Charlotte Wiedemann – Plädoyer für einen Journalismus des Respekts

Portrait Charlotte Wiedemann (c)Papyrossa

Portrait Charlotte Wiedemann (c)Papyrossa

Charlotte Wiedemann ist eine erfahrene  Journalistin und hat für ihre anspruchsvollen Berichte für DIE ZEIT, GEO, etc. viele Kontinente bereist. Vom Iran über Afrika bis Neuguinea hat sie uns zahlreiche Geschichten aus diesen Teilen der Welt mitgebracht. Nun lässt sie in ihrem neuen Buch Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben uns LeserInnen an ihren Erfahrungen, ihren Irrtümern und ihren Zweifeln als langjährige Auslandsreporterin teilhaben. Sie lässt dabei wie noch keine andere zuvor, hinter die Kulissen der Arbeit einer Auslandsreporterin blicken. In ihrem Buch geht sie Fragen wie diesen nach: Wie entsteht unser Weltbild? Was können Journalistinnen und Journalisten überhaupt begreifen von der “Fremde”, vom “Anderen”? Und wie wahrhaftig ist ihr Bild von der Wirklichkeit? Der Versuch, nicht weiß zu schreiben: Das ist die Suche nach einem Blick auf die Welt, der sich von der Enge des Eurozentrismus befreit. Ein Plädoyer für einen Journalismus des Respekts. Respekt auch vor dem Mediennutzer, der durch den täglichen Ansturm kontextloser Nachrichten mehr verdummt als aufgeklärt wird.  Charlotte Wiedemann im Gazelle Interview.

 

Was ist mit Ihrem Buchtitel “Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben” gemeint?

Es ist der Versuch, die Welt nicht aus einer verengten, eurozentrischen Perspektive zu betrachten. Mein Buch erzählt davon auf eine sehr persönliche Weise, denn ich berichte von meinen eigenen Erfahrungen als Journalistin in vielen Ländern Afrikas, Arabiens und Asiens, ich erzähle auch von meinen Irrtümern und Zweifeln.

 

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Für alle, die manchmal ein Unbehagen empfinden, wenn sie die Nachrichten hören oder sehen. Und auch für diejenigen, die glauben, sie würden gut informiert, weil sie durch zig Nachrichten-Websites surfen können – und die noch nicht gemerkt haben, dass überall immer dieselben zehn Stories stehen. Natürlich freue ich mich auch, wenn andere Journalisten mein Buch lesen – oder Bürgerjournalisten. Es ist gedacht als ein Werkstatt-Buch, es soll Anregungen geben zum Weiterdenken. Und letzten Endes geht es nicht nur um „weiß schreiben“, sondern um „weiß denken“.

 

Welches Rüstzeugt braucht Ihrer Meinung nach der journalistische Nachwuchs?

Ich wünsche mir, dass sich die Medien öffnen für junge Leute mit einem bikulturellen Hintergrund, denn das können tolle Reporter werden. Ich wünsche mir aber auch, dass künftig ein guter Auslands-Journalismus überhaupt noch bezahlt wird. Damit das, was ich gemacht – durch viele Länder reisen und differenziert darüber schreiben – künftig überhaupt noch möglich ist.

 

Die Frage, ob man mit weniger Hintergrundwissen besser berichten kann, beantworten Sie mit JA. Warum?

Nein, das ist nicht meine Ansicht! Aber viele Redaktionen scheinen dieser Ansicht zu sein, denn sie wechseln die Korrespondenten meistens dann aus, wenn sie die Region einigermaßen kennengelernt haben. Die Journalisten dürfen die Maßstäbe, die sie aus Deutschland mitgebracht haben, nicht zu sehr verändern, denn ihre Berichte sollen ja immer auch an den Vorurteilen der Zuschauer anknüpfen – und sie nicht zu sehr stören. Und der Redakteur in der Zentrale ist sozusagen der verlängerte Arm dieser Vorurteile. Wozu das führt, sieht man zum Beispiel an der Berichterstattung über islamische Länder: Immer die gleichen Klischees. Trotzdem machen viele Kollegen im Ausland natürlich eine gute Arbeit; sie trotzen den widrigen Bedingungen. Ich kritisiere in meinem Buch nicht pauschal.

 

Und warum stellt es bei Hauptstadt-Journalisten gegenüber Politikern kein Problem dar?

Tja, wenn sich ein Journalist in einem afrikanischen Land zu Hause fühlt, dann kommt leicht der Vorwurf, er sei „verbuscht“. Die Nähe zu deutschen Politikern gilt hingegen als Zeichen von Professionalität. Und manche Kollegen und Kolleginnen arbeiten ihr ganzes Leben lang in diesem Raumschiff der Bundespolitik! Ich habe das auch einige Jahre gemacht, und nachdem ich dann mit Auslands-Berichterstattung begonnen habe, fragten mich einige frühere Kollegen: Bist Du aus dem Beruf ausgestiegen? Manche Leute haben wirklich einen extrem begrenzten Blick.

 

Angesichts all dieser Erfahrungen: Wie lässt sich diese Tätigkeit ausüben? Was haben Ihre Erfahrungen mit Ihnen gemacht?

Journalismus ist ein toller Beruf, aber in der Branche gibt es meines Erachtens zuviel Arroganz, zuviel Anmaßung, und oft fehlt das Gefühl für die Grenzen der eigenen Kompetenz und der eigenen Erkenntnis-Fähigkeit. Ich recherchiere am liebsten dort, wo ich von diesem ganzen Medien-Apparat sehr weit weg bin, wo es keine Zusammenballungen gibt, keine Kamera-Phalanxen. Dort geben mir die Menschen das Gefühl, dass ich eine nützliche Tätigkeit ausübe und dass mein Beruf Würde hat.

Vielen Dank für das Interview, Frau Wiedemann!

 

Charlotte Wiedemann
Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben
Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt

Neue Kleine Bibliothek 181, 186 Seiten
EUR 12,90 [D] / 13,30 [A]
ISBN 978-3-89438-494-4