Waldorfschule im Trend

Schule für Hippie – und Ökokinder war gestern. Deutschland ruft nach Alternativen zur Staatsschule. Rudolf Steiners Erben geben Antwort. Am Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen wurde über elementare Fragen diskutiert. Gazelle traf Waldorflehrer Kellermann, Dipl.-Sportlehrerin Bek, Schulkoordinatorin der Blote Vogel Schule Henke – Kohl und Verwaltungsleitung am Institut Witten Annen für Waldorfpädagogik Körner.

 

Von Sunya Baaroun

Duales Waldorf-Pädagogikstudium an Schule und Seminar – von Anfang an mit Nähe zu Kindern. Foto: Marion Körner

Die Anmeldezahlen für Waldorfschulen steigen. Ist die vermehrte Unzufriedenheit mit der deutschen Bildungspolitik Schuld?

Kellermann: An der Waldorfschule müssen Eltern nicht bereits in der vierten Klasse über den weiteren Werdegang ihres Kindes entscheiden. Erst später, in der elften oder zwölften Klasse, steht den Schülern offen, ob sie das Abitur machen möchten. Dann können sie nämlich selbst entscheiden. Wir bieten somit eine Alternative. Mit Beginn des G8 Modells stiegen die Anmeldezahlen nach der Grundschule. An jeder zweiten Waldorfschule könnten wir aktuell eine weitere fünfte Klasse eröffnen.

Bek: Meine Tochter wäre an der Staatschule in der ersten oder zweiten Klasse sitzen geblieben. An der Walddorfschule hatte sie die Möglichkeit sich zu entwickeln. Heute macht sie Abitur, hat gute Noten. Sie musste nicht schon als Kind Frustration entwickeln. Außerdem ist der Klassenlehrer als Bezugsperson sehr wichtig, da er über acht Jahre dieselbe Klasse unterrichtet. Er ist jemand, der wirklich immer dabei ist, das Kind in seiner Entwicklung begleitet. Auch der Kontakt zu den Eltern ist sehr wichtig: Jeden Monat findet ein Elternabend statt, Gespräche sind stets möglich.

Kellermann: Waldorfschulen geben Kindern die Zeit, die sie brauchen. Das Prinzip lautet: Gelingen fördern. Deshalb gibt es lange Zeit keine Noten, nur Gutachten, damit die Schüler sich nicht dauernd vergleichen. Bei Schulwechseln oder Abschlusszeugnissen werden diese Gutachten dann in übliche Noten übersetzt. Letztere stellen in unserer Gesellschaft eine Tauschwert-Qualifikation dar. Bei uns werden Gebrauchswert-Qualifikationen erworben. Die Eltern erhalten einen Entwicklungsbericht. Möchten Schüler dennoch einmal Noten haben, ist das möglich.

Oft wird die Beziehung zwischen LehrerIn und SchülerIn betont. Räumt man Klassenlehrern so nicht zu viel Macht ein? Und was ist, wenn sie nicht gefallen?

Kellermann: Zunächst sollte die Angst vor dem Scheitern in einem guten System nicht Grund sein, sich an ein schlechtes System zu binden, in welchem der Schüler sich alle paar Jahre einer neuen Bezugsperon gegenüber gestellt sieht. Ich war selber Klassenlehrer. Wenn ich am Ende des Jahres meine Zeugnisse geschrieben habe, konnte ich mir nicht denken: „Zum Glück bin ich Fritz los“, sondern: „Wie komme ich nächstes Jahr mit Fritz zurecht?“. Das ist eine Aufgabe. Angenommen man ist mit dem Lehrkörper unzufrieden, sollte man ihn mit den Gründen der Unzufriedenheit konfrontieren. Bei schwerwiegenden Konfrontationen ist ein Lehrer natürlich auch zu ersetzen. Andernfalls kann zum Beispiel der Schüler die Klasse bzw. Schule wechseln.

Gestern noch Schule für Hippie – und Ökokinder. Heute ein Model für intellektuell und alternativ gemäßigte Bürgerliche. Luxus „Waldorfschule“ ?

Kellermann: Waldorfschulen entstehen aus Initiative heraus. Diese findet man nicht spontan in bildungsfernen Schichten. Denn erst wenn man sich fragt, was man für eine Pädagogik möchte, findet man. Das individuelle Interesse an Bildung zählt – ganz gleich in welchen Einkommensverhältnissen man sich bewegt. Wir sind keine Eliteschule für Finanzkräftige.

Bek: Die erste Waldorfschule wurde 1919 für Arbeiterkinder gegründet. Die Eltern unserer Schüler zahlen einen Beitrag. Dieser kann als Hürde empfunden werden. Das Schulgeld bemisst sich jedoch am Einkommen, somit findet ein Ausgleich statt. Letztlich muss also niemand auf eine Waldorfschule verzichten, weil er wenig Geld zur Verfügung hat.  

Wie sieht der unterste Beitragssatz aus?

Kellermann: Null Euro. Nach oben hin etwa 800 Euro. Im Übrigen sprechen wir hier nicht von Schulgeld sondern von einem Schulträgerbeitrag. Thema Luxus: Was ist das? Für mich hat sich die Bedeutung des Begriffs völlig verändert. Ein wichtiges Gut ist Zeit. Ist Gesundheit. Wasser. Bildung. Wenn sich nun eine Gruppe auf den Weg macht, um mit viel Engagement etwas zu verwirklichen, das ihr sehr wichtig ist, dann ist das schon ein Betreiben von Luxus?

Angenommen in einer bestimmten Region hat sich eine Interessengemeinschaft zusammen getan, die sich eine Waldorfschule wünscht. Unter welchen Bedingungen ist ein solches Projekt realisierbar?

Kellermann: Waldorfschulen entstehen in der Regel durch Elterninitiativen. Das Interesse entzündet sich oft durch Erlebnisse mit der entsprechenden Pädagogik. Oder weil es in der jeweiligen Waldorfschule mehr Anmeldungen als freie Plätze gibt. Zunächst sucht man nach potentiellen Lehrern. Danach wendet man sich an die Landesarbeitsgemeinschaft der Walddorfschulen oder an den Bund der Freien Waldorfschulen. Dieser verfügt über einen Kreis von Gründungsberatern. Von diesen bekommt man dann ein oder zwei an die Seite gestellt, die helfen, die Schule auf die Beine zu stellen.

Duales Schulmusik-Studium mit waldorfpädagogischem Schwerpunkt – bislang deutschlandweit nur in Witten. Foto: Marion Körner

Wie gestaltet sich das?

Kellermann: Schwer. Der Staat stellt Auflagen – wie: entsprechend ausgebildete Lehrer. Dann einen Lehrplan, der dem staatlichen Konzept gleichwertig ist. Die größte Hürde stellt die räumliche Einrichtung dar. Gleich zu Beginn muss man nachweisen, dass man für zwölf Klassen plus Fachräume den nötigen Platz hat.

Anthroposophie. Rudolf Steiner. Waldorfpädagogik. Schlagwörter die schnell in eine Schublade gesteckt werden. Ist das in Ordnung?

Frau Henke-Kohl: Das Problem ist die Schublade, denn bei der ist ja neben dem Aufziehen das Wichtige, dass man sie zumachen kann. Es gibt so viele Facetten und allgemeingesellschaftliche Ansätze, dass eine Schublade sicher nicht ausreicht. Umgekehrt übernehmen andere pädagogische Konzepte auch etwas von der Waldorfschule. Geht man auf dessen Ursprünge zurück, landet man nicht selten bei Waldorf. Die schriftlichen Zeugnisse in der Klasse eins und zwei beispielsweise. Oder: Neuesten Forschungen zu Folge bildet die verlässliche Beziehung zwischen Lehrer und Kind die wichtigste Grundlage fürs Lernen – in der Waldorfschule durch den Klassenlehrer von Anfang an veranlagt.

Lieber grün, singend und tanzend als gesellschaftlich nicht etabliert. Ausweg Waldorfschule, wenn sonst nur die Förderschule bleibt?

Bek: Von der gesetzlichen Grundlage her konnte man vor der Inklusion ein Kind mit besonderem Förderbedarf gar nicht in die Waldorf-Schule aufnehmen. Das wäre jetzt möglich. Es gibt übrigens auch Waldorf-Förderschulen.

Kellermann: Wiederum kann man sagen, dass Kinder, deren Weg eine staatliche Förderschule gewesen wäre, an der normalen Waldorfschule oft sehr gut zurechtgekommen. Mein Sohn konnte am Ende der zweiten Klasse nicht lesen. Der Wille dazu kam erst in der vierten Klasse. Da wir an Waldorfschulen der linken Gehirnhälfte aber genauso viel Bedeutung wie der rechten zumessen, fand mein Sohn bis zu diesem Zeitpunkt Angebot und Bestätigung in anderen Disziplinen.

Durch Waldorfpädagogik erfahren die Kinder also weniger Druck?

Bek: Druck bedeutet für mich, man agiert von außen, damit das Kind lernt. Waldorfschule dagegen hat das Ziel im Inneren des Menschen etwas zu wecken. Das ist also schon da; denn jedes Kind, das in die Schule kommt, möchte lernen. Und entweder mache ich als Lehrerin etwas, damit das so bleibt oder ich handle anders, nämlich so, dass das Kind irgendwann nicht mehr möchte. Letzteres ist fatal. Wenn nötig, sind wir Waldorf-Lehrer allerdings auch konsequent bei der Einforderung von Leistungen, zu denen das Kind fähig ist; denn beides braucht der Mensch: Fordern und Fördern, und manchmal ist es ein und dasselbe.

Dennoch stellt sich die Frage, wie man als Abgänger einer Waldorfschule im normal gesellschaftlichen Leben zurechtkommt. Wenn der Professor an der Uni sich nicht im Geringsten für die Belange all seiner Individuen interessiert.

Bek: Das staatliche Schulsystem ist ein Spiegel  des Menschenbildes unserer Gesellschaft: Ziel ist das Funktionieren in der Arbeitswelt.

Kellermann: Gegenfrage, wollen wir diese Gesellschaft denn so, wie sie im Moment ist? Muss ich meine Schüler, nur weil wir eine Ellenbogengesellschaft sind, deshalb auch zwingend darauf vorbereiten? Oder sollte ich nicht versuchen so viel Kraft wachzurufen, dass eben genau diese Kraft die Gesellschaft auch verändern könnte? In unseren Schulen schließen mehr als die Hälfte der Schüler mit dem Abitur ab. Unsere Absolventen sind in ihren späteren Berufen meist zufrieden. Weil sie selbstbewusst genug sind, um nicht den einfachsten Weg zugehen, sondern ihren Weg zu suchen. Wir geben Qualitäten mit, die nicht mit Noten messbar sind. Es gibt ein sicheres Zeichen, an dem man Waldorfschüler erkennt: Sie blicken einem, wenn sie zuhören, in die Augen. Es kommt zur Begegnung. Sie schätzen sie anstatt sie zu fürchten.

Das Institut für Waldorf-Pädagogik in Witten. Foto: Charlotte Fischer

Wie anthroposophisch ist die Waldorfschule?

Sabine Henke-Kohl: Sie meinen, ob Anthroposophie unterrichtet wird? Nein. Anthroposophie kann den Lehrenden eine Hilfe sein, sich ihrer individuellen Weltanschauung und ihres Menschenbildes bewusst zu werden.

Körner: Eine Weltanschauung hat schließlich jeder Mensch. Aber ob die ihm bewusst ist, inklusive der Folgen in seinem Handeln, ist entscheidend für die Begegnung mit den Kindern, den Eltern, den Kollegen und letztendlich auch mit sich selbst. Die bislang vorherrschende Weltanschauung, dass mit Geld und Technik alles kontrollierbar sein soll und der Mensch eine Funktionseinheit in dieser Industriewelt sei, hat ihre Ergebnisse gezeigt – bis in die Schule. Also, wie anthroposophisch ist die Waldorfschule? Sie ist so anthroposophisch wie die dort tätigen Menschen sich bewusst für das Welt- und Menschenbild entscheiden, das den Kindern die größtmögliche Entfaltung ihrer Potenziale eröffnet, und selbst danach handeln.

Stichwort bunte Schule in Dortmund als interkulturelle Waldorfschule. Wie läuft das Vorhaben?

Frau Bek: Hiermit lehnen wir uns an die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim an. Diese erzielte besondere Erfolge und wurde mehrfach ausgezeichnet. Bisher ist der Start der bunten Schule allerdings nicht abzusehen.