Yukon – Kanada: Träume vom Sieg

Eine Huskytour der besonderen Art (c)Solveig Grewe

Frank Turner mit seinen Huskys (c)Solveig Grewe

Von Solveig Grewe

Durch das dichte Schneetreiben dringt aufgeregtes Gebell. Die Schlittenhunde zerren an ihren Leinen, mit denen sie noch an einen großen Anhänger angebunden sind, der sie hertransportiert hat. Die Meute jault und kläfft, es soll endlich losgehen, sie wollen arbeiten, rennen, endlich den Schlitten ziehen. Doch sie müssen warten. „Das sind die falschen Handschuhe“, tönt es aus der dick vermummten Gestalt mit dunklem Bart, buschigem Augenbrauen und freundlich zwinkernden Augen, als ich gerade auf den Schlitten steigen will. Ein paar Fäustlinge fliegen durch die Luft. Natürlich sind meine dünnen Fingerhandschuhe nicht die richtige Arbeitskleidung hier draußen auf dem zugefrorenen See in der Nähe von Whitehorse. Das Kaff im Nordwesten Kanadas ist Wohnort für 24 000 der 30 000  Einwohner des Territoriums von Yukon, das in der Fläche Deutschland nebst  Belgien, den Niederlanden, Österreich und die Schweiz locker aufnehmen könnte.

 

Weiße Stellen im Gesicht sind erste Anzeichen von Erfrierungen

Das Thermometer zeigt minus 15 Grad an diesem Vormittag. Nicht sonderlich kalt für diese Gegend, aber der eisige Wind kneift empfindlich in meine Wangen. Schnell ist die Grenze vom Frösteln zum Frieren und dann zum Schmerz überschritten, der mir die Tränen in die Augen treibt. ’’Man muss vorsichtig sein, weiße Stellen im Gesicht sind die ersten Anzeichen von Erfrierungen’’ warnt Frank Turner, der nicht nur die Theorie kennt und weiß, wovon er spricht. 1600 Kilometer lang ist das gefährlichste Hundeschlittenrennen der Welt.

Er ist Hundeschlittenführer und hat als einziger überhaupt schon 24 Mal am gefährlichsten Hundeschlittenrennen der Welt, dem Yukon Quest, teilgenommen. Zwischen Fairbanks in Alaska und Whitehorse in Kanada führt die Route 1600 Kilometer durch weitgehend unberührte und eisige Natur. Dabei wechselt der Startpunkt von Jahr zu Jahr: In Jahren mit geraden Zahlen ist es Fairbanks, in Jahren mit ungeraden Zahlen ist es Whitehorse. Damit geht es in diesem Jahr am 28. Januar hier dann los.

 

Gazelle-Autorin Solveig on Tour (c)Solveig Grewe

Gazelle-Autorin Solveig on Tour (c)Solveig Grewe

Ankommen müssen mindestens sechs Hunde

An den Start geht man mit mindestens acht, maximal mit 14 Hunden, ankommen muss man mit mindestens sechs Hunden. Während des Rennens können die Temperaturen von 0 bis auf für Mitteleuropäer schier unvorstellbare minus 55 Grad schwanken. Die Distanz zwischen den einzelnen Kontrollpunkten beträgt bis zu 300 Kilometer. Dort lagern Futter und Ausrüstungsgegenstände, die vor dem Rennen deponiert wurden. Der Schlitten selbst darf während des ganzen Rennens nicht ausgetauscht werden. Einfache Regeln. Das kann alle Träume vom Sieg zerstören“ sagt Frank und wird auf einmal ganz ernst. „So  schnell kann ein Schlitten umkippen und brechen“. Bei einem Totalschaden ist das Rennen zu Ende, Mühen und Anstrengungen für Mensch und Hund vertan. Was bringt eigentlich Menschen dazu, sich bei solchen Temperaturen auf einen Schlitten zu stellen und sich Tag und Nacht von Hunden durch die Gegend ziehen zu lassen? Frank schüttelt bei der Frage den Kopf und ist schon fast entrüstet.

 

Musher marschieren auch schon mal mit ihren Hunden

’’Schlittenhundeführer heißen Musher. Das kommt von marcher, dem französischen Wort für marschieren“ erklärt er. „Es ist also nichts mit Ausruhen, bergauf und an schwierigen Stellen wird gelaufen, um die Hunde zu entlasten“. Dann bückt er sich und befreit den kräftigen, etwas gedrungenen  Smirrna  von seiner Leine. Rasch ohne irgendeine Gegenwehr des Vierbeiners streift er ihm ein Geschirr über und bringt ihn zu seinem Platz vor dem Schlitten. Sämtliche 123 Hunde von Frank sind Alaska Huskys und jeden von ihnen kennt er mit Namen.

 

Ein guter Musher liebt seine Hunde

Alaska Huskys werden im Gegensatz zu den Sibirischen Huskys extra als Rennhunde gezüchtet. „Zähe Kerle sind das“ sagt Frank mit einer ganzen Portion Stolz in der Stimme, „die können schon mal sechs bis sieben Stunden ohne Pause laufen“ und schon fast zärtlich fügt er leise hinzu: „ Lieb sind sie, zutraulich und auf keinen Fall bösartig“. Das müssen sie auch sein, , denn Mensch und Hunde sind ein Team, Tag und Nacht in der Natur auf sich allein gestellt . Da darf es keine Beißereien untereinander geben, höchstens kurze, um die Rangfolge im Rudel klar zu machen. Frank liebt seine Hunde, das merkt man sofort. Das macht einen guten Musher eben aus. Der muss eine Menge Einfühlungsvermögen mitbringen, schließlich  ist der Mensch in der Wildnis abhängig von ihnen.

Eine leise Ahnung von der Abhängigkeit von Hund und Mensch steigt in mir auf, als die Zivilisation hinter mir verschwindet und ich mit dem Schlitten und den Hunden eins werde. Eifrig folgen die Hunde der Spur auf dem zugefrorenen See. Längst schon habe ich die Orientierung verloren, als endlich eine dunkle Gestalt vor der hell glitzernden Schneefläche auftaucht. Frank. Noch lange wird mir das freudige Bellen seiner Hunde in den Ohren klingen.

 

Vor-Ort-Tipps

Am Klondike Highway – Mile 55 liegt die Braburn-Lodge. In der offiziellen Versorgungsstation des Yukon-Quests gibt es riesige Hamburger sowie überdimensionale Zimtschnecken. Köstlich!

 

Unterkunft:

Das High Country Inn ist ein gutes Stadthotel mitten in Whitehorse, von einigen Zimmern hat man einen tollen Blick über den Yukon River.

Allgemeine Informationen zum Hundeschlittenrennen:

www.yukonquest.info

Bei Frank Turner können Hundefreunde das Schlittenfahren im Sommer mit Rollen und im Winter auf Kufen fahren lernen: www.muktuk.com