Hilfe, meine Gallenblase platzt!

Von Arzu Karabag

Wenn die 29-jährige Ayla T. von ihrer „geplatzten Gallenblase“ spricht, muss kein Notarzt gerufen werden. Denn Ayla T.s Erstsprache ist Türkisch und mit der geplatzten Gallenblase ist nichts Anderes gemeint als Angst zu haben. Es ist eine Besonderheit der türkischen Sprache, emotionales Empfinden in Chiffren auszudrücken.

Versteht ein ArztIn oder TherapeutIn diese Chiffren nicht, kann es durchaus Missverständnisse geben. Besonders körperliche Beschwerden, die auf psychische Erkrankungen wie z.B. einer Depression zurückzuführen sind, erschweren die Diagnose bei Zugewanderten verschiedenster Herkunft. Oft werden gerade sie jahrelang auf körperliche Beschwerden behandelt, ohne dass die Depression erkannt wird“, weiß Meryem Schouler-Ocak, leitende Oberärztin an der psychiatrischen Uniklinik der Charité in Berlin, zu berichten.

Fehldiagnosen, unangemessene diagnostische und therapeutische Maßnahmen sowie die Verschreibung von Medikamenten ohne sachliche Rechtfertigung sind die Folgen. Hierauf weisen Dr. med. Michael Knipper und Dr. med. Yasar Bilgin in ihrer Studie „Migration und Gesundheit“ hin.

Besonders bei Patienten mit psychischen Störungen, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind, gibt es Versorgungsmängel. Es fehlt an muttersprachlichen Angeboten und entsprechendem Fachpersonal. Das Beispiel der Einstellung einer türkischstämmigen Ärztin in der Universitätsklinik Gießen belegt die große Nachfrage. Innerhalb kurzer Zeit verzehnfachte sich die Zahl deutsch-türkischer Patienten.

Allerdings spielen in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient jeden Alters wesentlich mehr Aspekte eine Rolle als nur die Sprache. Auch Patienten mit guten Deutschkenntnissen berichten von Schwierigkeiten, die mit der allgemeinen medizinischen Versorgung zusammenhängen. Wie viel Zeit nimmt sich ein Arzt für einen Patienten? Inwieweit lässt sich der Arzt vom sozialen Status seines Patienten beeinflussen? Wie sehr ist der Arzt von kulturellen Stereotypen geprägt? Als ein Beispiel sei das sogenannte „Mittelmeer-Syndrom“ genannt, wonach Einwanderer erhöhte Somatisierungstendenzen haben sollen.

Ob Einwanderer häufiger psychisch erkranken, lässt sich nicht sagen. Widersprüchliche Studien erschweren klare Aussagen. Es gibt migrationsbedingte Stressfaktoren wie Diskriminierung, Statusverlust, Identitätskonflikte, Assimilationsdruck und Ausgrenzung. Ob diese aber psychische oder psychosomatische Erkrankungen auslösen, lässt sich nur im Einzelfall sagen.

Migration selbst ist keine Krankheitsursache. Eine migrationsbedingte Erkrankung hängt vom Verlauf der Migration selbst ab. Auch die psychische Widerstandskraft sowie das Zusammenwirken komplexer Faktoren sind entscheidend. Besondere Bedeutung kommt den Lebensumständen im Aufnahmeland zu. Somit gilt: Der sogenannte Migrationshintergrund ist und kann nur ein Aspekt von vielen bei der Diagnose und Behandlung von psychosomatischen und psychischen Krankheiten sein. Eine differenzierte Betrachtung ist immer erforderlich.

 

Nützliche Links zum Thema:

http://www.kas.de/wf/doc/kas_16451-544-1-30.pdf?100422141713

http://www.kohneninc.de/DrKohnen/Interview_DrGuen.pdf