“Eine bemerkenswerte Lebensleistung vollbracht” – Marokkanische Migration in Deutschland

Marokko ist vielen hierzulande fast nur als Urlaubsland bekannt. Dass vor 50 Jahren sogar zahlreiche Menschen aus diesem Land ihr Glück in Deutschland versucht haben und mitten unter uns leben, ist nicht jedem bewusst. Dieses Jahr feiert diese Symbiose ihr Jubiläum. Eine gute Gelegenheit die Geschichte dieser Menschen und ihrer Nachkommen kennenzulernen. In NRW zum Beispiel gestalten eine Reihe von Vereinen die Veranstaltungsreihe “50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland”. Samy Charchira von AGB e. V. hat Gazelle ein paar Fragen beantwortet. Er selbst ist 1986 mit 15 nach Deutschland gekommen und arbeitet heute als Sozialpädagoge und Projektleiter in Düsseldorf.

 

Hannelore Kraft hat das Grußwort zum diesjährigen Jubiläum “50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland” formuliert. Sie weist unter anderem darauf hin, dass dieses Jubiläum im Gegensatz zu anderen nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit steht. Erinnern wir uns hierbei ans vergangene Jahr: 50 Jahre – Türkische Einwanderung. Dieses Jahr feiert auch die koreanische Gemeinde in Deutschland ihr 50. Jubiläum. Wie erklären Sie sich dieses unbeachtet bleiben in einem Land wie Deutschland, das ständig über Integration, Einwanderung und Vielfalt diskutiert?

Um die marokkanische Gemeinde gibt es eine Reihe von Missverständnissen, die daher resultieren, dass man tatsächlich relativ wenig über sie weiß. Einer der Gründe ist, dass die marokkanische Gemeinde in Deutschland mit ihren 140.000 bis 160.000 Mitgliedern eine relativ kleine Gruppe unter den Migranten in Deutschland ist. Dennoch ist sie eine äußerst wichtige Gruppe, denn sie stellt zugleich die größte arabische und maghrebinische Migrantengruppe in Deutschland dar.

Ein anderer Grund liegt leider im Engagement der Community selbst. Die Vereinslandschaft der marokkanischen Community in Deutschland ist mehrheitlich als „Migrantenselbstorganisation“ (MSO) organisiert. Das Konzept dieser MSO-Organisationen kann angesichts der integrationspolitischen Debatten der letzten 10 Jahren in seiner bisherigen nur bedingt fortgeführt werden. Hier muss zwingend eine inhaltliche Neuausrichtung, die auf mehr gesellschaftliche Partizipation und interkulturelle Öffnung abzielt, erfolgen. Marokkanische Vereine und Verbände haben bisher noch keine ausreichenden Professionalisierungsgrad erreicht. Diese würden allerdings einer konstruktiven Debatte um Einwanderung, Integration erheblich erleichtern.

 

 

Worin unterscheidet sich die marokkanische Einwanderung in Deutschland von anderen Einwanderergruppen hierzulande? Gibt es Unterschiede in der Integration auch in anderen europäischen Ländern wie Belgien, den Niederlanden, Frankreich oder auch Großbritannien?

Die Migrationsgeschichte marokkanischer Einwanderer nach Deutschland verläuft in vielen Zügen anders als die klassische Anwerbegeschichte. Viele marokkanische Realitäten von heute lassen sich mit der damaligen Anwerbegeschichte erklären, wie z. B. die hohe Konzentrierung der ersten Generation marokkanischer Einwanderer aus dem nordöstlichen Gebiet Rif in Marokko oder auch die geographische Verortung marokkanischer Einwanderer in Deutschland. Das hat durchaus und bis heute Auswirkungen auf den Verlauf der marokkanischen Migration in Deutschland.

Aber auch zu den anderen europäischen Ländern gibt es eklatante Unterschiede. Die meisten marokkanischen Auswanderer sind nach Frankreich emigriert. Das erklärt sich mit kolonialbedingten Verflechtungen und einer bereits vorhandenen sprachlichen Kompetenz. Die meisten Einwanderer marokkanischer Herkunft in Deutschland kommen aber aus dem Rif-Gebiet. Dieser war bis 1956 spanisch besetzt.

Marokkanische Migranten aus Deutschland sind in ihrer strukturellen und emotionalen Integration in Deutschland weit fortgeschritten. Sie haben einen sichtbaren Vorteil gegenüber ihren Landsleute in anderen europäischen Ländern wie z. B. in Spanien oder Italien. Auch genießen marokkanische Migranten aus Deutschland ein relativ hohes Ansehen in Marokko, das sicherlich von dem allgemein sehr positiven Deutschlandbild in Marokko geprägt ist.

 

 

 

Samy Charchira aus Düsseldorf über 50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland.

Samy Charchira aus Düsseldorf über 50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland.

Wie ist das Verhältnis Marokkos zu ihren in Deutschland lebenden Staatsbürgern und in Deutschland eingebürgerten Marokkanern?

Die marokkanische Staatsbürgerschaft ist auch nach der neuen marokkanischen Verfassung nicht abtretbar. Das bedeutet, dass die marokkanische Community in Deutschland trotz ihrer hohen Einbürgerungsquote zugleich Staatsbürger des marokkanischen Staates bleiben. Diese Tatsache schafft auf vielfältiger Art und Weise eine traditionelle Bindung zum Herkunftsland Marokko. Der marokkanische Staat unternimmt eine Reihe von Anstrengungen, um diese Bindung zu erhalten und zu verfestigen. Die jährlichen finanziellen Rückführungen der Auslandsmarokkaner haben einen erheblichen Anteil am marokkanischen Bruttoinlandprodukt und sind ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Aber auch auf eine andere Art und Weise sind Auslandsmarokkaner von Bedeutsamkeit für den marokkanischen Staat.

Marokko hat in der Vergangenheit eine Reihe von Institutionen geschaffen, die dieses innermarokkanische Verhältnis verbessert und ausbauen soll. So wurde für die Auslandsmarokkaner eigens ein Ministerium, sowie eine Reihe von Räten und Stiftungen geschaffen. Diese Maßnahmen werden generell als willkommen geheißen.

 

 

 

Welche Themen des Lebens beschäftigen die erste Generation der Einwanderer in Deutschland. Sie geben im “Erzählcafé” genau dieser ersten Generation Raum für ihre Erfahrungen? Wie geht die Folgegeneration damit um? Welche Bedeutung hat sie für sie?

Aus vielen Gesprächen und Beobachtungen lässt sich feststellen, dass sich die emotionale Bindung der ersten Generation marokkanischer Einwanderung zum Herkunftsland mit zunehmendem Alter verstärken. Nicht selten pendeln marokkanische Rentner zwischen alter und neuer Heimat hin und her. In Zeiten von Globalisierung und Billig-Airlines ist dies auch ohne weiteres möglich.

Die Themen der ehemaligen marokkanischen „Gastarbeiter“ sind den deutschen Rentnern in vieler Hinsicht ähnlich. Hier kommen ein paar Sonderthemen hinzu, wie z. B. der alljährliche Streit über die überteuerten Flugtickets der staatlichen marokkanischen Fluggesellschaft oder die ständig steigenden Kfz-Steuergebühren oder Immobiliensteuer. Aber wir wissen, dass die Migrationsgeschichte dieser Einwanderer der ersten Generation ein entscheidendes Merkmal nicht nur der eigenen Identitätsbildung ist, sondern auch die der zweiten und dritten Generation. Wir sind zugleich aber auch sicher, dass marokkanische Einwanderer der ersten Generation über einen großen Fundus an Wissen und Erfahrungen verfügen, von dem wir alle noch viel lernen können. Welche Erfahrungsschätze lassen sich zu den jüngeren Generationen transferieren? Welches geballte Wissen ist vorhanden, auf dem die dritte und vierte Generation zurückgreifen könnte? Diesen und anderen Fragen wollen wir mit unserem Format „Erzählcafé“ nachgehen und darauf aufmerksam machen. Wir hoffen hier eine breite und konstruktive Debatte anstoßen zu können.

 

 

 

Welchen Bezug hat die Generation, die in Deutschland geboren bzw. sozialisiert ist zum Herkunftsland ihrer Großeltern und Eltern? Mit welchen Augen und Gefühlen nehmen sie Marokko wahr?

Die Intensität eines emotionalen Bezuges zu Marokko ändert sich mit den Generationen. Während die zweite Generation noch eine sehr intensive Bindung zur Heimat ihrer Eltern und zum Teil auch ihrer Heimat haben, sinkt diese Intensität bereits mit der dritten Generation und reduziert sich erheblich bei den jüngeren Marokkanerinnen und Marokkaner der vierten Generation. Das ist ein ganz normaler und auch ein sehr gesunder Sozialisationsprozess, was letztendlich auch den großen Integrationsstand marokkanischer Einwanderung in Deutschland widerspiegelt.

Diesen Bindungsverlust insbesondere bei den jüngeren Marokkanern ist einerseits nachvollziehbar, denn für die meisten Marokkanerinnen und Marokkaner ist Deutschland ihre Heimat. Sie sind hier geboren, aufgewachsen und ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Andererseits wäre es bedauerlich, wenn auf diesem Wege ein großes Stück Interkulturalität, Tradition und Wissen verloren gehen würde. Hier muss noch eine Balance hinsichtlich eines kulturellen, traditionellen und gesellschaftlichen Mehrwert aus beiden Welten gefunden werden.

 

 

 

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Einwanderung und Integration der Marokkaner in Deutschland entwickelt? Gibt es spezifische Probleme oder Besonderheiten – positiv wie negativ?

Die Integration marokkanischer Einwanderer in Deutschland hat sich recht gut entwickelt, und die Community kann auf eine ganze Reihe von validen Kennzahlen hinweisen. So verzeichnet die marokkanische Gemeinde in Deutschland beispielsweise eine der höchsten Einbürgerungsquoten im Land. Auch die Zahlen der binationalen Partnerschaften sind innerhalb der marokkanischen Community sehr hoch, ein klares Indiz für Offenheit und gelebter Toleranz. Der seit den 1990er Jahren anhaltende Zuzug marokkanischer Studenten und Akademiker nach Deutschland hat sehr positive Effekte auf die marokkanische Community in Deutschland und stellt sie heute schon auf ein ganz anderes Bildungsniveau als zuvor.

Doch nicht alles ist wunderbar. Wir verzeichnen hier und da einige Problemstellungen, auf die wir aufmerksam machen wollen und angehen möchten. So verzeichnen wir beispielsweise eine wachsende Zahl an Fällen von häuslicher Gewalt, wovon meistens Frauen betroffen sind. Das passt nicht so recht in das Bild der marokkanischen Community selbst, wo die Frau doch eine sehr große gestalterische Rolle in Familie und Beruf einnimmt. Mit unserer Veranstaltungsreihe versuchen wir diesen Dingen nachzugehen, darauf hinzuweisen und hoffen hier ein Impuls zu setzen, der weit über die Feierlichkeiten zu diesem wichtigen Jubiläum hinausgeht.

 

 

 

Eine Veranstaltung in Ihrer Reihe befasst sich mit dem Salafismus in Deutschland. Wie kam es zu dem Entschluss gerades dies zum Thema dieses Jubiläums zu machen?

ir beobachten seit einigen Jahren mit großer Besorgnis, wie strengreligiöse Prediger immer wieder auf marokkanische Jugendliche zugehen und versuchen dort ihre Lehren zu platzieren. Diese bedienen sich dabei einer Reihe von Instrumenten, die für viele Jugendliche durchaus attraktiv sind. So bedient man sich hier beispielsweise einer ganzen Fülle von Techniken der neuen Medien oder organisiert eine Reihe von Veranstaltungen und Wochenendseminaren, die auf ein geschlossenes Gemeinschaftsgefühl abzielen.

Wir wollen mit unserer Veranstaltung darauf hinweisen und uns ganz bewusst mit dem Terminus des Salafismus beschäftigen. Denn dieser Terminus ist aus meiner Sicht extrem problematisch und irreführend, durchaus jedoch nicht das wofür es steht und wofür es gebraucht wird. Man benutzt hier quasi eine irreführende Begrifflichkeit für eine Reihe von realen Problemstellungen. Darüber wollen Experten diskutieren und hoffen hier ein Stück Aufklärungsarbeit leisten zu können.

 

 

 

Auch der Rolle der marokkanischen Frau wird ein beachtlicher Teil der Ausstellung beigemessen. Erzählen Sie uns bitte mehr davon?

Wenn wir von Migration aus den 1960er und 1970er Jahren sprechen, dann steht schnell der damalige „Gastarbeiter“, der meistens für den Bergbaubetrieb angeworben wurde im Fokus des Diskurs. Unabhängig davon wurden damals auch eine Reihe von Frauen angeworben, die ebenfalls eine beachtliche berufliche Karriere absolviert haben und die den Männern in nichts nachstehen.

Aber auch die vielen Frauen, die im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kamen, haben eine bemerkenswerte Lebensleistung vollbracht. Wenn man bedenkt unter welchen Rahmenbedingungen dies überhaupt möglich wird, dann gewinnt diese Lebensleistung tatsächlich eine noch gewichtige Rolle. Doch darüber wird viel zu wenig gesprochen und eher peripher behandelt.

Wir wollen das ändern und die „weibliche Seite der Migration“ im Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. Wir wollen mit diesen Frauen diskutieren und ihnen endlich die Anerkennung zukommen lassen, die sie verdienen und die längst überfällig ist.

 

 

 

Als in NRW ansässiger Verein finden die meisten Veranstaltungen in Düsseldorf statt. Gibt es auch außerhalb von NRW für Interessierte die Möglichkeit an Veranstaltungen teilzunehmen?

Ja. Es sind auch einige Veranstaltungen z. B. in Berlin oder München geplant. Aber tatsächlich ist es so, dass die meisten Veranstaltungen in NRW stattfinden. Das ist auch nicht verwunderlich, weil ca. 75 % der marokkanischen Gemeinschaft in NRW lebt.

Wir haben bereits vor einem Jahr auf dieses Jubiläum aufmerksam gemacht und einige Koordinierungstreffen mit der marokkanischen Community in NRW organisiert. Viele Vereine haben diesen Anlass genutzt, Veranstaltungsformate zu konzipieren, die sie im Laufe des Jahres umsetzen wollen, wie z. B. in Münster mit dem Verein Afaq, in Düsseldorf mit der deutsch-marokkanischen Gemeinde und dem Verein Oum El Banine, in Essen mit der dortigen marokkanischen Gemeinde oder in Mülheim a. d. Ruhr mit dem marokkanischen Vereine für Sport und Kultur … um nur einige Beispiele zu nennen.

 

 

 

Gibt es eigentlich eine Veranstaltung, die Ihnen besonders am Herzen liegt und auf die Sie sich besonders freuen?

Ja, unbedingt. Wir haben mit der Kölner Institution DOMID und dem Fotokünstler Samimi eine innovative Ausstellung konzipiert, in der die ganze Fülle marokkanischer Diversitäten präsentiert wird. Ich freue mich besonders darauf, weil der Öffentlichkeit hier eine gute Gelegenheit geboten wird, sich über die relativ unbekannte marokkanische Community in Deutschland mit all ihrem Facettenreichtum an sprachlicher, ethnischer und kultureller Kompetenz zu informieren.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Veranstaltungskalender: www.marokkanische-migration.de