„Ich bin ein großer Fan von Jesus“

Imageproblem – Das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt, Gütersloher Verlagshaus 2012, ISBN: 978-3579065762, €14,99

Der Islam gilt vielen als Männerreligion, Muslime als gewalttätige Hasser des Westens. Anja Hilscher, vor Jahrzehnten zum Islam konvertiert, zeichnet in ihrem Buch „Imageproblem“ dagegen ein vollkommen anderes Islam-Bild. Im Interview mit der Gazelle spricht sie über die Kraft von Vorurteilen, das Kopftuch und Jesus.

 

Wann sind Sie das letzte Mal auf Ihr Kopftuch angesprochen worden?

Anja Hilscher: Wenn ich mich recht erinnere, war das vor einigen Wochen im vollbesetzten Zug. Eine schräg gegenüber sitzende Dame, etwa zwei Meter entfernt, fragte mich aus heiterem Himmel, laut und vernehmlich: „Entschuldigung – tragen Sie das Tuch aus religiösen Gründen?“ Normalerweise bin ich ja diejenige, die sich einen Spaß daraus macht, das hiesige Tabu in Bezug auf das Thema Religion zu ignorieren. Aber da ist mir mal jemand gründlich zuvor gekommen! Ich war in der ersten Sekunde ziemlich perplex.

 

Wie haben Sie reagiert?

Die Schrecksekunde dauerte wirklich nur eine einzige. Ich habe dann geantwortet wie ich es immer tue – offen und spontan. „Ja, genau!“ sagte ich, ebenfalls laut und vernehmlich. „Ich bin zum Islam konvertiert!“ Die Dame erzählte mir daraufhin, dass Sie die Tradition, sich bedeckend zu kleiden, sehr sympathisch fände und beim Aussteigen rief sie mir zu: „Ich find’ euch ganz mutig!“ – Uns „Kopftuchfrauen“ meinte sie wohl. Ich muss sagen, dass das so ungefähr das einzige eindeutig positive Feedback auf mein Kopftuch war, das ich je bekommen habe. Außer natürlich von „Leidensgenossinnen“.

 

Das liegt wohl nicht zuletzt an dem „Imageproblem“, das Sie dem Islam in Ihrem gleichnamigen Buch attestieren. Woher kommt das?

Auch auf die Gefahr hin, für eine fromme Spinnerin gehalten zu werden: Ich glaube, dass wir so etwas wie einen Kampf zwischen Gut und Böse erleben. „Das Böse“ sind meiner Ansicht nach dabei nicht die Linken, die Rechten, der Westen oder Osten, alle Muslime oder alle Nichtmuslime. So simpel ist die Sache mit der Wahrheit nicht. Ich würde sagen, „das Böse“ ist unser moderner materialistischer Zeitgeist. Der verleitet uns dazu, zu spalten. Zu zweifeln. Gierig, ängstlich, rastlos, extremistisch und misstrauisch zu sein. Und ängstlich und aggressiv gegenüber allem Neuen, Fremden – zum Beispiel dem Islam. Diese seelische Krankheit findet sich vor allem hier im Westen, aber auch unter Muslimen, die den „bösen Westen“ als Gegner betrachten. Ihr Islamverständnis wird immer dogmatischer und extremistischer, was natürlich wiederum ein gefundenes Fressen für hiesige Medien ist, die die Ängste und den Hass der Nichtmuslime schüren, weil sich damit eben Geld machen lässt. Das ist ein Phänomen der Moderne. Auch der Islamismus, die extremistische, dogmatische Islamauslegung, die auf dem Wahabismus (einer dogmatischen Richtung des Islam Anm. d. Red.) basiert, ist ein Phänomen der Moderne und steht im Kontrast zu der ursprünglichen Lehre des Islam.

 

Der Islam, den Sie beschreiben, sieht vollkommen anders aus: bunt, tolerant, offen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Es gibt im Islam zahlreiche Prophezeiungen. Unter anderem heißt es dort, dass die ursprünglichen islamischen Lehren schon bald komplett verdreht werden würden. Selbst die Gelehrten würden keine Weisheit, kein spirituelles Wissen mehr besitzen und die Muslime würden sich dogmatisch und pharisäerhaft verhalten. Wann das nun genau sein wird – darüber lässt sich freilich streiten. Allerdings denke ich, dass man wohl getrost davon ausgehen kann, dass der spirituelle Tiefststand erreicht ist, wenn Gläubige anfangen, Tausende von unschuldigen Zivilisten einfach so in die Luft zu sprengen. So was gestattet die islamische Lehre definitiv nicht einmal in Kriegszeiten, selbst wenn Muslime im eigenen Land an Leib und Leben bedroht wären. Zum besseren Verständnis des Islam und seiner grundsätzlichen Offenheit und Toleranz empfehle ich übrigens das epochemachende Werk „Die Kultur der Ambiguität“ von Professor Thomas Bauer.

 

Sie leiten Ihr positives Islambild auch aus religiösen Schriften ab. Am Ende jedes Kapitels finden sich Zitate. Mal ehrlich: Haben Sie den Koran komplett gelesen?

Natürlich. Mehrfach, und ich vergleiche auch immer wieder verschiedene Übersetzungen. Allerdings gelten Übersetzungen ja eigentlich nicht als „Koran“, der bekanntlich nach islamischem Glauben wortwörtlich offenbart wurde. Daraus sollte man aber nicht voreilig falsche Schlüsse ziehen – etwa, dass der Islam besonders starr und dogmatisch wäre. Warum er das nicht ist, kann man auch bei Thomas Bauer nachlesen. Der originale arabische Koran ist nämlich äußerst vielfältig interpretierbar. Insofern sind die von mir ausgewählten Zitate, zudem noch in übersetzter Version, alles andere als eine objektive Darstellung des kompletten Islam. Es ging mir allerdings auch eher darum, gerade einmal die Verse und Aspekte bekannt zu machen, die sonst kaum je zitiert werden. Sozusagen als Gegendarstellung.

 

Vieles, was Deutsche mit dem Islam verbinden – wie Zwangsehen oder Ehrenmorde – kommt im Koran gar nicht vor. Wieso wird er trotzdem immer wieder als Rechtfertigung herangezogen?

Der Koran wird herangezogen? Schön wäre es! Dort steht nämlich nichts darüber. Tatsache ist, dass die Medien wie gesagt meist leider wenig Interesse haben, sachlich und fundiert über den Islam zu berichten. In Talkshows etwa lädt man selten Wissenschaftler ein, sondern lieber irgendwelche Scharfmacher, die Klischees vertiefen. Tatsache ist aber auch, dass sehr viele hier lebende Muslime sehr wenig religiöse Bildung haben. Jedem archaischen Ritus, der ihnen ans Herz gewachsen ist, hängen sie einfach ein religiöses Mäntelchen um. Entweder aus Unwissen, oder weil sie auf mehr Toleranz hoffen, wenn sie sich auf die Religionsfreiheit berufen. Deren Argumentation wiederum wird von den Islamgegnern gerne unhinterfragt übernommen. Im Koran nachgelesen wird da leider praktisch nie. Von keinem.

 

Wie bewerten Sie unter diesem Gesichtspunkt die aktuelle Debatte über Beschneidungen?

Die Beschneidung hat im Islam nicht den immensen Stellenwert, den sie im Judentum hat. Im Koran buchstäblich erwähnt und gefordert wird sie nicht. Trotzdem ist sie ein Teil der „Sunna“, der überlieferten Praxis des Propheten Mohammed. Ihre Bedeutung liegt meines Erachtens auch in der Tatsache, dass der Islam ja dieselben Wurzeln wie das Judentum hat. Der Islam ist keine neue Religion. Dem Koran zufolge haben ja bereits die jüdischen Propheten „Islam“ gelehrt. Man kann das Wort Islam auch einfach übersetzen. Es heißt in etwa „Frieden durch Hingabe“. Die Riten und Gebote dieser Glaubenslehre wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte zwar immer wieder leicht modifiziert, je nach den jeweiligen Erfordernissen. Manches blieb aber gleich – wie zum Beispiel die Sitte der Beschneidung. Es ist ein Symbol für die gemeinsame Quelle der Weltreligionen, ebenso wie auch die Kaaba in Mekka, die als das erste, von Adam erbaute, Gotteshaus gilt. Bezüglich der Beschneidung sollte man übrigens auch nicht vergessen, dass ja auch Jesus Christus beschnitten war.

 

In Ihrem Buch schreiben Sie, viele Vorurteile blieben selbst nach Jahren des interkulturellen Austauschs bestehen. Gibt es also gar keine Chance für den Islam, sein Image aufzupolieren?

Doch, natürlich. Vieles basiert ja auf nichts anderem als Unwissen und Missverständnissen. Da reichen unter Umständen ein paar Zitate und erklärende Worte, um regelrechte Aha-Erlebnisse hervorzurufen. Zum Beispiel stammt die vermeintlich islamische Vorstellung, das Kopftuch der Frau sei ein symbolisches Zeichen der Zweitrangigkeit gegenüber dem Mann, in Wirklichkeit aus der Bibel – nämlich von Paulus. Ich möchte nicht, dass das jetzt wie ein „Aufrechnen“ der Religionen aussieht. So etwas liegt mir sehr fern. Ich bin ein großer Fan von Jesus und mein Lieblingsmystiker ist Meister Eckhart, also ein Christ. Trotzdem muss man solche Missverständnisse klar stellen dürfen: Im Islam hat das Kopftuch überhaupt keine Symbolfunktion. Es ist ein Teil der Bekleidung wie eine Hose oder ein Pullover. Auch die Zweitrangigkeit der Frau wird dadurch nicht symbolisiert, zumal ja auch muslimische Männer ihre Köpfe bedecken. Übrigens ist auch Eva nicht die Verführerin Adams im Islam. Es gibt also mehr als genug Dinge, die es über den Islam noch zu lernen gilt, und die unweigerlich dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden. Allerdings wird die Religion sehr oft mit kulturellen Eigenheiten vermischt – da muss man aufpassen! Unter Umständen ist es oft gar nicht der Islam, sondern die fremde Denkweise und Kultur, die unverständlich erscheint.

 

Sie sagen, „der Geist des wahren Islam hält einen ausgedehnten Winterschlaf“. Um ihm aufzuwecken, setzen Sie besonders auf muslimische Frauen. Was erwarten Sie von denen?

Wie ich in meinem Kapitel „Allah und das Tao“ erkläre, ist das islamische Weltbild dem taoistischen gar nicht unähnlich. Es ist im Koran immer wieder vom Wechsel von Leben und Tod, Tag und Nacht etc., die Rede. Das Leben ist ein Kreislauf. Nun lässt sich kaum bestreiten, dass wir schon seit geraumer Zeit in einer Männerwelt leben. Das hat schon James Brown gemerkt, der selbst ein ziemlicher Macho war. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis das weibliche Prinzip wieder Priorität haben wird. Das wird ganz von selbst geschehen. Insha’allah natürlich – so Gott will. Aber er oder sie wird schon wollen.

Die Autorin:
Anja Hilscher, Jahrgang 1969, ist über die Hälfte ihre Lebens Muslimin. Nach dem Studium des Lehramtes für Grund- und Hauptschulen absolvierte sie eine Ausbildung zur „Beraterin für interkulturelle Fragen“ und arbeitet nun als Leiterin von Integrationskursen.

 

Weitere Titel zum Thema:

„Muslim Girls – Wer wir sind, wie wir leben“ von Sineb El Masrar

Eichborn Verlag

 

„Die Kultur der Ambiguität“ von Professor Thomas Bauer

Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag


2 comments

  1. Warum die Muslime (aus eigener Sicht) eigentlich die wahren Christen sind, siehe das Buch:
    Dr. Brahim Mokrani, Der Islam ist der Erbe des Judenchristentums und des messianischen Judentums, Kontinuität in den monotheistischen Religionen.

    Die Befürworter des Kopftuchverbots sehen in diesem Bekleidungsstück ein Symbol für alles Mögliche, in seinem Tragen nur nicht das, was es für die meisten muslimischen Frauen ist, nämlich zu allererst die Erfüllung einer religiösen Vorschrift. Nach der von jenen Leuten angewandten Logik könnte man das Kopftuch auch als Symbol für die Unterdrückung – nicht der muslimischen Frau, sondern – des muslimischen Mannes sehen: die emanzipierte muslimische Frau, die dieses Bekleidungsstück bewußt trägt, lebt nach dem islamischen Recht in Gütertrennung von ihrem Ehemann und besitzt das Recht, über ihr Vermögen selbst und unabhängig zu verfügen und damit als Geschäftsfrau tätig zu werden. Wenn nun ihr Mann, der ja mit seinem Einkommen und Vermögen für seinen eigenen Unterhalt und denjenigen seiner Frau, seiner Kinder und möglicherweise noch anderer Familienmitglieder aufzukommen hat, nur über ein unzureichendes Einkommen verfügt und kein Vermögen besitzt, kann es geschehen, daß er sich bei seiner Frau, die ja nicht dazu verpflichtet ist, für den Unterhalt der Familie aufzukommen, immer mehr verschuldet und in finanzielle Abhängigkeit von ihr gerät, so daß sie ihn mit diesem Mittel unterdrücken kann.

  2. Ein grundsätzlich positiver und hoffnungsvoll stimmender Artikel. Aber mal ganz ehrlich, wo, außer in der Vorstellung Autorin, findet dieser Islam statt. Der Blick auf die Realität in den 67 (?) islamisch geprägten Ländern sagt etwas anderes. Wer kann für sich in Anspruch nehmen, die Deutungshoheit für den “richtigen” Islam. Ich habe den Eindruck, daß der Koran äußerst ambivalent und widersprüchlich ist, er hat zu vielen Dingen keine eindeutige Aussage. Wer den Islam als das sehen möchte, was die oben interviewte Dame darin sieht, der wird im Koran Anleitungen dazu finden und den Rest ausblenden. Wer den Islam als Legitimation sieht, tausende Ungläubiger umzubringen und dafür in Paradies zu kommen, der findet im Koran auch dafür die Anleitung und blendet den Rest aus. Im Islam fehlt die übergeordnete Instanz, die darüber entscheidet, wer richtig und wer falsch liegt, ein theologischer Islam-Vatikan. Ohnedem wird der Islam – trotz hoffnungsvoller aber bedeutungsloser Versuche, ihn als bunt, tolerant und offen darzustellen, immer wieder in seinen versteinerten Dogmatismus zurückfallen – leider!

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