“Deutsch-MarokkanerInnen in den Fokus von Medien und Forschung bringen”

Dr. Soraya Moket - Vorsitzende des DMK e.V.

Dr. Soraya Moket – Vorsitzende des DMK e.V.

Dieses Jahr geht es zwischen Marokko und Deutschland feierlich zu. Es werden “50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration” gefeiert. Das Deutsch-Marokkanische Kompetentnetzwerk (DMK) aus München hat die Feierlichkeit geplant, die unter der Schirmherrschaft des marokkanischen Königs steht. Dr. Soraya Moket, Vorsitzende des DMK, berichtet Gazelle über diesen besonderen Anlass und welche Herausforderungen es noch anzupacken gilt.

 

Deutschland und Marokko feiern dieses Jahr 50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration. Sie sind die Vorsitzende des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk, die unter anderem den Festakt und eine Fachveranstaltung am 25. und 26.Juni 2013 organisieren. Stellen Sie unseren LeserInnen Ihren Verein kurz vor.
Das im Mai 2007 gegründete Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk (DMK) ist seit der Hauptversammlung vom 7. März 2009 in Berlin ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Der Hauptsitz des DMK ist München. Ziel des Netzwerkes ist die Förderung nachhaltiger Entwicklung in Marokko und die Unterstützung der Integration marokkanischstämmiger Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.
Wir haben mit unserem Netzwerk hoch motivierte Schlüsselpersonen, die hochqualifiziert sind, aus unterschiedlichen Teilen Marokkos stammen und ehrenamtlich tätig sind, um Entwicklung in Marokko und Integration in Deutschland zu fördern. Wir leisten mit unserem Netzwerk und mit deutschen und marokkanischen Institutionen einen beispielhaften Beitrag zu einer vertrauensvollen, glaubwürdigen und nachhaltigen Entwicklungspolitik und sind Brückenbauer für einen Dialog der Kulturen.

 

Wie hat es Sie nach Deutschland verschlagen?
Ich bin in Kenitra, Marokko, geboren und gehöre zur dritten Generation der Einwanderer nach Deutschland. Ich kam in den 1990er Jahren mit dem Ziel in Deutschland Soziologie zu studieren und nach Marokko zurückzukehren. Doch ich blieb hier und fing in Luxemburg bei einer NGO als Geschäftsführerin an zu arbeiten. Heute bin ich als Geschäftsführerin bei Ramesch e.V. tätig.

 

Welches Image hat Deutschland bei den MarokkanerInnen in Marokko?
Ein positives Image. Deshalb wanderten viele Marokkaner/innen in den 1960 Jahren nach Deutschland aus. Heute sind es insbesondere Bildungsimmigranten, die zum Studium nach Deutschland kommen.

 

Was ist Ihnen in der Arbeit beim DMK wichtig? Welche Schwerpunkte haben Sie?
Das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk versteht sich als Mittler zwischen Deutschland und Marokko; dabei sollen die Synergien seiner in Deutschland lebenden marokkanischstämmigen Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen und Disziplinen gebündelt und effizient eingesetzt werden.
Das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk verfolgt weiterhin das Ziel, neben der Erweiterung und Vertiefung von Kooperationen zwischen Marokko und Deutschland auch einen beratenden Rahmen für die Entwicklung, Ausarbeitung und Durchsetzung bereichsspezifischer Strategien zu schaffen. Ferner soll der Technologietransfer gefördert und Investitionsvorhaben in Marokko unterstützt werden. Hierfür hat das Kompetenznetzwerk eigene Projekte entwickelt; einige Einzelprojekte sind schon durchgeführt worden, die sich an den lokalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen Marokkos orientieren. Marokkanischenstämmige Bürgerinnen und Bürger in Deutschland verstehen wir ebenfalls als Zielgruppe, um einen Beitrag zur Stärkung ihrer Integration in Deutschland zu leisten, realisieren wir Bildungsprojekte.

 

Deutsch-MarokkanerInnen finden im öffentlichen Leben bzw. in den Medien kaum statt, obwohl sie in allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv sind. Wie erklären Sie sich das?
Dass die Deutsch-MarokkanerInnen im öffentlichen Leben bzw. in den Medien kaum präsent sind, obwohl sie in allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv sind, hängt mit ihrer Anzahl zusammen. Insgesamt leben heute etwa 160.000 bis 180.000 Menschen mit einer marokkanischen Herkunft in Deutschland. Schwerpunktmäßig haben sich die Marokkanischstämmigen in Nordrhein-Westfalen und in Hessen niedergelassen. Sie stellen eine Minderheit dar im Vergleich zu den Türkischstämmigen, die zahlenmäßig zu den größten Migrantengruppen Deutschlands gehören.
Wir versuchen als Netzwerk mit unseren Veranstaltungen im Rahmen von „50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland“, aber auch durch unsere Publikation mit dem Titel „Migrations- und Integrationsbeziehungen zwischen Marokko und Deutschland“, welche in Zusammenarbeit mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS, Osnabrück) beim Springer Verlag Ende des Jahres erscheinen wird, das Bild der Deutsch-MarokkanerInnen in den Fokus von Medien und Forschung zu bringen.

 

Sie unterstützen mit Ihrem Verein Deutsch-Marokkaner dabei sich in ihrem Herkunftsland selbstständig zu machen oder zu engagieren? Ist das eigentlich noch im Sinne der Integration, wie sie hierzulande verstanden wird und wie empfinden Sie diese Integrationsdebatte?
Die Potenziale der Marokkanischstämmigen für die Entwicklung des Herkunftslandes beschränken sich nicht nur auf die finanziellen Überweisungen der marokkanischen Migranten an ihre Familien, sondern umfassen auch gemeinnütziges Engagement, Investitionen und Know-how-Transfer. Durch die Globalisierung werden sich Migrationsbewegungen immer verstärken. Heute leben und arbeiten rund 215 Millionen Menschen in einem Land, in dem sie nicht geboren sind. Die Politik sollte die Rahmenbedingungen schaffen, die die Vielfalt, die Bilingualität, Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz als Chance und Potenzial für Deutschland in Zeiten der Globalisierung gesehen werden und nicht als Problem. In so einem Feld hat sich der Begriff der Integration überlebt. Es geht heute darum, in unterschiedlichen kulturellen Feldern Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

 

Welches aktuelle DMK Projekt hat Sie bislang am meisten begeistert?
Alle unsere DMK Projekte begeistern mich. Unsere Projekte sind sehr vielfältig und haben immer neue Schwerpunkte und neue Herausforderungen. In diesem Jahre galt es das Thema „50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland“ zu organisieren.
Wir haben mit der Wanderausstellung, der wissenschaftlichen Publikation in Zusammenarbeit mit IMIS, die Veranstaltungsreihe im Rahmen von 50 Jahre marokkanische Migration und nicht zuletzt dem Festakt am 25.06. sowie die Fachtagung am 26.06. spannende Projekte und Veranstaltungen realisiert und realisieren werden.

 

In Deutschland wird viel über Fachkräftemangel diskutiert. Für zahlreiche StudentInnen, die aus Marokko vorrangig in den MINT-Bereichen ihre Abschlüsse machen, eine Chance. Wie sieht es in der Realität für diese AbsolventInnen auf dem Arbeitsmarkt aus? Oftmals endet mit dem Studium auch das Aufenthaltsrecht, wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Zeit eine Anstellung finden.
Nach § 19 AufenthG können Hochqualifizierte mit einem konkreten Arbeitsplatzangebot sofort eine Niederlassungserlaubnis bekommen, also von Anfang an ein Daueraufenthaltsrecht genießen. Weiterhin können durch die Blaue Karte Hochschulabsolventen aus Nicht-EU-Staaten eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, wenn sie einen Arbeitsvertrag mit einem Arbeitgeber in Deutschland vorlegen und ein Gehalt von mehr als 44.800 Euro pro Jahr haben. In Berufen, in denen bereits jetzt Fachkräftemangel herrscht, beispielsweise bei Ärzten und Ingenieuren, beträgt die Gehaltsschwelle knapp 35.000 Euro. Bei entsprechenden Deutsch-Kenntnissen erhalten Inhaber der Blauen Karte bereits nach 21 Beschäftigungsmonaten eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis in Deutschland. Deutschland muss meines Erachtens dreigleisig fahren um den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel erfolgreich zu bewältigen: Eine positive Willkommens- und Einwanderungskultur schaffen und kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten bieten.

Eine nachholende Integration für die schon in Deutschland lebende zweite Generation ist zwingend notwendig. Es bedarf an weiteren schulischen und beruflichen Qualifizierungschancen. Wirtschaft und Politik müssen einen Ausbildungspakt schließen, damit die beruflichen und gesellschaftlichen Teilhabechancen auch für Menschen mit Migrationshintergrund besser werden und die gesellschaftlichen Ausgaben für soziale Transferleistungen kurz- und mittelfristig gesenkt werden können. Darüber hinaus sollten die Förderungsmöglichkeiten für Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund durch den Ausbau der Kindergartenplätze verbessert werden, damit jedes Kleinkind schon ab dem ersten Lebensjahr die Möglichkeit hat in den Kindergarten zu gehen.

 

Welchen Beitrag können Deutsch-MarokkanerInnen Ihrer Ansicht nach in Marokko leisten?
Wir sehen uns als BrückenbauerInnen und Botschafter zweier Kulturen und deshalb sind wir für die Deutsch-MarokkanerInnen jederzeit da, wenn sie Projekte in Marokko realisieren möchten und bieten ihnen Informationen und Beratungsangebote an.

 

Welche Herausforderungen gibt es Ihrer Meinung nach in den Deutsch-Marokkanischen Beziehungen?
Die deutsch-marokkanische Zusammenarbeit besteht zwar seit dem letzten Jahrhundert. Doch diese Beziehungen waren durch die Kolonialgeschichte Marokkos eher gut bis sehr gut zu Frankreich und Spanien, auch wenn es schwierige Zeiten gab. Jetzt merken wir, dass diese Beziehungen seit den 1990er Jahren stetig besser wurden. Eine Rolle übernahmen dabei die marokkanischen Migranten und die marokkanischen Studierenden. Diese BrückenbauerInnen haben zur Verbesserung und Intensivierung der Beziehung beigetragen. Sie tragen zwei Herzen in ihrer Brust. Wir sehen aber auch, dass die Jubiläumsfeier in diesem Jahr nicht nur einen herausragenden Höhepunkt der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Marokko darstellt, wir halten diesen Jahrestag gleichwohl für einen herausragenden Höhepunkt der bilateralen Beziehungen und wünschen, dass dieser Anlass auf hohem politischen Niveau genutzt wird, um die Beziehungen unserer beiden Länder zu fördern. Genau dies hat sich unser Netzwerk zum Ziel gesetzt

 

Welche Ziele und Projekte möchten Sie in den nächsten Jahren noch verwirklichen, anstoßen oder umsetzen?
Wir möchten uns weiterhin in Bereich Know-how-Transfer in allen unseren Bereichen weiterentwickeln. Denn Bildung und Wissen werden in der Zeit der Globalisierung und internationalen Vernetzung zunehmend zur entscheidenden Ressource für globale Wettbewerbsfähigkeit und für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Aber auch Projekte für Marokkanischstämmige im Bereich der Integration möchten wir realisieren, damit die gesellschaftlichen Teilhabechancen von ihnen verbessert werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Informationen und Veranstaltungen:

www.marokkanische-migration-deutschland.de

Facebook-Seite zum Jubiläum

Veranstaltungskalender zum Deutsch-Marokkanischen Jubiläum