Fès – Im Labyrinth der Sinne

Friedhof in Fes (c) Solveig Grewe

Friedhof in Fes (c) Solveig Grewe

Ein Reisebericht von Solveig Grewe

Entrez, entrez! Hier bitte, treten Sie ein!“ Geschmeidig geschäftig klingt die Stimme des jungen Marokkaners, nicht ganz sicher, in welcher Sprache er mich ansprechen soll, und überredet mich, ihm nach rechts in einen engen Seitengang der Altstadt von Fes zu folgen. Ein kurzer Blick nach hinten: Mein Reiseführer nickt mit dem Kopf. Ohne ortskundige Führung, die sich den Touristen schon vor den Stadttoren anbieten, geht hier gar nichts. Um die 6000 namenlosen, oft steilen Gassen schmiegt sich eine zwölf Kilometer lange und komplett erhaltene Stadtmauer. Durch jedes der 15 Stadttore gelangt man in eine faszinierende und irritierende Welt, die einen um gefühlte Jahrhunderte zurückversetzt.

 

Esel als Transportmittel in der Altstadt von Fes (c)Solveig Grewe

Esel als Transportmittel in der Altstadt von Fes (c)Solveig Grewe

Gewusel von Menschen und Eseln
Emsiges Gewusel von Mensch und Esel herrscht überall vor den winzigen Läden, Märkten und Werkstätten. Unverständliches Stimmengewirr dringt in die Ohren. Beim mühsamen Weg nach oben über die ausgetretene Steintreppe irritiert mich zunächst der vom Guide gereichte frische Zweig intensiv duftender Minze. Seine Geste, ihn vor die Nase zu halten, erklärt sich mit jedem meiner weiteren Schritte: die Intensität des Geruchs geht von streng in Richtung bestialisch. Oben auf dem Dachbalkon im freundlichen Sonnenlicht klärt sich alles auf.

 

Taubenmist als Beize für die Lederhäute
Im Gerberviertel unten herrscht geschäftiges Treiben. Tausende von Schafs-, Ziegen-, Rinder- und wenigen Kamelhäuten werden hier wie vor 700 Jahren bearbeitet. Tamariskenblüten dienen als Gerbstoff, Taubenmist als Beize. Wie kleine Schälchen eines Wassermalfarbkastens sehen die runden Steinbottiche von oben aus. Granatapfelschalen sorgen für ein frisches Gelb, Klatschmohn für ein kräftiges Rot und Indigo für ein leuchtendes Blau. Jede Woche ist eine andere Farbe dran. Welche, das verrät allen der Fluss Oued-Fès, der die Altstadt von Fes der Länge nach teilt und die Reste der Farbbouillon wegspült.

 

Waghalsig beladene Esel drängen zur Seite
Die Medina von Fès ist auch ein Netzwerk äußerst geschäftstüchtiger Einwohnern, die irgendwie alle bekannt, befreundet oder verwandt sind und nur auf das eine Ziel hinarbeiten: Aus dem breiten Touristenstrom ihren Teil als Einnahmen abzufischen. Teppich- und Antiquitätenhändler, Kamm-Macher, Bäcker und Orangenhändler, Juweliere. Niemand, der sich nicht abmüht. An der engsten Stelle der Gasse zwängt sich jetzt eine kleine Karawane von waghalsig bepackten Eseln durch. „Balek, Balek!“, ruft der Karawanenführer hinter ihnen, was so viel wie ‘Gib acht’ bedeutet. Ich drücke mich schnell in den nächsten Hauseingang und mache den Weg frei. Ein Stückchen weiter weist rhythmisches Hämmern den Weg zu den Kesselmachern, die auf offenem Platz unermüdlich Kochutensilien aller Art fertigen.

 

Aromen von Amber über frische Kräutern
Ob Schafsfleisch, Ziegenköpfe oder noch flatternde Hähne – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Mein flaues Gefühl in der Magengegend lässt sich nach einem Gang durch eine der Parfümerien mit Düften von Amber oder Moschus oder nach einem Besuch eines Gewürzhändlers und seinem Angebot an duftenden frischen Kräutern schnell wieder beruhigen.

Der-Ort-Tipp:
Preiswert und gut essen kann man bei Thamis’s. Das kleine Restaurant liegt am Bou Jeliud Tor, einem der Stadttore und ist ideal, um die Medina und das Menschentreiben auf sich wirken zu lassen.

Thami’s, Bou Jeloud, 50 Serrajine  The Medina, Fès,

Unterkunft:
Idealer Ausgangspunkt für die Erkundung der Medina ist einer der zahlreichen Riads. Das sind Stadthäuser, die mit ihren reizenden Innenhöfen, einem Brunnen und einem Dachgarten eine traumhafte Zuflucht vor dem Trubel drum herum bieten.
Sehr gut gefallen hat mir das „La Perla de Medina
16, Derb Bennis – Douh | Batha, Fès 30200, Marokko