BUCHTIPP: Die vierzig Geheimnisse der Liebe – Elif Shafak

Von Sunya Baaroun

Elif Shafak glänzt mit einem neuen Schmuckstück. Ihr aktuelles Werk „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ gilt als Geheimtipp. Nach „Der Bastard von Istanbul“ war die Messlatte hoch angesetzt. Doch wieder einmal beweist sich die türkische Erfolgsautorin.

Diesmal geht es um Ella, eine gut gestellte Mutter und Hausfrau aus Northampton. Eigentlich eine alte Geschichte. Die Ehe eingefroren, mechanisch und lieblos. Über das Kochen, die Kinder und ihren Hund hinaus, gibt es kaum etwas, dass Ellas Begeisterung weckt. Und so lebt sie ein Leben voller Kalkulierbarkeit und Müdigkeit Tag für Tag vor sich hin. Eine Neuigkeit gibt es dann allerdings doch. Ella ergattert einen kleinen Job in einer Literaturagentur. Als Gutachterin soll sie eingereichte Manuskripte unter die Lupe nehmen. Bald liegt ihr „Süße Blasphemie“ von Aziz Zahara vor. Das Manuskript behandelt die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft:

„Süße Blasphemie“
Kleinasien im dreizehntem Jahrhundert – Konya, hier begegnen sich Schams-e Tabrizi, ein Wanderderwisch, und der berühmte Islamgelehrte und Dichter Rumi. Im Mittelpunkt steht Schams, eine Person sondergleichen. Charakterstark, gewitzt und überaus klug. Er kann Träume deuten und den Menschen in die Seele blicken. Seine Aufgabe ist es, Rumi, der schon alles zu wissen scheint, die Welt noch einmal ganz neu zu erklären. Das soll sein Lebenswerk sein. Schams ist es, der sich den Säufern, einer Hure und sonstigen Außenseitern der Stadt nähert, ihr Leid ergründet und Kraft spendet. Und obwohl er im Sinne Gottes handelt, wirkt Schams überraschend unkonventionell, ja lässt zu Weilen Dinge von sich, die gar nicht in den Mund eines Muslims passen. Er schert sich um nichts und wieder nichts und sorgt somit für Aufsehen. Wie kann der angesehene und gesellschaftlich etablierte Rumi, sich auf das Niveau dieses verrückten Sufis hinablassen? Die Lage spitzt sich zu, als Rumis Familie erkennt, dass Schams keinen Platz mehr in Rumis Leben haben darf. Ein fragwürdiger Plan wird geschmiedet, der Rumi letztlich das Herz bricht.

Mehr als nur Liebe
Ella ist von dem vorliegendem Roman eingenommen. Schams Weisheiten brechen in ihr etwas auf, was sie verloren glaubte. Eines Tages kontaktiert sie den Autor. Per E-Mail schreiben sich Ella und Aziz bald häufiger. Eine Vertrautheit und Zuneigung entwickelt sich, die Ella völlig vor den Kopf stoßt. Und so vorhersehbar der weitere Verlauf sein könnte, so unerwartet endet die Geschichte dann. Denn Aziz, der Schams im Übrigen sehr ähnelt, trägt eine schwere Last mit sich.

Elif Shafak webt in ihrem Buch einen Teppich von kleinen Geschichten. Gemeinsam berichten sie von viel mehr als nur der Liebe, dem Islam und suchenden Herzen. Ein Meisterwerk, angelehnt an eine wahre Begebenheit, denn Schams und Rumi existierten wirklich. Letzterer zählt heute zu den Größen des Sufismus. Die Autorin diskutiert in ihrem Roman zeitlose Fragen, ob religiöser oder zwischenmenschlicher Natur. Man könnte meinen, dass sie an zahlreichen Stellen Bezug zu aktuellen, gesellschaftlichen Geschehnissen nimmt. Es geht um Säkularisierung, die Scharia und vor allem um die Wahrheit. Shafak erzählt anhand von Bildern, die zwischen den Zeilen entstehen.

Einzig gelegentliche Übersetzungsdefizite lassen beim Lesen etwas stolpern. Dennoch: Ein Bewusstseinserweiterndes, spannendes Werk. Schmaus für die Seele.

Elif Shafak
Die vierzig Geheimnisse
Kein & Aber Verlag
512 Seiten
ISBN-10: 3036956662
ISBN-13: 978-3036956664