Mazal Wakfin – Wir sind noch auf den Beinen!

Zwischen Algier und Tizi-Ouzou (c) Dihia Wegmann

Zwischen Algier und Tizi-Ouzou (c) Dihia Wegmann

50 Jahre algerische Unabhängigkeit. Von Dihia Wegmann

Im Juli 1962 erlangte Algerien nach Jahren der französischen Kolonisation durch einen blutigen Kampf seine offizielle Unabhängigkeit. Am 5. Juli 2012 jährte sich dieser Tag zum 50-zigsten Mal. Grund für eine Momentaufnahme.

Spuren des Kolonialismus
Das französischsprachige Journal Jeune Afrique brachte es 2010 gut auf den Punkt, als es fragte: „Seit wann ist es der Sklavenhalter, der die Befreiung der Sklaven feiert?“

Wer hat also die „Unabhängigkeit“ am 5. Juli gefeiert? Das Institut Français in Algier glänzte mit einem vielseitigen Programm, die französischen Fernsehsender zeigten Dokumentationen über die Unabhängigkeit. Aber von tatsächlicher Geschichtsaufarbeitung oder Reparaturabsicht keine Spur.

Rückblick
Am 1. November 1954 war der Freiheitsdrang des algerischen Volkes so groß, dass sie den Unabhängigkeitskampf antraten. Arabischer Frühling? Wohl kaum! Eine Jahreszeit reicht nicht um das, was nun folgen sollte zu beschreiben.
Algerien hat sich noch lange nicht erholt von dem Völkermord bei dem offiziell 1,5 Millionen Menschen ihr Leben ließen, dem Verschwinden der vielen Töchter und Söhne, den Fußfesseln, die sich bei jedem noch so kleinen Schritt bemerkbar machten.

Schmerzhaft auf die Beine kommen
Bei den Parlamentswahlen im Mai 2012 war die Wahlbeteiligung gering. Ein Grund dafür ist vermutlich das Gefühl, daß die eigene Stimme im Grunde nichts bewirken kann: »Ich habe den Eindruck, daß selbst nach 50 Jahren Unabhängigkeit manche Leute immernoch denken, daß hier die Unterdrückung das Sagen hat. Seit 1962 sitzt ein und dieselbe Minderheit in Politik und Wirtschaft und bereichert sich auf unsere Kosten. Hinzukommen die Jahre in denen der Terrorismus das sagen hatte. Und die internationale Gemeinschaft hat uns alleine gelassen!» ärgert sich der 32- jährige Rechtsanwalt Madjid aus Algier.

Ausblick von Notre Dame d'Afrique auf Alger Centre (c) Dihia Wegmann

Ausblick von Notre Dame d’Afrique auf Alger Zentrum (c) Dihia Wegmann

Streben nach Glück
Das Erbe, daß Algerien nun unter sich aufzuteilen hat wiegt schwer. Die pensionierte Englischlehrerin Nour erinnert sich: “Früher, vor dem Terrorismus und kurz nach der Unabhängigkeit, da hab ich mich wohl gefühlt! Da saß ich in der Pause mit den rauchenden Kolleginnen und Kollegen zusammen in der Sonne!“
Die allgemeine Hoffnungslosigkeit und Frustration zeichnet sich besonders in den Taten der jungen AlgerierInnen aus: In Jijel und anderen Städten revoltieren die jungen Menschen. Immer wieder berichten Zeitungen von Suizidversuchen. Wer etwas aus seinem Leben machen will, lernt Französisch, denkt Französisch, spricht Französisch und wandert im besten Fall nach Frankreich aus. Zur Not eben auch als Harraga arabisch für Flüchtling, in einem klapprigen Holzboot in Richtung Illegalisierung. Diejenigen, die sich dem Abenteuer Algerien stellen, brauchen ein dickes Fell. Besonders, wenn es um die algerische Willkür des Rechtssystems geht. Wir Frauen sind aber noch vor ganz andere Herausforderungen gestellt.

Die oder der Unabhängigkeit?
Mein algerischer Alltag bestätigt die Vermutung, dass Frauen am wenigsten von den Entwicklungen des Landes haben. Das bißchen algerische Unabhängigkeit was es gibt, ist männlich.
Die 26-jährige Linda, Managerin im Bereich erneuerbare Energien, erinnert sich an Erzählungen ihrer Mutter: “Sie konnte problemlos im Minirock in den Hörsaal spazieren, das würde ich mich heute nicht trauen.” Egal in welchem Kontext wir uns bewegen, Belästigung ist Teil des Alltags. Freundinnen berichten mir, dass ihnen auf offener Straße vor die Füße gespuckt oder sie beschimpft werden. Wer davon ein wenig Ruhe haben will, setzt sich in ein teures Café der chicen Viertel Algiers und blendet den misogynen Alltag für einen Schluck Kaffee lang aus. Nur wer kann sich das leisten? Madjid ergänzt meine Wahrnehmungen: “Durch den Präsidenten Bouteflika haben die Frauen rechtlich zwar an Gleichbehandlung gewonnen, aber unsere Kultur hat sich nicht verändert. In Algier vielleicht ein bißchen…aber in den Dörfern leben die Frauen die ganze Misere der Männer doppelt so stark.”
Da sollten wir noch mal drüber reden, Brüder! In Zukunft wünsche ich mir ein miteinander auf Augenhöhe und mehr Solidarität.

 

Zum Weiterlesen:

Bücher von Yasmina Khadra, Albert Camus und Boualem Sansal.

2000 wurde mit dem Friedenspreis des deutschen Buchandels die Autorin Assia Djebar ausgezeichnete.
Ihre Bücher erschienen auf Französisch und Deutsch.

– Die Frauen von Algier oder Nirgendwo im Haus meines Vaters, beide erscheinen im Fischer Verlag

Ebenfalls lesenswert: Maissa Bey, Ausgeblendet,
88 Seiten, Euro 16.00 aus dem Französischen von Christine Belakhdar, zu beziehen u.a. über den Kinzelbach Verlag , die zahlreiche Literatur aus Nordafrika verlegt.

Wer es eher sachlich mag:
Das koloniale Algerien von Bernhard Schmid. Erschienen im unrast-Verlag


1 comment

Comments are closed.