Joy Frempong – “Das Leben ist wie ein Marktplatz”

Die Schweizer Musikerin Joy Frempong nimmt uns mit ihrem neuen Projekt OY mit auf eine Reise durch Afrika. Erst vor Kurzem zog sie nach Berlin und dort entstand auch ihr aktuelles Album KOKOKYINAKA, das sie gemeinsam mit dem Produzenten und Schlagzeuger Lleluja Ha aufgenommen hat. Als klassisch ausgebildete Künstlerin  – sie besuchte in der Schweiz die Jazzschule – experimentierte sie schon früh mit elektronischer Musik und den Möglichkeiten des Sampling von Stimmen. Vornehmlich ihrer eigenen Stimme.

Auf KOKOKYINAKA verarbeitet Joy Erlebnisse und Begegnungen einer mehrwöchigen Reise durch verschiedene afrikanische Länder: Mali, Burkina Faso, Südafrika, Swaziland und Ghana. In Ghana, der Heimat ihres Vaters und dem derzeitigen Wohnort ihrer Eltern, entstand auch das Video zu der Single “Marketplace”, einer Hymne an das Leben und die Lebensphilosophie, der man in afrikanischen Kulturen so oft begegnet. “Life is like a marketplace, you come, you buy, you leave.” Diese und andere gesammelte Anekdoten und Weisheiten, Unterhaltungsfetzen, ebenso wie Sprichwörter und traditionelle Geschichten, finden sich in den Songs wieder. So entstand ein aufregendes musikalisches Kaleidoskop, ein ungewöhnliches Album einer Musikerin, die mithilfe analoger Klänge und interessanten Geschichten ihre elektrolastigen Songs zu etwas Besonderem macht.

Gazelle Autorin Alia Mohammed traf  Joy Frempong an einem sonnigen Vormittag im Café des Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

OY Kokoyinaka

Foto: OY in Accra, Ghana. 2013. (c) Nana Kofi Acquah

Hallo Joy! Als allererstes: Wie bist Du auf das Thema und vor allem auf den Titel für dein neues Album gekommen?

JOY: Es hilft mir eigentlich immer, mir vorab ein Thema zu überlegen, mit dem ich mich musikalisch beschäftigen möchte. Das habe ich auch schon bei meinem ersten Album so gemacht. Das hilft mir auch, mich nicht in der Wahl der Instrumente und Samples zu verlieren, wenn ich ein grobes Thema habe. Nach dem ersten Album, als es dann erschienen war und ich es auch live gespielt hatte, habe ich angefangen darüber nachzudenken, was nun als Nächstes kommt. Ich weiss nicht mehr genau, wann es war, aber ich war schon ziemlich lange an dieser Idee dran, ein Album zum Thema Afrika zu machen. Der Kokokyinaka ist ein blauer Vogel, der im Wald lebt. Das Ashanti-Volk aus Ghana sieht in ihm ein mystisches Wesen, das den Männern des Stammes das Trommeln beibrachte.

 

In Afrika gibt einen grossen Reichtum an Menschlichkeit und Wohlbefinden, was mit Armut oder Reichtum nichts zu tun hat.”

 

KOKOYINAKA ist ja ganz klar als Konzeptalbum zu erkennen. Wie kam es dazu? Ich habe zum Beispiel im Vorfeld zu unserem Gespräch erfahren, dass du schon mehrmals durch verschiedene afrikanische Länder gereist bist und dort zum Teil auch auf Tour warst.

Entstanden ist es tatsächlich durch die Tatsache, dass man als Jemand wie ich, mit meinem Background in der Schweiz, immer wieder mit diesem Anderssein, anders Aussehen, konfrontiert wird. Es kommen immer wieder Fragen, “Wie ist es da?” und es wird in Bezug auf Afrika auch alles in einen Topf geworfen. Man meint ein afrikanisches Land und spricht dann doch nur vom ganzen Kontinent. Das hat bei mir eine Neugierde geweckt: Wie sind all die anderen Länder dort? Was gibt es für Besonderheiten? Dazu kommt, dass in den Medien allgemein immer eher ein negatives Bild von Afrika gezeichnet wird. Dadurch sehen die meisten Afrika nur als Kontinent mit Hunger, AIDS, Kriegen, Diktatoren und so weiter. Aber immer, wenn ich dort bin (Anm. d. Red.: in Ghana, Heimatland ihres Vaters), fühle ich mich gut. Das ging mir auch immer so bei den kurzen, drei- bis vierwöchigen Besuchen, die wir über die Jahre immer wieder gemacht haben. Es gibt dort einen sehr grossen Reichtum an Menschlichkeit und Wohlbefinden, was mit Armut oder Reichtum nichts zu tun hat. Natürlich gibt es auch Elend, aber das ist nicht das Erste, dem man begegnet, wenn man dort hinkommt.

Für mich ging es deshalb auch darum, mehr über Afrika zu erfahren, über die Geschichte und wie es dazu kam, dass die Länder seit der Unabhängigkeit die Entwicklungen machten, die wir heute kennen.

 

Du bist Schweizerin, hast eine schweizer Mutter und einen ghanaischen Vater und bist in Ghana geboren. Inwiefern hat dich das, auch musikalisch und konkret im Entstehungsprozess deines neuen Albums, beeinflusst?

Ja, die ersten sieben Jahre haben wir in Ghana, genauer gesagt in Accra, verbracht. Nachdem wir aus Ghana in die Schweiz gezogen waren, reisten wir etwa alle drei Jahre für ein paar Wochen hin. Musikalisch habe ich damals meine afrikanische Seite eher verdrängt. Als ich jünger war, hat mich dunkle Musik mehr angesprochen und ich habe auch viel Experimentelles gehört, Improvisation und richtig schräge Musik und das hatte eigentlich so gar nichts zu tun mit afrikanischer Musik. Trotzdem hat die Musik, die ich in Ghana hörte, heimatliche Gefühle ausgelöst. Auch wenn ich mich nicht mehr an bestimmte Lieder erinnere, ist in meiner Erinnerung eine bestimmte Melodie und Rhythmik, ein bestimmter Stil, geblieben. Sehr melodiös und leicht – und natürlich auch sehr rhythmuslastig.

Aber ich habe das lange Zeit verdrängt. Vielleicht kam das auch von der Jazzschule, die ich besuchte, da dort eher eine elitäre, europalastige Herangehensweise herrschte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich nicht diesen Stempel aufgedrückt bekommen wollte, weil man eh schon immer so auffällt und die Leute sowieso schon immer sehen, dass man anders ist. Ich fand es früher auch doof, wenn man sagte: “Joy Frempong aus Ghana”, speziell in der Musikszene, da es oft als Exotenbonus genutzt wurde. Nach dem Motto, ah, die ist von dort, die kann ja eh gut singen. Das fand ich doof, denn, hey, ich bin in der Schweiz aufgewachsen und wenn ich in Ghana bin, bin ich auch fremd und die Menschen dort sehen mich als Weiße.

Natürlich war es dann auch ein grosser Schritt für mich, doch dieses Album zu machen und zu sagen, okay, es gibt diese Seite und eigentlich bin ich stolz darauf, es ist ein Teil von mir. Ich habe mich jahrelang als Schweizerin ‘ausgegeben’ und jetzt kann ich eben auch mal diejenige aus Ghana sein.

Wenn das Publikum bei meinen aktuellen Konzerten merkt, dass ich eine Geschichte mit ganz klarem roten Faden erzähle, werden sie fast wieder zu Kindern und hören ganz gespannt zu.”

 

Das finde ich sehr interessant. Gab es denn für diese Entscheidung einen konkreten Auslöser?

Es war eher so, dass ich dem nicht mehr ausweichen wollte. Was schon lange da war, war mein Interesse an afrikanischen Geschichten. Schon während meiner Jazzausbildung habe ich bei einem Projekt eine afrikanische Geschichte vertont und in einen Song umgewandelt – die Schnarchgeschichte, die auch auf dem Album ist (Anm. d. Red.: “No I Don’t Snore”). Bei meinen aktuellen Konzerten habe ich gemerkt, dass eine ganz andere Aufmerksamkeit beim Publikum herrscht. Wenn sie merken, dass es nicht nur Musik mit irgendwelchen Texten ist, sondern eine Geschichte mit klarem roten Faden. Dann werden sie fast wieder zu Kindern und hören ganz gespannt zu. Wobei die Geschichten, die ich ausgewählt habe, ja auch oft für Erwachsene gedacht sind oder bei Streitfällen genutzt werden, um zu schlichten. Daher kommt zum Beispiel der Begriff Palaver. Bei Streitfällen werden solche Geschichten als Beispiele erzählt und es wird dann diskutiert, bis sich alle einig sind und eine Lösung gefunden ist. Außer solchen Geschichten habe ich auch Sprichwörter als Ausgangspunkt für meine Songs ausgesucht, weil es davon auch viele interessante Beispiele gibt.

 

Wie kam es zu der Idee, die Atmosphäre einer Reise durch Afrika, die sich in Form von Verkehrsgeräuschen, Stimmengewirr und anderen lebendigen Alltagssounds auf dem Album wiederfindet, mithilfe von “field recordings” zu kreieren?

Während meiner Reisen durch Mali, Burkina Faso, Swasiland und Südafrika hatte ich immer ein Aufnahmegerät dabei. Die Idee war, Material zu sammeln, das ich dann auf meinem Album in Klänge umwandeln konnte. Zum Teil war es schwierig, Geräusche zu finden, die sich als Bass oder als Flöte eigneten oder manchmal hatte ich einfach Hemmungen, in bestimmten Situationen meinen Recorder zu zücken und etwas aufzunehmen, weil es nicht angebracht schien. Dennoch hatte ich am Ende der Reise genügend Material gesammelt. In Südafrika, der letzten Station dieser Reise, habe ich dann begonnen, diese Sounds auszuwerten, zu schneiden und einzelne, die ich als Klangmittel besonders interessant fand, in meine Songs einzubauen. Es war unglaublich spannend zu merken, was sich daraus entwickelte. Und natürlich war ich auch erleichtert, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hatte.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Album OY – KOKOKYINAKA ist auf dem Label Creaked Records erschienen.

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Das Video von OY: Marketplace