“Wir wollen unseren Kindern eine Welt mit weniger Müll hinterlassen.”

Startup mylittlebigswap - Natalia & Björn Yañez-Stiel  (c)Benjamin Heck

Startup mylittlebigswap – Natalia & Björn Yañez-Stiel (c)Benjamin Heck

Wie das Berliner Startup mylittlebigswap die gute alte Tauschbörse für Kinderspielzeug neu erfindet und ein neues Verständnis von Konsum schafft. Das Geschäft ist mit viel Liebe gemacht. Und das ist wortwörtlich gemeint. Hinter der Berliner Online-Tauschbörse verbirgt sich die Jungfamilie Natalia Yañez-Stiel und ihr Ehemann Björn und neuerdings auch Caspar, der selbst nicht nur eine Existenzgründung war, sondern auch selbige auslöste. Gazelle Autor Van Bo Le-Mentzel sprach mit dem Startup Gründern.
Foto: Benjamin Heck

Ihr habt in London jahrelang ein Berufsleben geführt, um das Euch wohl viele Menschen beneiden würden. Björn war bei einer großen Bank angestellt und Natalia hat die Pressearbeit für ein renommiertes Museum verantwortet. Offensichtlich habt ihr viel Geld verdient und ein mondänes und modernes Leben geführt. Jetzt seid ihr zurück nach Deutschland und setzt mit Eurem Startup alles auf eine Karte. Was ist in London schief gelaufen?
Björn Stiel: Zuerst einmal ist da unser mittlerweile fast zweijähriger Sohn Caspar, der unser Leben kräftig durcheinander gewirbelt hat. Und dann mein alter Job in einer Investmentbank, in dem es in erster Linie knallhart zuging und Geld alles war. Da rückt das Wunder des Lebens einige Dinge in ein anderes Licht. Und so sind wir beide über Monate zu der Überzeugung gekommen, unserem Leben eine andere Richtung zu geben. Wir wurden nach Caspars Geburt mit Geschenken überschüttet. Was für eine Ressourcenverschwendung, dachten wir. So schön die Sachen alle waren. Und da sind wir jetzt!

 

Kann man mit einer Tauschbörse Geld verdienen?
Björn: Wir bieten eine Dienstleistung an, da wir den Nutzern unserer Plattform alle Arbeit abnehmen. Aber wir müssen und wollen auch gar nicht reich damit werden. Wir sind naturgemäß sehr experimentierfreudig und überlassen zum Beispiel unseren Kunden die Entscheidung, wieviel sie für unseren Service bezahlen möchten.

 

Wenn es Euch hierbei nicht um’s Geld geht, worum dann?
Natalia: Wir hatten Feedback von Menschen, die sich durchaus leisten können, teure Sachen zu kaufen und die Tauschen bisher nicht als Teil ihrer Art des Konsums in Betracht gezogen haben. Menschen die plötzlich sagen “Tauschen statt Kaufen” ist eine Möglichkeit und Alternative, Konsum anders zu leben und das eigene Shoppingverhalten zu erweitern – das ist Motivation. Denkmuster erweitern, eine Alternative anbieten anders zu konsumieren, ohne dabei extra Arbeit zu haben. Wir möchten zeigen, dass es nicht immer der absolute Verzicht sein muss. Das Wie ist doch entscheidender. Nicht zuletzt erleichtern wir Menschen das Leben. Und das ist auch etwas Schönes. Menschen haben Zeit sich um die schönen und wichtigen Dinge im Leben zu kümmern – und als Eltern hat man immer Zeitnot.

 

Im schlimmsten Fall geht Ihr leer aus?
Björn: Wenn die Menschen ernst genommen werden, handeln sie auch ehrlich. Die meisten Unternehmen tüfteln heute mit den ausgefeiltesten Bezahlmodellen rum, um auch den letzten Cent Zahlungsbereitschaft aus den Kunden rauszukitzeln. Warum nicht den umgekehrten Weg gehen und die wirkliche Preissetzungsmacht dem Kunden geben. Wenn ich als Kaufmann davon überzeugt bin, eine gute Ware oder Dienstleistung anzubieten, habe ich auch nichts zu befürchten, ganz im Gegenteil sogar! Wovor also Angst haben?

 

Dieses Konzept, welches auch “Pay as you want”-Prinzip genannt wird, macht seit geraumer Zeit Schule. Warum fällt es den Verbrauchern so schwer, selbst den Preis zu bestimmen?
Natalia: Wir haben uns ganz gut eingerichtet in einer Welt, in der uns viele Entscheidungen abgenommen werden. Was paradox ist, da wahrscheinlich nie eine Generation vor uns so viele Freiheiten hatte. Wenn wir dann auf einmal mit der Freiheit konfrontiert werden, wieviel ich denn für einen Restaurantbesuch bezahlen soll, dann kratzen wir uns auf einmal am Kopf. Wir kennen Preise von Lebensmitteln, Benzin, etc. und wissen, was Dinge kosten. Das ist die Kostenseite. Was aber ist der Wert? Wir schaffen vieles einfach nicht mehr selber, wir wissen gar nicht mehr, wie lange man für manche Dinge braucht, was es heißt ein wirklich gutes Essen auf den Tisch zu bringen, wir sind dem entrückt. Es ist doch aber spannend zu sehen, dass es viele Beispiele gibt, bei denen genau dieses Prinzip aber wieder funktioniert. Für uns ist das alles auch ein Experiment.

 

Das limiterte Modell “Jack Teddybär” von der Qualitätsmarke Steiff kostet 219 Euro im Spielzeugladen. Ist es wirklich so viel wert?
Natalia: Gute Frage. Wahrscheinlich nicht. Wert ist doch fast immer relativ. Da wird auch viel mit unserer Vorstellung von Exklusivität und unseren Begehrlichkeiten gespielt. Gute Qualität zahlt sich aber hoffentlich aus, indem Sachen durch Weitergabe und Tauschen immer wieder und wieder verwendet werden und mehrere “Modezyklen” überstehen und einfach eine längere Lebensdauer haben. Der Wert liegt also eher in der aktiven Lebensdauer. So ein Bär kann und sollte viele Generationen Kinder glücklich machen. Dem Kind wird es egal sein. Wenn der Teddy aus guter Qualität handgenäht ist, und nicht so ein Ding im Ohr hat, dann ist er deshalb trotzdem nicht “wertloser”.

 

Als Investmentbanker warst Du trainiert darin, Finanzprodukte zu vertreiben. Hier geht es darum Begehrlichkeiten zu schaffen für Dinge, die man vielleicht nicht wirklich braucht. Seht Ihr in der Spielzeugindustrie Parallelen?
Björn: Meist hat es was mit Ängsten zu tun, mit denen gespielt wird. Angst, den Kindern nicht alles bieten zu können, was es tolles gibt. Und in der Finanzbranche eben Angst, die große Chance zu verpassen. Oder die Angst, nicht für alle Eventualitäten die richtige Versicherung zu haben. Oder die Angst, dass die anderen Kinder im Kindergarten das tolle Star Wars Spielzeug haben. Begehrlichkeiten werden permanent geschaffen in unserer Welt und wir können uns oft nur schwer davon freimachen. Wie heißt es so treffend – die Menschen kaufen sich Dinge, die sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen.

Natalia: Wir waren mal auf einer Babyfachmesse in London – und das war wohl der kürzeste Messebesuch überhaupt. Da gab es tolle und sinnvolle Produkte, aber eben auch viele, die nur darauf bauen, dass man Angst hat oder dem Erwartungsdruck standhalten will. Als Eltern will man so viel richtig machen und von überall bekommt man gesagt, was dieses “Richtige” ist. Da wird einem schon bald richtig Angst gemacht und damit gespielt – was man da nicht alles braucht, damit man selbst und das Kind glücklich und zufrieden ist.

 

Was ist das Best Case Szenario für das Business Modell mylittlebigswap?
Björn: Im besten Fall schaffen wir es, einen aktiven Marktplatz zu etablieren, in dem wir eine Art Kreislaufwirtschaft hinbekommen. Dinge werden, solange sie in gutem Zustand sind, weitergegeben, wiederverwendet, ihnen einen neuen Sinn gegeben. Wobei wir uns in diesem ganzen Modell als “Cloud” verstehen, in der sich die Dienstleistung “versteckt”. Die Nutzer von mylittlebigswap schicken nur ein und nehmen sich Sachen raus, um die ganze Abwicklung brauchen sie sich keine Gedanken zu machen. Wir wollen es schaffen, Menschen langfristig von diesem Kreislaufgedanken zu überzeugen, so dass sie immer wieder kommen, um Kinderkleidung und Spielzeug zu tauschen.

 

Und das Ganze in Zahlen ausgedrückt?
Björn: Unser mittelfristiges Ziel ist es, 10.000 Menschen von mylittlebigswap zu begeistern. Bislang ist ein sehr hoher Prozentsatz unserer Anmeldungen auch tatsächlich aktiv. Wenn das so bleibt, könnten unsere Kindersachen und Spielzeug Cloud ca. 20.000 Artikel groß sein. Wäre das nicht toll? Ein riesengroßes Kinderzimmer, das einen kleinen Beitrag dazu leisten würde, das wir unseren Kindern eine Welt mit weniger Müll hinterlassen.

 

Wo kämen wir hin, wenn alle ihre Spielzeuge nur noch untereinander tauschen würden? Dann müsste ja die Spielzeugindustrie dicht machen. Tausende von Arbeitsplätze wären betroffen. Die Spielzeugindustrie in Deutschland importiert jährlich Spielzeug im Wert von 6 Millarden Euro. Ist das nicht wirtschaftlich ein Harakiri-Weg?
Björn: Wir leben auf einem Planeten mit knappen Ressourcen. Harakiri ist es, wenn wir das weiterhin ignorieren und so tun, als gäbe es keine Grenzen. Als gelernter Volkswirt weiß ich natürlich, wie die klassische Wirtschaftswissenschaft Wachstum definiert. Danach schaffen wir am meisten Wohlstand, indem wir die Arbeitsteilung weiter perfektionieren und so viel wie möglich konsumieren, am besten einmal im Jahr ein neues Auto kaufen, es danach verschrotten. Dafür müssen wir natürlich soviel Geld wie möglich verdienen, wenn’s nicht reicht, Kredite aufnehmen etc. Ich denke, dass viele Menschen mir zustimmen, dass es das nicht sein kann. Aber selbst unter völlig nüchterner ökonomischer Betrachtung geht die Rechnung nicht auf. Das Problem ist, dass wir viele “externe Effekte” einfach nicht in die klassische Rechnung mit einbeziehen. Viele Menschen leiden unter dem Druck am Arbeitsplatz, dass sie sich in diesem Hamsterrad bewegen, werden krank. Was ist mit der Umweltverschmutzung oder den Kosten für die Einlagerung unseres radioaktiven Abfalls, den wir kommenden Generationen hinterlassen. Das sind doch Dinge, die wir überhaupt nicht abschätzen können! Zurück zu Deiner Frage: Ich bin mir sicher, dass, wenn wir es schaffen, anders mit unseren Ressourcen umzugehen, automatisch innovative Geschäftsideen entstehen, Menschen sind auf der Suche nach kreativen Lösungen, experimentieren, gründen Startups mit verrückten Ideen. Das ist es, was Arbeitsplätze schafft, nicht das Festhalten an alten Modellen.

 

Ihr habt ein Tauschsystem geschaffen mit einer eigenen Währung: Die Credits. Ist das nicht letztendlich auch nichts anderes als Euro, nur unter einem anderen Namen?
Björn: Wir haben selbst lange an diesem Punkt rumgefeilt und verschiedene Konzepte diskutiert. Ursprünglich hatten wir mal überlegt, einfach “eins-zu-eins” zu tauschen, d.h. ein Artikel ist immer gleich viel wert. Da sind wir aber schnell in Gesprächen mit an Grenzen gestoßen, da wir nunmal ein Gefüge von relativen Preisen im Kopf haben und es als ungerechtfertigt empfinden, wenn eine Babymütze soviel “kosten” soll wie ein Bobbycar. Das andere Ende der Skala wäre gewesen, wir hätten eine klassiche An-/Verkaufsplattform geschaffen, die über Geld funktioniert. Das wollten wir auch nicht, da der Grundgedanke eben der ist, dass jeder Dinge in seinem Kinderzimmer hat, die er zwar nicht mehr braucht, für jemand anderen nützlich sind. Und derjenige ist dafür selbst auf der Suche nach etwas ist, das er gebrauchen kann, ihm also selber Nutzen stiftet. Unsere Credits erfüllen den Zweck, das Tauschen zu vereinfachen; die Transaktion wird unkomplizierter und man kann die Credits eben auch für später aufbewahren. Im Grunde wie beim Geld, bevor das Geldsystem zum Kasino wurde. Aber mit dem Gedanken, dass niemand Geld braucht, um an Credits zu kommen.

 

Wo seht Ihr Euch in zehn Jahren?
Natalia: Wir sehen, dass sich Tauschen als Modell etabliert hat und gleichberechtigt in der Lebenswelt der meisten Menschen angekommen ist. Nicht nur, weil es Spaß macht, sondern weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Tauschen ist selbstverständlich – für alle Dinge des täglichen Lebens, nicht nur für Kindersachen – und wird parallel zum klassischen Kauf genutzt. Mylittlebigswap mit seiner Community ist ein wichtiger Wegbereiter und Innovator. Caspar und seine bis dahin zwei Geschwister kennen es gar nicht anders, sehen es als selbstverständlich an zu tauschen und lernen dabei neue Freunde kennen.
Björn: In zehn Jahren werden wir dieses Interview mit Hologramm-Technologie führen und uns fragen, wie wir jemals so versessen gewesen sein konnten, Dinge kaufen, anhäufen und horten zu wollen. Tauschen mit den Möglichkeiten, die uns die vernetzte Welt bieten, ist selbstverständlicher Teil unseres Alltags. Und womöglich stehen wir kurz vor der Entdeckung des Beamens, was die Logistik ungemein vereinfachen würde. Kleiner Scherz, ich sehe, dass Tauschen angekommen und selbstverständlich ist, so wie es mittlerweile mit dem Car-Sharing der Fall ist.

Vielen Dank für dieses Gespräch, und wir sprechen uns … pardon … beamen uns wieder in zehn Jahren.