BUCHTIPP: Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor

Von Bettina Scriba

Alexandra Tobor, Sitzen vier Polen im Auto, Ullstein Verlag, 2012

Alexandra Tobor, Sitzen vier Polen im Auto, Ullstein Verlag, 2012

Die Geschichte, wie das Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ zu mir fand, könnte man im 21. Jahrhundert wohl kaum schöner erzählen. Seit einiger Zeit folge ich Alexandra Tobor alias @silenttiffy auf Twitter und erfreue mich an ihren Tweets. So wurde ich auch auf ihr Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ aufmerksam. Selten habe ich so viele positive Rückmeldungen zu einem Buch gelesen. Begeisterung, die via Twitter kommuniziert wurde. Das hat mich neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht.

Wie alles begann
Kater Leon, erst vor kurzem dank Oma‘s Hilfe in hohem Bogen aus dem Osterglockenbeet und über den Zaun geflogen, war schon wieder im Gefahrenbereich unterwegs. Alexandra rennt aus dem Haus und rettet den Kater, indem sie ihn durch ein offenes Kellerfenster von Omas Haus wirft – und klettert selbst hinterher. Dort entdeckt sie Ouelle, einen Quellekatalog. „Das Wort, falls es überhaupt ein Wort sein sollte, ergab keinen Sinn. Durch das O schob sich von rechts eine kleine Hand“. In diesem Katalog entdeckt sie eine Art Parallelwelt, die sie völlig verzaubert. Und die „B, R, D“ wird zum Wunschziel Nr. 1. Coca-Cola, Schulranzen und Capri-Sonne grüßen in den Erzählungen der Klassenkameradinnen und Onkel Marek ist ja auch schon „rausgefahren“.

Weihnachten steht Marek dann mit einem großen Auto mit silbernem Stern und jeder Menge Geschenke vor der Tür. Er schwärmt von seiner neuen Heimat Deutschland. Im August 1989 ist es dann soweit. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder zwängt sich Alexandra, damals acht Jahr alt, in einen kleinen senfgelben Fiat Polski. Zwei Wochen wollen sie in Dojczland verbringen und sehen, ob sie in diesem Land glücklich sein könnten. Das Abenteuer beginnt.

Eingewöhnen in einem fremden Land
„Ich war durch einen magischen Spiegel getreten. Ich befand mich in einer verzauberten Welt.“ Nach einem kurzen Besuch bei Onkel Marek beginnt die Realität. Untergebracht sind sie zunächst in einer Turnhalle für Aussiedler, dann teilen sie sich zu viert ein Zimmer in Unna-Massen. Und das Leben in Deutschland wird entdeckt. Die Bürgersteige sind intakt, die Menschen tragen kaputte Jeans und essen Pizza. Die Geschäfte haben verwirrende Namen. „Ein Schuhgeschäft hieß nicht einfach „SCHUHE“, sondern beispielsweise „Deichmann“, was, wie Papa im Wörterbuch nachgeschlagen hatte, womöglich etwas mit Deichen, aber rein gar nichts mit Schuhen zu tun hatte.“ Ihrer Oma berichtet sie von den lustigen Süßigkeiten: „Wenn man den Schnullerzipfel abbeißt, werden HARIBO Klobrillen draus.“

Schule ist das, was man draus macht  
In der Schule wird Alexandra gehänselt, die Klassenkameraden machen ihre Späße, und dann ist da noch Dominik, der ihr den Mars-Riegel klaut. So eine Gemeinheit. Beide treffen sich im Förderunterricht wieder und werden Freunde. Als eines Tages Oma Greta vor der Tür steht, reißt sie das Zepter an sich. Als Dominik zu Besuch ist, kocht sie einen Topf voller kisiel. „Boah, grüner Mutantenschleim!”, rief er und klatschte in die Hände wie ein erfreutes Kind. Der kisiel in den Schüsseln war grün, weil er Apfelgeschmack hatte.“

Deutsche Heimat
Schließlich, auch dank der witzigen Tatkraft von Oma Greta, zieht die Familie in eine 4-Zimmer-Wohnung. „Als vor drei Monaten die Möbelpacker von OTTO mit meinem «Jugendzimmer» gekommen waren, wäre ich vor Stolz beinahe geplatzt.“ 1991 folgt Alexandra‘s Erstkommunion mit Höhen und Tiefen: „Die Realität ließ sich nicht länger verleugnen: Ich war einfach keine Prinzessin und würde nie mehr sein als eine polnische Gans, die sich in eine alter Gardine wickelt, um mit auf den Ball zu dürfen.“

Lohnt es sich?
Die „teutonischen Abenteuer“ von Alexandra Tobor machen richtig Spaß. Es gibt viel zu schmunzeln über Klischees, Vorurteile und die großen und kleinen Dinge, die einem in einem fremden Land passieren können – und werden!

Meine Lieblingstextstelle ist die erste Essensausgabe in der Turnhalle: „Jeder von uns bekam eine silbern umhüllte Schale in die Hände gelegt, die aussah wie ein Raumschiff. Sobald man den silbernen Deckel abzog, wurde man von einem außerordentlichen Anblick überrascht: Die Nahrung dampfte aus drei Einzelkammern, drei Raumkapseln aus perlweißem Plastik. Der Luxus eines eigenen Zimmers, für die meisten polnischen Kinder ein ferner Traum, wurde in Deutschland sogar Erbsen, Kartoffeln und Würstchen zuteil!“

Alexandra Tobor’s Roman „Sitzen vier Polen im Auto“ ist die ideale Sommerlektüre für Balkonien, den Strand, den Badesee. Die Sprache ist witzig, so wie man es von den Tweets von @silenttiffy auch gewohnt ist. Es sind die Eindrücke einer jungen Frau, die ihre ersten acht Jahre in Polen verbrachte, bevor sie mit der Familie aussiedelte. Eine Geschichte von Hoffnung, Träumen, Entbehrungen und skurrilen Eindrücken.

„Und wenn ich zu Hause vorwurfsvoll berichtete: «Patrizia hat eine Hose von Levis», konterte Mama: «Und du hast eine Hose von Sonderangebot.»“

Das Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ ist seit Juni 2012 im Handel erhältlich. Die 1. Auflage hat es direkt auf die Spiegel Taschenbuch-Bestsellerliste Sachbuch geschafft.

Alexandra Tobor
Sitzen vier Polen im Auto
Ullstein Verlag, € 9,99
268 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-548-28374-6