IM KINO: “Paradies: Liebe” auf Irrwegen

Paradies: Liebe (c) Neue Visionen Filmverleih

Paradies: Liebe (c) Neue Visionen Filmverleih

Eine Gastkritik von Nadia Shehadeh

Wider besseren Wissens tut man ja vieles. Zum Beispiel: Ins Kino gehen. Um sich Filme anzugucken, von denen man ahnt, man sollte besser die Augen und Ohren davon lassen. “Paradies: Liebe” ist so ein Film.

Die Story geht so: Die Österreicherin Teresa (im Übrigen grandios gespielt von Margarethe Tiesel) fliegt nach Kenia, um dort nochmal sowas wie Liebe zu erleben. Im Zweifelsfall gegen Bares. Sowas gibt es ja in echt, sagt das Feuilleton, also weibliche Prostitutionskundinnen. Und Ulrich Seidl, der Filmemacher, würde auch zeigen, wie sehr das Ganze Business mit Rassismus durchzogen ist.

 

 

Allein unter unpünktlichen BildungsbürgerInnen
Nun ich, in einem Kino in Deutschland: Warum auch immer habe ich mich also entschieden, mir diesen Film anzugucken. Der Saal ist halbleer oder halbvoll – je nachdem, wie man es nimmt. Ich schaue mich um und bemerke schnell, dass ich von deutschen BildungsbürgerInnen umzingelt bin. Ich bin die Einzige von allen, die sowas hat, was BildungsbürgerInnen im Allgemeinen einen Migrationshintergrund nennen.

Pünktlichkeit funktioniert nicht. Zwischen Filmvorschau, Filmvorschau, Filmvorschau zwängen sich weitere Kino-BesucherInnen durch die Sitzreihen. In der linken Hand vorzugsweise ein Weinglas balancierend, um den rechten Arm beigefarbene Trenchcoats gewickelt. Während mir die nächste Kinogängerin ihren Hintern ins Gesicht hält, herzlich bemüht dabei nicht ihren Cabernet zu verkippen, läuft die Vorschau von “The Beasts of the Southern Wild”, die ich gerade noch so aus den Augenwinkeln verfolgen kann. Der Film, von dem ich da schon weiß, dass ich ihn eigentlich viel lieber gucken würde. Tja.

Kurz vor Filmbeginn ein weiterer unglücklicher Sachverhalt: Der Sitzplatz rechts neben mir wird von einem Herren eingenommen, eingenebelt in “Old Spice”, der direkt die linke Armlehne in Beschlag nimmt und sich gefährlich weit in meinen Tanzbereich herüberlehnt. Zu kurze Reaktionszeit. Nach rechts gibt es kein Ausweichen, und ein Umzug in die vorderen, leereren Reihen wäre zwar noch  möglich, aber, der Filmvorspann läuft bereits, und meine fehlgeleitete Moral verbietet es mir (die ich mich noch über die ganzen Zuspätkommer aufgeregt habe) jetzt nochmal Extraumzugswürste anzustreben.

 

“Endlich mal einer der kapiert, wo es langgeht!”
Ich quetsche mich so gut es geht auf den rechten Bereich meines weinroten Kinositzes und suche für meine Gesichtshaltung jeweils die Milimeter Saalluft, die mir nicht die ganze Flasche Old-Spice-Feeling in die Nase jagen. Ich weiß schon jetzt, dass ich eigentlich gar keinen Bock auf diesen Schwerenöter neben mir habe, wenn spätestens gegen Mitte des Films zu erwartende explizite Sexszenen abgespult werden. Ja, ich bin vielleicht albern, aber, so ist es.

Der Film läuft seit zehn Minuten, und die nächsten zu spät kommenden Weinglashalter entern den Kinosaal, drängen sich durch die Reihe hinter mir, zischeln, als ob es das irgendwie besser machen würde “Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung”, aber so, dass auch alle es hören können. “MEIN GOTT!”, schnaubt eine ältere Dame hinter mir angesichts des durch die Unpässlichen getrübten Film-”Vergnügens” beim Aufstehen und Menschen durchlassen, und eigentlich will ich mich sofort umdrehen und “Check” sagen, und ihr zur Versicherung meiner Solidarität meine High-Five anbieten. Doch das geht ja nicht, der Film läuft ja bereits.

Der Film. Teresa hat grad ihre halbwüchsige Tochter bei der Tante abgeliefert, um ihren Urlaub anzutreten. Und vorab: Margarethe Tiesel spielt super. Durchweg. Teresa kommt in Kenia an. Teresa wird im Kleinbus mit anderen Gästen ins Hotel gefahren und lernt das Wort, das dank Seidl in den nächsten Tagen auch ganz viele andere BildungsbürgerInnen lernen werden: “Jambo”. Dann liegt sie in der nächsten Szene mit ihrer Freundin am Strand, die eingeflochtene Haare hat, damit man merkt, dass bei ihr die Überidentifikation mit Kenia bereits schon volle Pulle eingetreten ist, und die Freundin erzählt Teresa von ihrem Boyfriend, und das ist jetzt “endlich mal einer der kapiert, wo es langgeht, ha!”.

Und dann sagt sie, dass sie sowieso jetzt zum ersten Mal im Leben den ganzen Quatsch sein lässt, wie rasieren, oder an ihren Haaren rumdoktern, oder sonst was, all den ganzen Scheiß, den sie früher immer gemacht hat um ihren jeweiligen Partnern in Österreich kurzzeitig “zu gefallen”. Das könnte eine empowernde Szene sein – ist es aber nicht, weil der ganze Film die spielenden Frauen zum Opfer der eigenen Optik macht. Der Body-Control-Impetus des Films schreit so hart und laut “Unvorteilhaft! Unvorteilhaft! Unvorteilhaft!”, dass ein paar Sitze weiter die Frau in der vorderen Reihe ihre Schokolade wieder in die Handtasche stopft.

 

Nicht ohne das N-Wort
Mäßigung. Bescheidenheit. Demut. Disziplin. Anti-Aging. Bloß nicht so enden wie Teresa und ihre Hood in Kenia! Die ganze White Male Sexualangst entlädt sich hier in einer nicht enden wollenden Bilderflut. Wohlfrisierte BildungsbürgerInnen im Filmsaal kichern wohlerzogen. So viel Voyeurismus, und das für unter zehn Euro! Das muss Kino sein! Am Strand stehen die männlichen Strandgänger hinter einer Absperrung und warten auf die ganzen Teresas. Das, immerhin, muss man dem Filmteam anrechnen: Es wurde direkt vor Ort gecastet. Und alle engagierten SchauspielerInnen spielen exzellent.

Irgendwann findet Teresa ihren ersten Boyfriend, Munga, und irgendwann geht es dann zur Sache. Mein Sitznachbar atmet schwer. Ein Bildungsbürger-Paar aus der ersten Reihe verlässt entrüstet den Kinosaal, schwungvoll werden die Mäntel auf die Arme bugsiert und im Lahmarschtempo der Saal verlassen, so dass man neben den Filmimpressionen auf der Leinwand auch noch die genervten Schattenfressen zweier Menschen sehen kann. “Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung!”, rufen sie in den Kinosaal, und ich denke mal wieder: “Kannste Dir nicht ausdenken.”

Eine Szene an der Hotelbar: Zwei Frauen versuchen, den Barkeeper zu bezirzen, und zwar mit Sprüchen, die so unlustig sind, dass sie sogar noch die Faustregel “So schlecht, dass es schon wieder witzig ist” torpedieren. Sie müssen dabei natürlich auch ganz oft das N-Wort sagen. Vielleicht ist das eine der Szenen, in denen Seidl “diesen Rassismus” zeigen wollte. Ist natürlich missglückt, erstens, weil man sich diesen Scheiß dramaturgisch genauso wie Blackfacing sparen kann, und zweitens, weil bei den anderen Kinobesuchern sowieso keine der subtilen Botschaften ankommen würde, weil sie sich ausgerechnet bei dem schlechtesten Witz der ganzen Szene (Barkeeper setzt sich Sonnenbrille auf. Urlauberin sagt: “Oh, coool, Man in Black!”) totlachen. Die reine Reproduktion des Rassismus. Ich wünsche mir eine Ladung Cabernet, literweise, intravenös, und am liebsten direkt ins Gehirn.

 

“So is das da halt in Afrika, schon schlimm”
Die Kenia-Impressionen: Slums und arme Leute. Noch mehr arme Leute, noch mehr Slums. Ach ja, und dann noch: Slums und arme Leute. “So is das da halt in Afrika, schon schlimm, ne”, flüstert ein Mann irgendwann seiner Begleitung zu. Ich erinnere mich an den letzten Kackfilm über Kenia, “Die weiße Massai”. Auch ein schlimmes Artefakt weißer Kolonialisierung der Neuzeit – nicht zuletzt deswegen, da Corinne Hoffmann aus ihrem Ex-Mann der Einfachheit halber einfach mal einen Massai gemacht hat, obwohl er Samburu ist. Corinne Hoffmanns Lebensgeschichte kommt mir auf einmal vor wie eine detaillierte, aufrichtige und ehrenwerte Fallstudie. Irgendwas stimmt hier nicht.

Die Kinobesucher müssen inzwischen auch kapiert haben, was “Hakuna Matata” heißt. Einige flüstern es nämlich zwischendurch und kichern dann wie bekloppt. Die Last des ansonsten spaßbefreiten Lebens fällt ihnen hier von den Schultern. Meine Spaßbefreiung läuft auf vollen Touren. Teresa, die sich ein paar Bier in einer Kneipe genehmigt hat, geht zurück zu Mungas Wohnung (aka Zimmer), mit dem sie sich vorher gestritten hat. Er ist nicht da. Also geht sie zu seiner Schwester. Die weiß nicht wo Munga ist und motzt Teresa an, sie solle verschwinden. Ein Raunen im Kinosaal, als die Schwester Teresa noch ein Schimpfwort hinterherruft, dass die Weiße nicht verstehen kann. Ich denke: Vielleicht kommt ja jetzt noch die große Wende.

Die kommt nicht. Aus Ermangelung an Munga sucht sich Teresa den nächsten Gefährten, und entdeckt dann an einem anderen Tag Munga mit seiner vermeintlichen Schwester, die eigentlich seine Ehefrau ist, am Strand. Die Frau hält das gemeinsame Kind auf dem Arm, während Teresa Munga an den Haaren aus dem Wasser an den Strand zieht, um ihm ein paar Backpfeifen zu geben. Unterwürfig entschuldigt er sich. Das Publikum macht erleichtert “Puh”, denn so geht`s ja nicht, und jetzt hat sie`s ihm ordentlich zurückgegeben. Die Kolonialisierung ist jetzt weiblich, wenn sie dem Schwarzen Mann was auf die Fresse geben kann – das soll wohl die Botschaft sein. Der männliche Protagonist bleibt selbst in seiner Rolle das kolonialisierte Objekt, als Schauspieler wird ihm nicht einmal der Raum geboten, den er durchaus füllen könnte. Ich möchte gerne kotzen.

 

Progressiv und feministisch ist was anderes
Irgendwann am Ende des Films läuft die Szene, die die Feuilletonisten (ja, ich weiß: “Hahaha!”) im Zuge von “Frauen holen nach, was Männer sich immer schon geholt haben!” als super-progressiv und feministisch feiern: Eine Orgie von vier Frauen mit einem Mann, der auf keine der Beteiligten Bock hat. Das hat nix mit Feminismus zu tun, und progressiv ist es auch nicht: Da zeigt sich nur der alte Scheiß, dass wer genug Kapital hat – oder, in diesem Fall: vielleicht auch noch weiß genug ist um mit seiner ansonsten bescheidenen Gehaltsklasse anderswo den Zampano zu machen, und zwar aufgrund verschiedener Lebenshaltungskosten – sich eben nimmt was er will. Keine Pointe.

Was “Paradies: Liebe” zumindest geschafft hat: Dass sich zum Beispiel die WELT mit Headlines á la “Suche flotten Afrikaner, bezahle für Sex” schmücken kann. Hahahaha!  “Ulrich Seidl ist bekannt für seine schonungslose Analyse sozialer Verhältnisse”, sagt man. Das schonungslose Analysieren sozialer Verhältnisse sollte man dann zukünftig lieber wieder den Geisteswissenschaftlern vor Ort überlassen. (Erstmals erschienen am 04.01.13 auf shehadistan.wordpress.com)

Paradies: Liebe seit 3. Januar 2013 im Kino.