reißt. Warum hat dieses Mädchen das gemacht? Das ist eine durchaus legitime Frage. Das heißt ja nicht, dass man das rechtfertigt. Aber man muss sich mit den Beweggründen eines solchen Menschen auch mal auseinandersetzen.


Gab es eine Geschichte, in der sie auch an ihre Grenzen kamen?

Ja, gerade die Geschichten im Mittelteil. Die Geschichten über die Pionierinnen waren der Teil, der total Spaß gemacht hat. Der Teil mit den Aktivistinnen war sehr beeindruckend und der Teil mit den Verliererinnen war echt hart. Ich habe bei vielen Geschichten geschluckt. Zum Beispiel die Geschichte der beiden Mütter von Port Said, das ist fast eine biblische Geschichte mit Rache und Vergebung. Ich weiß selbst nicht, wie ich bei so einer Geschichte reagiert hätte. Das habe ich mit der Geschichte eben auch gewollt: Einerseits ist es eine brutale Geschichte, andererseits kann man sich auch in die Mütter hinein versetzen. Ich kann sie verstehen. Oder die Geschichte über den Gazakrieg mit Ghada und dem Phosphor. Bei Lesungen werde ich oft gefragt, ob ich sie noch einmal erzählen kann. Und das kann ich nicht. Ich habe sie einmal aufgeschrieben und das war’s. Das sind Geschichten, die einen umhauen. Ich habe erst jetzt gerade ein Posting auf Facebook gemacht. Eine syrische Mutter war am 11. Oktober diesen Jahres auf einem Boot mit 160 anderen von Ägypten auf dem Weg nach Europa und das Boot ist gesunken. Sie hatte als einzige die Schwimmweste an und die vier Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahre klammerten sich an sie, doch die Schwimmweste kann nicht alle über Wasser halten. Die Mutter kann sich nicht entscheiden, wenn sie als erste loslässt. Und dann entscheidet die Kraft der Kinder: eins nach dem anderen lässt vor den Augen der Mutter los und versinkt. Fünf Stunden später werden sie und ihre älteste Tochter von der ägyptischen Küstenwache aus dem Wasser gezogen. Die anderen drei sind gestorben. Das sind so Geschichten, das ist so gar für mich zu viel. Wenigstens kann ich das dann aufschreiben, das hat etwas Therapeutisches.

 

Das Thema Syrien macht ihnen derzeit am meisten zu schaffen?
Ja, und dann denke ich mir: Ein Land wie Deutschland nimmt nur 5000 Flüchtlinge auf! Da ist irgendetwas so falsch. Wenn man von deren Seite die Geschichten sieht und die Leute interviewt…Furchtbare Geschichten und dann kommt aber auf der anderen Seite fast nichts an.

 

Werden Sie da wütend?
Ja auch. Wütend schon. Diese Geschichten gehen einem so nah. Es gibt ja Lösungen dafür. Es ist ja nicht gottgeben, dass diese Frau im Mittelmeer versinkt. Es macht mich schon wütend, klar.

 

Vieles was sie schreiben ist ja auch eine Art internationale Anklage. Möchten Sie als Journalist den Fokus auf bestimmte internationale Missstände lenken?
Ich möchte kein Oberlehrer sein. Ich schreibe diese Geschichten und die Geschichten sprechen für sich. Jeder soll seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Ich bin nicht derjenige, der die Schlussfolgerungen präsentiert. Wenn dieses Buch einen ganz kleinen Beitrag dazu leistet, diese Schieflage zu korrigieren, dann habe ich etwas erreicht, denke ich mir.

 

Denken Sie, dass die Rolle der arabischen Frauen sich nach dem arabischen Frühling verschlechtert hat?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Ja, wenn man auf die politische Ebene schaut: Wie viele sind Ministerinnen, wie viele sind im Parlament? Wenn man ihre Rolle in den Aufständen betrachtet, dann haben sie da ja eine tragende Rolle gespielt und wurden dann letztlich wieder an die Seite gedrängt. Aber wenn man auf die gesellschaftliche Ebene schaut, dann sind die Frauen auf der Gewinnerseite. Unheimlich viele Tabus sind gebrochen worden. Allein wie die Frauen in Ägypten gegen sexuelle Belästigung vorgehen, früher wurde verschämt darüber geschwiegen, dabei existierst diese Epidemie seit vielen, vielen Jahren. Und jetzt gehen sie ganz offensiv damit um und reden in Talkshows im Detail was ihnen passiert ist. Eine Geschichte in dem Buch handelt von der ersten Anzeige gegen sexuelle Belästigung in Ägypten. Toll, wie sich eine 23-jährige auf der Polizeistation durchgesetzt hat. Auch wie die Frauen in den Familien jetzt politisch mitreden. Man muss also auf beide Ebenen schauen, nicht nur auf die obere.

 


Was beschäftigt sie derzeit als Journalist im Nahen Osten am meisten?

Die Frage der syrischen Flüchtlinge. Vor zwei Wochen war ich an der ägyptischen Mittelmeerküste und bin in eine Polizeistation gekommen, auf der ungefähr 100 syrische Flüchtlinge waren, unter ihnen vor allem Kinder. Die waren alle auf einem Schiff, das von der ägyptischen Küstenwache aufgehalten und beschossen wurde. Es gab aus Italien und Deutschland Anfragen, dass man den Flüchtlingsstrom unterbinden sollte, und die ägyptische Küstenwache macht dann eben die Drecksarbeit für Europa. Bei der Aktion wurden zwei Flüchtlinge erschossen. Ich habe dann auf der Polizeistation einen 13-jährigen Jungen getroffen, Ibrahim, das war der Junge dessen Mutter neben ihm erschossen wurde. Das sind so Momente…Ich meine, ich arbeite seit 22 Jahren als Journalist. Aber das sind so Momente, wo du nicht weißt, was du mit dem Jungen reden sollst. Und dann habe ich ihn gefragt, was hättest du gemacht, wenn du mit deiner Mutter nach Europa gekommen wärst? Und dann hat er gesagt, na dann wäre ich endlich wieder in die Schule gegangen. Und dann habe ich ihn gefragt, was willst du denn mal werden. Und dann hat er gesagt, ich will Arzt werden, damit ich Menschen helfen kann. Das sind so Momente, da fällt dir nichts mehr ein. Vor allem, wenn du dann wieder auf die Seite hier guckst…

 

Vielen Dank für das Gespräch, Karim al-Gawhary!

 

Cover_Frauenpower_Karim El GawharyKarim El-Gawhary
Frauenpower auf Arabisch: Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte
Verlag: Kremayr & Scheriau, 192 Seiten
€ 22,00