Caroline Link: “Ich bestehe nicht darauf, Recht zu haben.”

Sie ist eine der renommiertesten Regisseurinnen Deutschlands, Oscar-Preisträgerin und stolze Mutter. Am 24. Oktober läuft Caroline Links neuer Film “Exit Marrakech” in den Kinos an. Gazelle Autor Kai Döring sprach mit ihr über die Dreharbeiten in Marokko, Familien-Beziehungen

Caroline Link

Caroline Link (c) 2013 STUDIOCANAL GmbH/Mathias Bothor

und den Umgang mit Kritikern.

Frau Link, Ihr Film „Exit Marrakech“ hat bei den Filmfestspielen in München seine Uraufführung gehabt. Danach wurde er beim Internationalen Filmfestival in Toronto gezeigt. Wie hat das Publikum jeweils reagiert?

Caroline Link: Die Kanadier sind allgemein sehr höflich und die Menschen in Toronto extrem filmaffin. Nachdem „Exit Marrakech“ gezeigt worden war, kamen ganz normale Menschen, also keine Journalisten oder Filmkritiker, auf mich zu, um mit mir über meinen neuen und auch über meine früheren Filme zu sprechen. Sehr viele von ihnen kennen „Jenseits der Stille“ und „Nirgendwo in Afrika“ und erinnern sich sogar an Details. Das hat mich sehr beeindruckt. Überhaupt unternehmen die kanadischen Zuschauer einiges an Anstrengungen für einen Platz im Kino bei diesem Festival. Sie stehen stundenlang in der Schlange und bezahlen um die 40 Kanadische Dollar für eine Eintrittskarte. Dieses Mal kam es mir so vor als wären die Meinungen der Zuschauer in Kanada differenzierter formuliert als die der Zuschauer in München. Sie können sehr genau benennen, was ihnen gefallen hat und was nicht. In Deutschland befindet man sich als Filmemacher schnell in einer vorgefertigten Schublade. Zwischen ‘toll’ und ‘Mist’ gibt es wenige Nuancen.

 

Wie ist der Umgang der Kritiker in Deutschland?

Ich kann mich nicht beklagen, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, nicht wirklich genau ‘gesehen’ zu werden. Das betrifft Lob genauso wie Kritik. Es fällt mir zum Beispiel auf, dass man in Deutschland oft auf Kosten anderer gelobt wird. ‘Jenseits der Stille’ wurde dann positiv verglichen mit den ‘hirnlosen’ Komödien der 90er Jahre. Solche Vergleiche finde ich unnötig. Es gibt nur wenige Kritiker, die einen Film für das beurteilen, was er versucht zu sein. Oft sind Kritiken ziemlich persönlich und zuweilen sehr verletzend.

 

Lassen Sie sich von Kritiken beeinflussen?

Das kommt ganz darauf an, wie sie formuliert sind. Wenn jemand sagt: „Ich mag die Art der Filme wie Du sie drehst nicht.“, kann ich nicht viel damit anfangen. Wenn dagegen jemand inhaltliche Probleme äußert oder Figuren nicht überzeugend findet, nehme ich mir das schon zu Herzen. Ich höre mir immer mehrere Kritiken an und ziehe daraus meine Schlüsse. Ich bestehe nicht darauf, Recht zu haben. Wichtig ist mir nur, dass Kritik kompetent ist und nicht vernichtend.

 

Kritisieren Sie sich doch mal selbst. Wie gefällt Ihnen Ihr neuer Film „Exit Marrakech“?

(lacht) Die Struktur des Films ist sicher gewagt. Ich bin oft gefragt worden, warum ich mit der Prostituierten Karima eine Hauptfigur erst einführe, sie dann einfach aus der Handlung fallen lasse und dann geht die Handlung auch noch an einer ganz anderen Stelle weiter. All das habe ich bewusst und sehenden Auges so gemacht. Für mich ist dieser Film eine Reise, die ins Ungewisse führt. Deshalb mäandert die Handlung hin und her. Ob dieses Konzept aufgeht, muss der Zuschauer entscheiden. Ich jedenfalls sehe meinen Hauptdarstellern sehr gerne beim Spielen zu. Ulrich Tukur als Heinrich spielt in „Exit Marrakech“ sehr reduziert und verkörpert die ambivalente Figur des Vaters ausgesprochen gut. Und Samuel Schneider als sein Sohn Ben ist eine echte Entdeckung. Verzaubernd in ihrer Vielschichtigkeit ist Hafsia Herzi, die die Prostituierte Karima verkörpert.

 

Warum haben Sie sich ausgerechnet eine Vater-Sohn-Geschichte ausgesucht? Wäre eine Mutter-Tochter-Beziehung nicht näher liegend gewesen?

Wieso sollte sie das? Als Autorin und Regisseurin kann ich mich genauso in einen Mann hineinversetzen, ohne selbst einer zu sein. Ansonsten dürfte ich ja immer nur weibliche Figuren beschreiben. Mich hat interessiert, wie viele Jungs heute ohne Väter aufwachsen und sehr stark geprägt werden von ihren allein erziehenden Müttern. Irgendwann stellt sich ein Sohn aber vielleicht die Frage: Wo ist der zweite Teil meines genetischen Materials?? Wenn mein Vater angeblich ein Idiot ist, bin ich dann auch einer ? Vielen Jungs fehlen männliche Rollenvorbilder.

 

Im Film hat sich der Vater im Beruf selbst verwirklicht und sich dabei von seinem Sohn entfernt. Waren Sie mal an einem Punkt, an dem Ihnen der Beruf so wichtig gewesen ist, dass es für die Familie gefährlich geworden ist?

Eigentlich nicht. Bei mir hat es nur etwas lange gedauert bis ich schwanger geworden bin. Ich wusste, dass ich unbedingt Kinder haben möchte, habe dann aber so lange gewartet, bis es fast zu spät gewesen wäre. Mir macht meine Arbeit sehr viel Spaß, aber sie ist nie das alles Entscheidende.

 

Hatten Sie eigentlich zuerst die Idee, eine Vater-Sohn-Beziehung zu verfilmen oder einen Film in Marrakesch zu drehen?

Vage Ideen für solch eine Konstellation hatte ich schon länger. Vor allem aber war mein Wunsch sehr groß, einen Film in Marokko zu drehen. Ich war vor über 20 Jahren schon einmal dort und wollte unbedingt noch einmal dorthin. Gemeinsam mit meinem Produzenten Peter Herrmann habe ich dann eine Reise durch Marokko gemacht – ohne den geringsten Entwurf eines Drehbuchs. Das ist dann erst Stück für Stück während der Reise entstanden.

 

Wie sehr hat sich Marokko seit Ihrem letzten Besuch verändert?

Schon sehr stark. Ich hüte mich aber davor, diese Veränderung zu bewerten. Ich finde es nicht gut, wenn man als Tourist in ein Land kommt und sagt, vor 20 Jahren waren alles so schön pittoresk und archaisch und jetzt haben alle Strom und fahren Auto statt mit dem Eselkarren. Marokko hat sich in einer Weise verändert, die den Menschen das Leben zum Teil sicher leichter macht. Zum Teil ist die Veränderung aber auch schrecklich. Marrakesch hat viel von seinem Zauber verloren. Es wurden viele Hotels gebaut, die nun zu einem großen Teil leer stehen. Es wurden Unmengen von Golfplätzen angelegt, die nun bewässert werden müssen. Das hat zur Folge, dass das Grundwasser sinkt. Die Entwicklung hat Licht- und Schatten-Seiten.

 

War es für Sie schwierig, in ihrem Film die schönsten Bilder wegzulassen, um nicht in Klischees abzugleiten?

Es ist nicht so, dass sich in Marokko die Schönheit zwangsläufig aufdrängt. Wenn Sie etwa vom Flughafen ins Zentrum von Marrakesch fahren, sehen Sie wenig Ästhetisches. Die Frage beim Drehen war eher, ob wir Bilder, die man aus Hochglanzmagazinen kennt, bewusst suchen. Das haben wir nicht gemacht. Wir wollen zeigen, was ist. Für mich drückt sich das übrigens am meisten in der Person von Karima aus, die ihr Geld als Prostituierte im modernen Marrakesch verdient und es dann ihrer Familie bringt, die im traditionellen Marokko lebt. Karima ist eine Art Wandlerin zwischen Moderne und Tradition.

 

Wird Ihr Film eigentlich auch in Marokko gezeigt werden?

Ich hoffe sehr, dass er beim Filmfestival in Marrakesch laufen wird. Ob er in Marokko auch ins Kino kommt, weiß ich im Moment noch nicht. Wahrscheinlich wird es ihn eher als Raubkopie für einen Euro am Straßenrand zu kaufen geben. (lacht)

 

Sie haben mit “Nirgendwo in Afrika” bereits einmal den Oscar gewonnen. Woran liegt es, dass Deutschland meistens Filme für den Wettbewerb einreicht, in denen es entweder um die Zeit des Nationalsozialismus oder die DDR geht?

Ich denke, das liegt weniger an uns als daran, dass Filme über diese Zeit aus Deutschland von den Amerikanern besonders gern gesehen werden. “Nirgendwo in Afrika” hätte sicher auch nie den Oscar bekommen, wenn er sich nicht auch mit dem Nationalsozialismus und jüdischen Schicksalen in dieser Zeit befassen würde. Das muss man hinnehmen. Ich befürchte, die meisten Amerikaner unterscheiden kaum zwischen Nazi- und Stasi-Geschichten . Solange die Deutschen die Bösen sind, kommt das eigentlich immer gut an. (lacht)

 

Vielen Dank für das Gespräch!