KOMMENTAR: Brigitte – Wo sind sie hin, die Hausfrauen?

Screenshot Brigitte Webseite mit aktueller Print-Ausgabe - Brigitte.de Mode, Beauty, Diät, Rezepte

Screenshot Brigitte Webseite mit aktueller Print-Ausgabe (Nr.20) - Brigitte.de: Mode, Beauty, Diät, Rezepte

Ein Gastbeitrag von Nadia Shehadeh

Zu umständlich, zu teuer, und außerdem gehen die Leser_innenzahlen gerade den Bach runter: Zack, dachten sich die Macher_innen (ha, fast schon könnte man Macher sagen!) der Brigitte, dann lassen wir das doch einfach mal sein mit unserer 2010 gestarteten Aktion “Ohne Models”. Und holen die, die es gegen Geld machen, wieder zurück vor die Linse. Weil, ist trotzdem billiger.

Und überdies: So beamt man sich zurück ins Gespräch. Denn über die Mottenkistenzeitschrift wurde ja in letzter Zeit nicht viel gesagt. Obwohl die Brigitte Spitzenqualitäten hat. Zum Beispiel eignet sie sich wunderbar dazu, ein Kaminfeuer fachmännisch anzuzündeln. Auch als Stabilisierer für wackelnde Tische hat sie sich durchaus schon bewährt. Und einmal backte ich Brigitte-Zimtsterne nach, ich hielt mich passgenau ans Rezept, und am Ende kamen Kekse dabei raus die hart wie Stein waren, so dass ich durchaus überlegte die Einfahrt vor unserem Haus nochmal um selbst gefertigte Pflasterware zu ergänzen.

Aber egal. Man kann das Pferd ja auch mal anders aufzäumen. Und sich fragen, was genau denn an der Brigitte vielleicht das eigentliche Problem sein könnte. Denn die Diskussion um das (Nicht-)Model-Thema ist eventuell nicht mehr als ein Nebenkriegsschauplatz. Die Würmchen könnten auch ganz woanders drinstecken. Zum Beispiel im tradierten Frauenbild, dass die Brigitte trotz pseudo-progressivem Schnappatmens noch immer vermittelt. Zum Beispiel in der Themenauswahl, die sich dadurch auszeichnet, dass Mode, Beauty, Rezepte feste Rubriken sind, Politik und Sport beispielsweise jedoch nur so im Vorbeigehen thematisiert werden, wenn es sich gerade mal aus Versehen anbietet.

Anfang der 1950er Jahre konnte sich die Brigitte noch damit rühmen, das “Blatt der Hausfrau” zu sein, mit “Schnittbogen” und “Romanbeilage” – heute eiert das Magazin-Team um eine Zielgruppe herum, die es anscheinend so, wie es sich die Marktstrategen zusammen phantasieren, nicht mehr gibt. Die gut-betuchte Ehefrau? Die entspannte Karriere-Granate? Die gelangweilte Hosenanzugsshopperin? Oder die heimlichen Kloleser_innen der Republik, die einfach alles, was neben der Toilette liegt, durchwälzen?

Und ginge es tatsächlich um das, was so gern homogen “Hausfrau” genannt wird: Respekt vor denjenigen, die sich der Reproduktionsarbeit in der Familie widmen, erkenne ich persönlich kaum. Zu hochglanzformatig, zu Heiti-Teiti ist das ganze Magazin. Man blättert rum in einem Disney-Themenpark, der heteronormative, weiße Frauenklischees anfüttert, eingebettet in die Hegemonie der Mittel- und Oberschichten.

Und nun? Nun werden die letzten Lorbeeren verzehrt, die sich die Brigitte in den letzten Jahrzehnten vielleicht wohl verdient hat. Und wenn die alle sind, muss man sich wahrscheinlich einer noch einschneidenderen Veränderung unterziehen als dem ständigen Feintuning im Mode-Ressort, denn: Andere Models machen nämlich nicht automatisch ein besseres Magazin. (Erstmals erschienen am 07.09.12 auf shehadistan.wordpress.com)

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