“Deutschland ist für Türken nicht unattraktiver geworden”

Soziologe Yasar Aydin

Soziologe Yasar Aydin

Medienberichten zufolge kehren immer mehr deutsch-türkische AkademikerInnen Deutschland den Rücken. Alles Blödsinn, sagt der Soziologe Yaşar Aydın. In den letzten Jahren sei vielmehr ein transnationaler Raum zwischen der Türkei und Deutschland entstanden – zum Nutzen beider Länder.

Warum kehren immer mehr deutsch-türkische AkademikerInnen Deutschland den Rücken?

Yaşar Aydın: Obwohl das in den Medien immer behauptet wird, stimmt diese Aussage so nicht. Es wandern zwar Hochqualifizierte aus, aber sie bleiben auch in der Türkei stark mit Deutschland verbunden. Sie bauen auch häufig transnationale Netzwerke auf, sodass eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern entsteht. Davon, dass sie Deutschland den Rücken kehren, kann also keine Rede sein.

 

Trotzdem liegt die Zahl der AuswandererInnen auf einem recht hohen Niveau.

Das stimmt. Die Gründe dafür sind oft vielschichtig. Türkeistämmige Akademiker, die entweder in Deutschland geboren wurden oder als Kinder ins Land gekommen sind, orientieren sich häufig an beiden Gesellschaften. Sie haben Kontakte und bewerben sich nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in der Türkei auf Stellen. Sie fühlen sich zu beiden Kulturen zugehörig und sind Teil eines transnationalen Raums.

 

Sie haben mit 30 Auswanderern gesprochen. Welche Gründe haben sie für ihren Schritt genannt?

Ganz entscheidend ist die wirtschaftliche Dynamik der Türkei, die in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen hat. Die Wachstumsraten liegen durchschnittlich bei vier bis fünf Prozent. Die Türkei hat deshalb einen wachsenden Bedarf an Fachkräften, den sie nicht allein decken kann. Viele ausländische Firmen haben zudem in den letzten Jahren in der Türkei investiert, darunter viele deutsche. Sie brauchen Mitarbeiter, die sowohl deutsch als auch türkisch sprechen und in beiden Kulturen zuhause sind. Für die Auswanderer, mit denen ich gesprochen habe, haben die guten Arbeitsbedingungen den Ausschlag gegeben.

 

Sie gehen also deshalb, weil die Türkei attraktiver geworden ist und nicht Deutschland unattraktiver?

Genau. Deutschland ist in den letzten zehn Jahren für Türken nicht unattraktiver geworden. Man sollte sich in der Debatte deshalb nicht nur auf die Faktoren konzentrieren, die unter Umständen dazu führen, dass Menschen aus einem Land abwandern, sondern auch darauf, was sie in Zielland anspricht. Da hat die Migrationsforschung Nachholbedarf. Zudem wandern ja auch weiter Menschen aus der Türkei nach Deutschland ein. Das dürfen wir nicht vergessen. Die Zahlen sprechen übrigens auch keine so deutliche Sprache wie es auf den ersten Blick scheint: Viele, die nach Deutschland kommen, reisen nicht zum ersten Mal ein, sondern zirkulieren zwischen der Türkei und der Bundesrepublik. Sie werden nach der ersten Einreise aber von Migrationsstatistiken nicht mehr erfasst. Wir sollten uns daher von der Vorstellung einer Migration als Einbahnstraße trennen.

 

Diskriminierungserfahrungen spielen demnach auch keine Rolle?

Natürlich gibt es wie in jeder komplexen Gesellschaft auch in Deutschland Diskriminierung. Menschen wanden aber nicht deshalb in die Türkei ab, weil sie hier diskriminiert wurden. Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Viele meine Interviewpartner haben das Thema Diskriminierung von sich aus angesprochen. Wenn sie Erfahrungen in dieser Richtung gemacht haben, hat sie das allerdings eher angespornt, sich noch mehr zu engagieren und zwar in Deutschland.

 

Würde eine doppelte Staatsbürgerschaft bei der Abwanderung etwas ändern?

Wenn Türkeistämmige neben dem türkischen auch einen deutschen Pass hätten, würde ihnen das die Entscheidung, es beruflich in der Türkei zu versuchen, sicher erleichtern – einfach weil sie dann jederzeit nach Deutschland zurückkehren könnten. Radikale Veränderungen sehe ich aber nicht, da türkische Migranten ohne deutsche Staatsbürgerschaft schon heute visafrei ein- und ausreisen können, wenn sie 15 Jahre in Deutschland gelebt und in die Sozialkassen eingezahlt haben.

 

Vor einem Jahr ist das Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse in Kraft getreten. Hat das etwas im Bereich der Ein- und Auswanderung etwas verändert?

Das Gesetz ist zu jung, um hier schon fundierte Ergebnisse zu haben. Es ist aber in jedem Fall psychologisch ein wichtiges Zeichen, weil es Menschen Perspektiven eröffnet, in Deutschland zu arbeiten. Damit bekräftigt es sicher auch viele, die vielleicht mit dem Gedanken spielen auszuwandern, darin, in Deutschland zu bleiben. Und es wird sicher auch dazu führen, dass mehr Hochqualifizierte nach Deutschland kommen.

 

Welche Auswirkungen hat der von Ihnen beschriebene Austausch von Menschen, der in den vergangenen Jahren zwischen Deutschland und der Türkei entstanden ist?

Die zirkuläre Migration intensiviert die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei. In der Türkei wird nach deutschem Vorbild die Infrastruktur ausgebaut, in Istanbul entsteht eine deutsche Kulturszene. Natürlich hat der Austausch der Menschen auch politische Konsequenzen und bietet Deutschland die Möglichkeit, Einfluss auf die türkische Politik zu nehmen – zum gegenseitigen Nutzen. Die Menschen, die immer mehr zwischen Deutschland und der Türkei pendeln, übernehmen eine Brückenfunktion und sorgen so in beiden Ländern für mehr Verständnis. Der Döner wurde nicht zuletzt in Deutschland erfunden. Dafür feiert man heute in Antalya Oktoberfest.

Yaşar Aydın ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (IPC-Mercator-Fellow) bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Gerade ist seine Studie zur Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter erschienen.

„Transnational“ statt „nicht integriert“.
Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland
UVK Verlagsgesellschaft 2013
19,99 Euro, ISBN 978-3-86764-419-8

Das Interview führte Kai Döring.