Allah Unser – Eine Zugfahrt zwischen zwei Religionen

Von Dunja Ramadan

Jeder kennt dieses Gefühl: Zufällig einem Dialog zwischen zwei Menschen zu lauschen. Sei es in einer Arztpraxis, in einem Café oder eben in einem Zug. Selten ist dieser Dialog jedoch so intensiv, dass er den heimlichen Zuhörer derart vereinnahmt, selten offenbaren sich ihm dadurch völlig neue Perspektiven. Doch in dem Buch „Allah Unser“, das auf wahren Begebenheiten beruht, ist genau das der Fall.

Eine Christin und eine Muslimin treffen sich zufällig im Zug, kommen ins Gespräch und lassen auf der Strecke Wien-Bratislava kein Thema aus: Religion, Liebe, das Leben nach dem Tod. Die beiden Studentinnen merken ziemlich schnell, wie ähnlich sie sich trotz vieler offensichtlicher Unterschiede doch sind.

Unverblümt unverständliche Religionsfragen zu stellen ohne Angst zu haben, den anderen durch seine Fragen zu brüskieren – das ist nur wenigen gewährt. Doch einer deutschen Christin und einer serbischen Muslimin gelingt ein ungezwungener Dialog mit der Schlussfolgerung: “Kein Grund zur Aufregung, es gibt nur einen Gott!” Britta Mühl ist 22 Jahre alt, aufgewachsen in Zell an der Mosel und studiert Theologie. Alisa Ljajic ist 27 Jahre alt, lebt in Wien und studiert Kultur- und Sozialanthropologie.

Vom Beichten bis zum Dschihad

Die jungen Frauen nehmen kein Blatt vor den Mund, während sie über das Beichten, den Papst, den Dschihad oder die Rolle der Frau im Islam sprechen. So ist zum Beispiel die Praxis der Beichte der Muslima fremd: „Im Islam würde sich das ein Geistlicher nie anmaßen. Das heißt nicht, dass bei uns Sünden nicht vergeben werden. Urteilen kann aber nur Allah und wir müssen ihn selbst um Vergebung unserer Sünden bitten. Es reicht bei uns nicht, in einer Moschee über unsere Sünden zu sprechen und das war‘s dann.“

Britta versteht ihre Einwände, lange Zeit stand sie der Beichte auch kritisch gegenüber. Doch je intensiver ihre Beziehung zu Gott wurde, desto mehr hat sie ihre eigenen Fehler bemerkt: „Ich war nicht mehr sicher, ob Gott mir wirklich vergab. Also setzte ich mich mit der Beichte auseinander. Gott will, dass wir immer wieder mit uns und unseren Mitmenschen versöhnt sind. Das ist der Kern der Beichte. Deshalb hat Jesus seinen Aposteln, deren Nachfolger die Bischöfe sind, den Auftrag gegeben, Menschen in Gottes Namen von ihren Sünden loszusprechen.“ Das Gefühl nach der Beichte beschreibt Britta als „Geschenk“, das ihr ermöglichte von da an unbelastet weiterzuleben. Ein Zitat, das sie zufällig in einem Buch gelesen hatte, beschreibt ihr Gefühl besonders gut:

Die Sekunde nach der Lossprechung ist wie eine Dusche nach dem Sport. Wie die frische Luft nach einem Sommergewitter. Wie das Aufwachen an einem strahlenden Sommermorgen. Wie die Schwerelosigkeit eines Tauchers. So wie der verlorene Sohn bei seiner Rückkehr vom Vater mit offenen Armen wieder aufgenommen wird, so heißt Versöhnung: Wir sind wieder mit Gott im Reinen.

Auch für die Theologie-Studentin sind einige Dinge im Islam unklar, unter anderem der islamische Dschihad, den sogenannten „heiligen Krieg“ und seinem Terror: „Kann es wirklich der Sinn des Islam und von Allah gewollt sein, Andersgläubige zu bekämpfen?“ Alisa erklärt den Dschihad einerseits historisch andererseits als spirituelle Bemühung auf dem Gottes. Einerseits ist damit die islamische Expansion vom Jahr 635 bis in das 8. Jahrhundert gemeint. Andererseits, und das macht für Alisa die Grundbedeutung des Dschihads aus: „Kriege, egal ob Dschihad oder Kreuzzug, sind für mich mit keiner Religion zu vereinbaren. Das Wort beschreibt die Bemühungen und Anstrengungen eines Gläubigen auf seinem Weg zu Allah. Dieser wahre Dschihad beinhaltet den unermüdlichen Einsatz jedes einzelnen Muslim gegen sein schwaches Selbst, das zum Bösen verleitet, und seine Bemühungen und Anstrengungen, ein ständig guter Mensch zu sein und gute Taten zu vollbringen. Für mich ist der Dschihad auch eine innere Suche nach Allah, der Versuch, ihn mit dem Herzen zu spüren, denn der wahre Glaube beginnt meiner Meinung nach im Herzen. Man glaubt nur mit dem Herzen gut. So steht es auch im Koran über den Dschihad geschrieben.“ An dieser Stelle ist ein Koranzitat eingebracht:

Und setze dich mit aller Kraft dafür ein, dass Allah Gefallen an dir findet, so intensiv, wie es nur geht, und wie es ihm gebührt. Er hat euch erwählt und euch keine Härte in Glaubensangelegenheiten auferlegt. Folgt dem Bekenntnis eures Vaters Ibrahim.“

 Das Buch empfinden die jungen Frauen als ein Friedensbuch, das dazu aufruft einen ungezwungenen Dialog der Religionen zu führen, der die Gemeinsamkeiten – von denen es ja anscheinend genügend gibt – statt die Unterschiede betonen soll: “Bibel und Koran wollen genau dasselbe, nämlich Menschen auf ihrem immer höchst persönlichen Weg zu Gott inspirieren.” Ein schönes Beispiel dafür, wie leicht es doch eigentlich wäre.