“Von ARD-Moderatorin Anne Will mehr Professionalität erwartet”

Als sich in Deutschland die Brandanschläge von Solingen zum zwanzigsten Mal jährte und einer der größten Neonaziprozesse die Gesellschaft beschäftigt, strahlte die ARD die Talkshow von Anne Will zum Thema “Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime?” aus. Für viele Zuschauer sorgte das für großes Erstaunen. Auch für die Islamwissenschaftlerin Dr. Caroline Neumüller, die einen offenen Brief an die Redaktion von Anne Will schrieb. Zu ihrem Islambild und den Kontroversen der aktuellen Islamdebatte hat Gazelle Autor Ghassan Abid sie befragt.

 

© Caroline Neumüller, Doktorin der Philosophie in Islamwissenschaften.

© Caroline Neumüller, Doktorin der Philosophie in Islamwissenschaften.

Erstmal vielen Dank für die Möglichkeit dieses kurzfristigen Interviews. Was bedeutet für Sie der Islam?
Caroline Neumüller: Die Dankbarkeit liegt ganz auf meiner Seite, dass mir die Möglichkeit gegeben wird offen meine Gedanken darzustellen. Was der Islam für mich bedeutet, ist schwer innerhalb weniger, konkreter Sätze wiederzugeben, denn der Glaube erklärt sich für mich in einer persönlichen Bindung zwischen Gott und dem/ der Gläubigen. Natürlich kann man den Islam als ein Ganzes, eine Religion, verstehen, dennoch ist es wichtig zu unterscheiden, dass der Islam unterschiedliche Bedeutungen für den einzelnen Menschen hat. Der Islam ist für mich nicht nur eine Religion, der man sich anschließt, sondern auch eine Lebensweise, einem Lebensmotto sich ähnelnd. Er umfasst für viele ein Regelwerk von Geboten und Verboten, aber für mich geht dieser Glaube darüber hinaus und enthält eine spirituelle wie seelische Suche, die in einer persönlichen Philosophie endet, welche mich lehrt Tag für Tag mich zu bemühen ein besserer Mensch zu werden und innere Ruhe, Gelassenheit wie auch Frieden zu erlangen. Man kann sich als Muslim/ Muslima auf die Grundpfeiler des Glaubens stützen (für mich die 5 Säulen und 6 Glaubensgrundsätze), dennoch glaube ich, dass es viel mehr braucht, um den Glauben zu verinnerlichen und zu leben. Man ist nicht allein ein guter Muslim oder eine gute Muslima, indem man sich an die (festgesetzten) Regeln hält, sondern man muss sich bemühen, über den Tellerrand hinauszuschauen, seinen eigenen Horizont zu erweitern und im Guten für sich, für andere, und natürlich auch für Gott zu handeln.

 

Am 29.05.2013 strahlte die ARD eine neue Folge der Talkshow Anne Will aus, die das Thema „Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime?“ aufgriff. Mit einem offenen Brief kritisierten Sie die ARD. Warum?
Es gibt mehrere Gründe, weshalb ich mit diesem Offenen Brief aufmerksam machen wollte. Ursprünglich war nur die Idee dieses Beschwerdebriefes eine Idee von mir gewesen, auf die ich in einem sozialen Netzwerk aufmerksam gemacht hatte. Dass ich diesen letztendlich auch schreiben würde, dem war ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen. Es war eine Idee, die ich in den Raum gestellt hatte, und der Wunsch von mir war, dass jemand diese Idee aufgreifen und in die Tat umsetzen würde; jemand aber, der/ die namhafter als ich ist. Es lag jedoch in der Natur der daraufhin folgenden Umstände, dass ich mich entscheiden musste, ob ich meiner Idee nun Folge leiste oder nicht. Es ist nicht die erste Sendung dieser Art, über die ich mich und andere ebenfalls, geärgert hatte, deshalb war es vielleicht an der Zeit nicht länger stillschweigend diesen Umstand hinzunehmen, sondern dazu Stellung zu nehmen und meine Meinung dazu abzugeben, die letztendlich, wie sich herausgestellt hat, von vielen Menschen, muslimisch wie auch nichtmuslimisch, geteilt wird.

Dieser Brief kritisiert allerdings nicht nur die ARD-Redaktion selbst, sondern auch die angesprochene Moderatorin, von der ich mehr Professionalität und Neutralität erwarte als sie demonstriert hatte. Den Brief habe ich vor dem Ausstrahlen der Sendung geschrieben, veröffentlicht und erstmalig an die Redaktion bzw. Frau Will geschickt. Am darauf folgenden Tag schickte ich ihn erneut, allerdings dieses Mal inklusiv der mich unterstützenden UnterzeichnerInnen, welche mich selbst nach dem Verschicken des Briefes zahlreich erreichten.

Der Hauptgrund dieser Beschwerde ist, dass sich die Redaktion keine Gedanken darüber gemacht hatte, welcher Tag der 29.05.2013 für viele Menschen, insbesondere mit türkischem Hintergrund, bedeutet. Es war der 20. Jahrestag des fremdenfeindlichen Attentates auf eine türkische Familie in Solingen. Meiner Meinung nach hätte man eine Sendung zum Thema Islam durchaus machen können, allerdings wäre es sinnvoller und respektvoller gewesen, wenn man sich auf die Themen „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ konzentriert hätte. Damit hätte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Auf der einen Seite hätte man den Opfern und Hinterbliebenen seinen Respekt und seine Achtung wie auch Interesse entgegengebracht, und auf der anderen Seite hätte man ein gegenwärtig sehr aktuelles Thema (siehe die NSU-Mordserie aus fremdenfeindlichen Motiven) behandelt.

Ein weiterer Grund, den ich in diesem Brief angesprochen hatte, war die Auswahl der eingeladen Gäste, die zu diesem Thema Stellung beziehen und ihre Meinung darstellen sollten. Leider ist schon der Titel der Sendung sehr unglücklich gewählt worden, so dass es unumgänglich war, schon mit dieser Überschrift ein Bild des Islams zu schüren, der nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt ist. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es Extreme auch in meiner Religion gibt, aber solche Titel schüren ein Bild, welches dem Zuschauer suggerieren soll, fast alle, die ein wenig strenggläubiger und praktizierender als andere MuslimInnen sind, seien bzw. könnten von dieser Richtung angetan sein. Es ist deshalb sehr unglücklich gewählt, dass man VertreterInnen des Glaubens einlädt, die nicht unterschiedlicher voneinander sein könnten und jeweils einen Islam porträtieren, den aber die Mehrheit der Muslime in Deutschland absolut nicht darstellt. Auf der einen Seite wurde die Islamkritikerin Necla Kelek eingeladen, welche zwar auf der einen Seite klarstellt, dass sie Muslimin ist, allerdings auf der anderen Seite, die Muslime und insbesondere die religiösen Quellen des Glaubens in ein negatives Licht rückt sowie aus dem Kontext gerissene Verse aus dem Qur’an zitiert, die letztendlich mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben, wo ich mich als Islamwissenschaftlerin und selbst Muslimin wundere und frage, ob sie sich mit dem Qur’an offen und kritisch auseinandergesetzt hat. Als absolutes Gegenpendant wurde die Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrates aus der Schweiz, Nora Illi, eingeladen. Frau Illi konvertierte als 18-Jährige zum Islam und führt ein traditionell-religiöses Leben inklusive ihrer Entscheidung den Gesichtschleier zu tragen. Wie ich schon in dem Brief andeutete, habe ich nichts gegen ihre religiöse Praxis, denn jeder Mensch sollte sich frei entscheiden, wie er/ sie den Glauben leben und weitergeben möchte. Was ich allerdings bemängele ist, dass hier eine Dame eingeladen wurde, die genau das Gegenteil von Frau Kelek repräsentiert und wiederum nur eine sehr kleine Minderheit von MuslimInnen vertritt. Somit waren meiner Meinung nach weder Frau Kelek noch Frau Illi geeignete Vertreter für die Muslime und Musliminnen in Deutschland, denn weder die eine noch die andere kann für die Mehrheit der Muslime und Musliminnen in Deutschland sprechen. Was eine einigermaßen vernünftige ‘Vertretung’ der Muslime angeht, so hätte man jemanden einladen müssen, der/ die seinen / ihren Glauben innerhalb unserer Gesellschaft so lebt und versteht – egal ob mit oder ohne Kopftuch – dass sich ein neutrales Bild ergibt und nicht diese extremen Gegensätze, wie sie durch die genannten Gäste präsentiert wurden.

Auch wenn offene Briefe in der Regel von den Redaktionen nicht beantwortet werden und Stellungnahmen auf sich warten lassen, vielleicht sogar gar nicht veröffentlicht werden, so hat dieser Brief viele Menschen erreicht, dass darüber nachgedacht wird, wie man in der Gesellschaft miteinander umgeht bzw. umgehen soll. Viele sagen, dass es mutig war, diesem Brief zu schreiben, während andere den Inhalt und die Struktur kritisieren. Mir ging und geht es vor allen Dingen darum Klartext zu sprechen und zu schreiben. Ich halte wenig von Schönfärberei, wenn es um wichtige Dinge, insbesondere um den Glauben geht, da bevorzuge ich Klarheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und vor allen Dingen Gerechtigkeit.

 

Auch die Deutsche Islam Konferenz (DIK) unter dem Vorsitz des Bundesinnenministers Dr. Hans-Peter Friedrich stand in der Kritik mehrerer Islamverbände, sich zu sehr auf den Extremismus fixiert zu haben. Ist der extremistische Islamismus eine tatsächlich so große Gefahr für die öffentliche Sicherheit?
Eine schwierige Frage, die mehrere Herausforderungen beinhaltet. Die DIK hat unter unserem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sehr gut begonnen, mit dem Ziel Politik und Religion einander näher zubringen. Leider ist in den vergangenen drei Jahren das Niveau der DIK gesunken, auf dem sich die Muslime und Musliminnen in Deutschland kaum mehr wieder finden. Es sollte ein Leitfaden sein, dass man miteinander anstatt über einander spricht, nur ist das Ergebnis genau dieses letztendlich geworden. Deshalb ist es kein Wunder, dass die diesjährige DIK die vorerst letzte gewesen sein soll.

Bei der Frage um „extremistischen Islamismus“ gibt es eine doppelte Negativität, mit der ich nur schwerlich umgehen kann. Man müsste hierbei analysieren, was „extremistisch“, und separat was „Islamismus“ bedeutet. Beides zusammen passt meines Erachtens nicht. Ich bin weder in der Politik tätig noch kenne ich mich im Sicherheitssektor aus. Sicherheitsexperten wie z.B. der Herr Dr. Guido Steinberg, könnten diese Frage besser beantworten. Aus persönlicher Perspektive, als deutsche Mitbürgerin und Muslimin, würde ich sagen wollen, dass jede Art von Extremismus eine Gefahr für die Gesellschaft im Allgemeinen darstellt und man sich zusammenschließen muss, um diesen Gefahren entgegenzuwirken und sie auszumerzen.

 

Die DIK griff auch Themen wie häusliche Gewalt und Zwangsheirat auf. Wird Ihrer Meinung nach keine klare Trennlinie zwischen Tradition und Religion gezogen?
Die Frage „Wird Ihrer Meinung nach keine klare Trennlinie zwischen Tradition und Religion gezogen?“ selbst hat mit dem Statement „Die DIK griff auch Themen wie häusliche Gewalt und Zwangsheirat auf.“ nichts zu tun, deshalb könnte ich zur Frage nur vage etwas sagen. Zu dem Statement kann ich nur sagen, dass häusliche Gewalt und Zwangsheirat kein islamisches Phänomen ist, auch wenn dies in der Mehrheitsgesellschaft so rüberkommen zu scheinen mag. Häusliche Gewalt gibt es leider in vielen Familien, völlig unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Das diese im Zusammenhang mit Muslimen immer dramatischer dargestellt wird als bei Nichtmuslimen halte ich für falsch, denn es erzeugt ein Bild, welches nicht der Realität entspricht. Zwangsheirat ist auch ein Begriff, der heutzutage hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Islam genannt wird, dabei ist auch das kein religiöses Problem. Selbst außerhalb des Islams gibt es Zwangsehen, nur wird von ihnen weniger berichtet, weil es anscheinend weniger interessant ist. Fakt allerdings ist, dass im Islam Zwangsheirat verboten ist. Wer sich mit dem Glauben auskennt, weiß, dass man eine Ehe nur eingehen darf, wenn beide Partner damit einverstanden sind. Wer nun sagt, dass ein Schweigen die Zustimmung der Braut sei, dem/ der würde ich sagen, dass er/ sie falsch liegt, denn die Logik ist doch, dass man einer Eheschließung mündlich zustimmt oder entsagt, da auch Zeugen dies mitbekommen müssen.

Bei der Frage, ob es keine klare Trennlinie zwischen Tradition und Religion gibt, so ist es schwierig für mich für andere zu antworten. Ich nehme an, Sie sprechen dies in Bezug auf den Islam an, wie MuslimInnen mit ihrem Glauben umgehen, wie sie ihn leben und ob sie ihre Religion und Traditionen von einander trennen oder miteinander in Einklang bringen. Das ist meiner Meinung nach für jeden Menschen unterschiedlich. Viele lernen den Glauben aus ihrer Tradition heraus, beschäftigen sich somit mehr mit den kulturellen, nationalen und eben auch traditionsbedingten Aspekten als mit den religiösen Quellen selbst. Andere wiederum beschäftigen sich nur mit den religiösen Quellen und sagen sich von Traditionen los, wenn diese nicht mit dem Glauben zu vereinbaren sind. Es kommt letztendlich darauf an, was für ein Interesse und welche Affinität man zum Glauben hat und entwickelt. Als Konvertitin sehe ich Religion und Tradition anders, als jemand, der/ die aus einer muslimischen Familie kommt, ganz gleich ob diese Familie praktizierend ist oder nicht. Es ist automatisch, dass Religion und Tradition oftmals miteinander vermischt werden. So ergeht es unseren christlichen und jüdischen MitbürgerInnen doch nicht anders. Deutschlands Traditionen basieren zu großen Teil auf christlich-religiösen Werten, so dass es nur zu verständlich ist, dass Religion und Tradition miteinander vermischt gelebt werden. Im Islam ist das oftmals nicht anders. Ich glaube nicht, dass man darum herum kommt, nur selten, und das kommt in eher puristisch-religiösen Gruppierungen vor, wird eine starke und klare Trennung zwischen Tradition und Religion gemacht. Man muss sich bei solch einer Trennung bewusst sein, dass man sich damit auch meist von der Mehrheitsgesellschaft trennt, egal ob sie nun muslimisch ist oder nicht. Traditionen haben für viele einen genauso hohen Stellenwert wie die Religion selbst.

 

Eine im April 2013 veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zum Ergebnis, dass jeder zweite Deutsche den Islam für bedrohlich hält. Wie erklären Sie sich dieses verheerende Image des Islams in Deutschland?
Ich mag weder für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft noch die muslimische Gemeinschaft hier in Deutschland Partei ergreifen, da ich mich selbst dazwischen finde. Fakt ist, dass meiner Meinung nach beide „Seiten“ dazu beigetragen haben, dass sich solch ein Image entwickelt hat. Zudem ist es Fakt, dass sich von beiden „Seiten“ die Mühe gemacht werden muss, damit sich das Image zum Positiven wendet.

Es sollte außerdem verständlich gemacht werden, dass nicht der Islam an sich das Problem ist. Es ist aber zum Problem geworden, dass die Menschen nicht mehr differenzieren können, denn eigentlich sollte man nicht den Glauben, sondern den Menschen zur Verantwortung ziehen. Der Glaube an sich ist perfekt, einzigartig, allumfassend; der Mensch aber ist nicht perfekt, sondern individuell und nicht allwissend. Somit sollte man verstehen, dass wenn es Einzeltäter gibt, die im Namen des Glaubens etwas durchführen, es nicht auf den Glauben als Ganzes zurückzuführen ist, denn jeder Mensch versteht und praktiziert seinen Glauben anders.

Dieser Studie ist schwer Glauben zu schenken, denn wäre sie flächendeckend ausgeführt worden, dann könnte man möglicherweise Vertrauen in sie setzen. Ich selbst habe von dieser Studie erst nach ihrer Veröffentlichung erfahren, von daher halte ich es für unglaubwürdig, dass jeder zweite Deutsche den Islam für bedrohlich hält. Ich kenne niemanden in meinem Familien-, Freundes-, und Bekanntenkreis, der/ die an dieser Studie teilgenommen hat.

Was ich mir wünschen würde ist, dass man sich seitens der nichtmuslimischen Gesellschaft für das „Fremde“, was eigentlich hier zuhause ist und viele Ähnlichkeiten auch mit den Werten des Christen- und Judentums aufweist, öffnet und den Weg für ein gemeinsames Ziel – in Frieden und Freundschaft miteinander leben – ebnet. Seitens der muslimischen Gemeinschaft wünsche ich mir, dass sich viel mehr Wissen angeeignet wird, denn nur durch Lernen und Wissenserwerb findet man Zugang und Akzeptanz, und Toleranz in unserer Gesellschaft. Wissen öffnet viele Türen und Möglichkeiten, erweitert den Horizont und die Möglichkeiten der Zugänglichkeit und des Miteinanderauskommens.

 

Immer wieder liest man in namhaften deutschen Medien, dass die Frau im Islam unterdrückt wird. Die Religion wird immer wieder als Grundlage dieser Ungleichbehandlung herangezogen. Trifft diese These zu?
Wer sich nicht mit dem Glauben beschäftigt und diese These immer wieder in den Medien liest, wird leider irgendwann glauben, dass diese These zutrifft. Insbesondere wenn diese Medien dafür verantwortlich sind, nicht nur aus diesem Blickwinkel zu berichten, aber auch Geschichten dafür bereitwillig auszuschütten, um die Mehrheit der Interessierten in diesem Glauben auch noch zu bestärken. Das größte Problem ist die Tatsache, dass Medienvertreter und Journalisten nur einseitig berichten, weil sie meines Erachtens ein Bild schüren möchten, welches ihnen genehm ist. Ein gemeinsames Feindbild „schweißt zusammen“, und zurzeit bietet sich nichts Besseres an als den Islam dafür zu „benutzen“. Es ist allerdings gefährlich mit Halbwissen der Welt klarmachen zu wollen, der Islam sei so und nicht anders. Es wird sich kaum Mühe gegeben, hinter die Kulissen zu schauen, was wirklich der Wahrheit entspricht. Nur weil es ein bestimmtes patriarchalisches Bild gibt und dieses auch noch intensiv geschürt wird, bedeutet es noch lange nicht, dass die Mehrheit der Muslime und Musliminnen diesem Bild auch folgt.

Unterdrückung gibt es überall. Das ist religionsunabhängig. Sich auf den Islam zu versteifen halte ich für falsch, denn es zeigt ein inkorrektes Gesamtbild. Wie oft sieht und liest man in Deutschland die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen, sei es im sozialen, familiären und beruflichen Sektor? Da wird auch nicht über Religion, sondern – teilweise auch durchaus berechtigt – über ganz andere Aspekte diskutiert. Man kann nicht die Religion für inkorrektes Verhalten verantwortlich machen. Wird jemand, insbesondere eine Frau, unterdrückt, dann liegt es am Fehlverhalten des Menschen, den man auf seinen Fehler hinweisen muss. Die Frau ist im Islam genauso wichtig und gleichwertiger Bestandteil der Gesellschaft wie der Mann. Beide haben ihre Aufgaben zu erfüllen, um sich im Positiven für die Menschheit weiterzuentwickeln. Dazu muss beiden Geschlechtern die Freiheit der Bildung und Weiterentwicklung gegeben werden. Nicht umsonst heißt es sinngemäß: „Bilde einen Mann, und er kann für seine Familie sorgen; bilde eine Frau, und sie bildet eine ganze Nation“.

 

Inwieweit treten Muslime und Nichtmuslime hierzulande miteinander in den Dialog?
Erfreulicherweise nehmen die Veranstaltungen, Seminare, Treffen, Informationstage und -wochen in dieser Hinsicht zu. Es wird sich endlich vermehrt darum bemüht einander kennen zu lernen. Insbesondere in den vergangenen 5 Jahren sind die Bestrebungen um einen Dialog gewachsen und werden in die Tat umgesetzt. Viele dieser Events werden insbesondere von Muslimen initiiert, aber auch die Kirchen, religiöse wie auch NGO-Organisationen und Verbände laden zum Dialog ein. Für Außenstehende mag das noch nicht ganz zum Tragen gekommen zu sein, aber als „Interne“ sehe ich diesen rasanten Wandel, den es vor 10 Jahren noch nicht in dieser Bandbreite gegeben hat.

Wie alles, ist auch die Kommunikation ausdehnbar und verbesserungswürdig, dennoch muss ich sagen, dass sich vieles zum Positiven geändert hat und beide „Seiten“ viel zugänglicher geworden sind. Was wichtig ist, dass bei Muslimen und Nichtmuslimen das stereotypische Denken über den/ die andere(n) aufhört und man sich dem Fremden, obwohl es eigentlich nicht fremd ist, öffnet und man sich zugänglich zeigt. Vor kurzem gab ich vor einer kleinen Gruppe von Muslimen einen Vortrag über die Wichtigkeit des Lernens und allgemeinen Wissenserwerbes. Diesen Vortrag, so glaube ich, heute, könnte ich auch vor Nichtmuslimen halten. Warum? Weil der Dialog und die Kommunikation miteinander nur möglich gemacht und vereinfacht wird, wenn man sich informiert, wenn man sich Wissen aneignet und es dann auch weitergibt. Es erweitert den Horizont und fördert die Toleranz und das Miteinander. Je weniger wir wissen, desto intoleranter sind wir, deshalb sollte sich auf beiden „Seiten“ bemüht werden sich zu informieren.

 

Im Oktober 2007 traten Sie dem Islam bei. Was veranlasste Sie zu dieser Religion zu konvertieren?
Es gibt viele Geschichten im Internet, in den Medien und im Fernsehen, warum Menschen aus der westlichen Welt zum Islam kommen. Als ich zuerst konvertierte, dachte ich auch, ich müsste mich erklären, aber mittlerweile habe ich verstanden, dass die Konvertierung eine persönliche Angelegenheit ist und ich diese als solche in der Öffentlichkeit nicht breittreten möchte. Was ich sagen kann ist, dass ich mich vor meiner Konvertierung zehn Jahre mit dem Islam beschäftigt habe, meine Höhen und Tiefen mit dem Glauben hatte, und am Ende zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ich mich nur als Muslimin vervollständigt sehen kann. Dieser Glaube gibt mir ein spirituelles Zuhause, in dem ich mich persönlich entfalten und viel über mich und andere lernen kann.

 

Muslim und Deutscher sein, für viele immer noch ein Widerspruch. Wie sollte der Islam mit seinen 4 Millionen Gläubigen in Deutschland aufgestellt sein und darauf aufbauend die Frage, wie sich deutsche Muslime identifizieren könnten?
Den Grund für diesen Widerspruch kann ich mit einem Vergleich versuchen zu erklären: Ich habe fast zehn Jahre in Großbritannien gelebt; davon habe ich mich im letzten Drittel hauptsächlich mit dem Islam in Großbritannien, aber auch in Deutschland beschäftigt und gleichzeitig nach der Identitätsfindung von MuslimInnen – hauptsächlich KonvertitInnen – in beiden Ländern recherchiert. In Großbritannien scheint man teils anderen, oft offeren Zugang zum Islam bzw. zu den Muslimen als in Deutschland zu haben. Menschen mit Migrationshintergrund und muslimischer Religionszugehörigkeit werden Ihnen in Großbritannien eher sagen, dass sie sich gleichzeitig als Brite und MuslimIn fühlen, während in Deutschland oftmals eher das Gegenteil ist, selbst wenn man al Mitbürger mit Migrationshintergrund einen deutschen Pass besitzt. Es kommt daher, dass die Briten einen nationalen Stolz besitzen, den wir Deutschen in diesem Ausmaß nicht kennen. Wir müssten ihn uns wieder erarbeiten, um das gleiche Gefühl zu erreichen. Wenn ich deutsche KonvertitInnen zum Islam gefragt habe, wie sie sich ihre Identität vorstellen, so war es überwiegend so, dass man zuerst als Muslim(in) und erst viel später als Deutsche(r) gesehen werden wollte. Für muslimische Glaubensgeschwister ohne deutsche Staatsangehörigkeit kann und möchte ich nicht sprechen, denn da denkt dann doch jeder sehr individuell.

Für die Allgemeinheit kann ich nicht sprechen, wie sich ein deutscher Muslim identifizieren würde, jedoch wenn ich von mir ausgehe, dann porträtiere ich ein bestimmtes Bild: Ich bin deutsche Muslimin, wahlweise auch muslimische Deutsche; wie man es gerne definieren möchte. Ich identifiziere mich über meine deutsche Herkunft, die mir sehr wichtig ist, wie auch über meinen Glauben, der Teil meiner Gesamtidentität geworden ist. Ich könnte mir meine Identität weder ohne das eine noch das andere vorstellen, denn beides macht das aus, was ich heute bin.

 

Caroline Neumüller, vielen Dank für das Interview!

 

Blog von Caroline Neumüller.