“Ich fühle mich als Deutscher im Sinne des Grundgesetzes Artikel 116″

Martin Hyun (c) Jan Kopetzky

Martin Hyun (c) Jan Kopetzky

Martin Hyun ist ein Neu-Berliner, der ursprünglich aus Krefeld stammt. Und noch ursprünglicher aus Korea, für alle die die Frage nach der Herkunft umtreibt. Sein Verlag, in dem kürzlich sein Buch “Ohne Fleiss kein Reis – Wie ich ein guter Deutscher wurde” erschien, beschreibt ihn als den koreanischen Wladimir Kaminer und den heimlichen Wunschsohn von Tiger-Mutter Amy Chuan. Gazelle hat Martin Hyun in einem Interview unter die Lupe genommen.

 

Bist du ein guter Deutscher und wie sieht vor allem ein guter Deutscher aus?
Sagen wir mal so, ich fühle mich als Deutscher im Sinne des Grundgesetzes Artikel 116. Den gesellschaftlichen Normen und Ansprüchen eines guten Deutschen zu genügen, werde ich wohl mein Lebtag nicht mehr erreichen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Leider habe ich auch das nötige Kleingeld nicht um mich bei dem Star-Chirurgen Prof. Dr. Mang unters Messer zu legen um meine Augen zu korrigieren und eine lange Nase verpasst zu bekommen. Generell habe ich zu viel Angst vor Arztbesuchen und Spritzen.

Ein guter Deutscher…hm…das ist und bleibt für mich Moritz Bleibtreu. Er ist ein Phänomen. Seine Wandlungsfähigkeit und das er so viele Kulturen und Ethnien in sich eint, ist für uns alle im ‘Migrantenstatus’ verharrende, etwas Erstrebenswertes. Selbst wenn Bleibtreu einen Chinesen oder Koreaner spielen würde, würde ich es ihm abnehmen. Bleibtreu ist für mich der Prototyp eines aufgeschlossenen und multikulturellen Deutschlands im 21. Jahrhundert. Kein anderer verkörpert die Vielfalt unseres Landes wie Moritz Bleibtreu.

 

Du widmest ein ganzes Kapitel dem Schauspieler. Woher stammt diese Begeisterung?
Ich mag Moritz Bleibtreu. Seine Wandlungsfähigkeit vereint mit seinem schauspielerischem Können sind einzigartig. Ich meine Bleibtreu kann einen Nazi und Juden zur selben Zeit spielen, einen türkischen Gangster, einen Araber und andere Ethnien. Alle Rollen, die Bleibtreu spielt, nimmt man ihm ab. Ich meine, ich würde ihm sogar glauben wenn Bleibtreu irgendwann mal einen Asiaten spielen würde. Bleibtreu ist für mich das Idealbild eines Deutschen im 21. Jahrhundert. Single-Männer und Frauen sollten danach streben ähnliche Fabrikate wie Bleibtreu herzustellen oder zumindest versuchen.
In deinem Buch beschreibst du auch den Abnabelungsprozess vom Elternhaus. Wie erklärst du dir die strengen Regeln in vielen koreanischen Familien hierzulande, die man ja klischeegewohnt eher mit türkischen und arabischen Familien verbindet?
Koreanische Eltern lieben Kontrolle. Wenn koreanische Eltern könnten, dann würden sie einen Chip einbauen, mit dem sie uns steuern könnten. Die konfuzianische Prägung ist natürlich sehr auf die Familie ausgerichtet und dem Kollektiv. Bei einer Hochzeit z.B. wird die ganze Familie, Onkel etc. mit einbezogen. Aus dem Elternhaus ausziehen nur weil einer volljährig geworden ist, ist schier undenkbar. Es sei denn es ist wirklich weit weg von zuhause – am bestem am Nordpol und beruflich bedingt muss es sein oder wegen einem Studium. Koreanische Eltern haben vieles gemeinsam mit türkischen und arabischen Familien.


Wenn du folgenden Satz hörst: “Martin, mach mich nicht traurig!” Was löst das bei dir aus?
Bei dem Satz muss ich herzhaft lachen. Das ist eine Floskel von meinem Vater, eine Art Mahnung ihn nicht zu enttäuschen. Damals in der Schule mit den Noten, heute mit dem Beruf und selbst bei der Auswahl der Freundin. Selbst da wollte mein Vater gerne ein Wörtchen mitreden. Einmal hat mein Vater versucht mich zu verkuppeln. Er hatte meine kleine Schwester beauftragt mit mir Essen zu gehen und dem Mädchen, die er gerne an meiner Seite gesehen hätte. Ich war total ahnungslos, zumal ich dachte, dass es sich um eine Freundin meiner Schwester handelte. Als wir beim Essen waren, rief mich mein Vater plötzlich auf Handy an und fragte nebenbei, wie denn der Abend so verlaufe. Kurz bevor mein Vater den Hörer auflegte, meinte er nur das ich zu der Frau sehr nett sein sollte. Da schöpfte ich Verdacht! Denn noch nie hat mein Vater mich so aus heiterem Himmel angerufen. Als höflicher Mensch aß ich meinen Teller auf und verabschiedete mich sehr nett bei der Bekannten, die mein Vater gerne an meiner Seite gesehen hätte. Am selben Abend knüpfte ich mir meinen Vater vor und bat ihn sich bei jeglichen Frauenangelegenheiten raus- und vor allem sich fernzuhalten. Daran hat mein Vater sich gehalten. Heute bin ich mit der Frau meiner Wahl zusammen und sehr glücklich. Studien belegen ja, dass Integration auch besonders durch interkulturelle Beziehungen gelingt. Mit meiner einheimischen Freundin kann ich das nur bestätigen. Die Integration fällt mir leichter. Aber um unser Glück bzw. Integrationsglück vollkommen zu machen, werde ich mir demnächst eine Spülmaschine anschaffen.

 

 

Bildung ist ein großes Thema in deiner Arbeit. Besonders in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Wo siehst du Defizite und Erfolge?
Hätte ich gewusst, dass ich nach meinem Studium in den USA und Belgien so lange auf einen vernünftigen Job in Deutschland hätte warten müssen, hätte ich mir die Strapazen und besonders die finanziellen Aufopferungen meiner Eltern erspart. Ich wäre in Deutschland geblieben, hätte im Studium getrödelt und wäre meinen Eltern nicht finanziell zur Last gefallen.

Von Erfolg kann nicht die Rede sein. Nur vereinzelnd schaffen es einige wenige, eher per Zufall, ihr Talent unter Beweis zu stellen, die dementsprechend honoriert, befördert und vor allem gefördert werden. Im Moment ist es so, dass von den hochqualifizierten Migranten nur gefordert, aber nicht gefördert wird. Die allermeisten von uns hochqualifizierten Migranten bekommen aber nicht diese eine Chance sich zu beweisen und sich so zu etablieren.

Die Antidiskriminierungstelle des Bundes mit ihrem anonymisierten Bewerbungsverfahren war reiner Blödsinn. Von vornherein stand für mich fest, dass sich am Ende der Untersuchung herausstellt, dass Migranten nicht diskriminiert werden. Die Untersuchung war nichts anderes um den Migranten das Argument zu entziehen, dass sie diskriminiert werden. Es gibt gute Studien, die anderes belegen, nämlich dass Menschen mit Migratonshintergrund gegenüber Einheimischen bei gleicher Qualifikation, Befähigung und Leistung klar benachteiligt werden. Gerade bei den repräsentativen Stellen und Positionen geht, in der wichtige Entscheidungen getroffen werden sind wir noch Mangelware. Da gibt es auch noch viele unsichtbare Mauern bei den Personalleitern und der Geschäftsführung.

In Zeiten der Finanzkrise bin ich deshalb sehr stolz darauf, dass wir „Migranten“ damit eigentlich nichts zu tun haben. Es waren einheimische Finanzjongleure, die sich verspekuliert haben.

 

Was sagt denn Papa Hyun heute zu deinen Leistungen? Kann er mit dem bereits erreichten leben?
Mein Vater hätte natürlich lieber einen Arzt in mir gesehen, der von Morgens bis Abends mit einem weißen Kittel herumläuft, selbst in seiner Freizeit. Aber Medizin war nicht meins. Für meinen Vater ist die Routine und Visibilität wichtig, in Form von Business-Anzug tragen, Aktentasche und möglichst bei einer bekannten Firma festangestellt zu sein. Das ist eben das alte Bild noch aus seiner Zeit in Korea – dem sogenannten Salaryman. Die Kriterien erfülle ich natürlich nicht. Ich ziehe Anzüge äußerst ungern an. Meine Aktentasche ist eine Fahrradtasche aus einer alten LKW-Plane und meine Generation hat es nicht so mit unbefristeten Festanstellungen. Lange Rede kurzer Sinn, wie jede Eltern sind auch meine Eltern stolz darauf, dass ich nicht kriminalstatistisch aufgefallen bin, die Schule und Studium so weit gut abgeschlossen habe und einer halbwegs vernünftigen Arbeit nachgehe, die meine Miete zahlt.

 

 

Danke für das Gespräch!
Zu Martin Hyun. 1979 in  Krefeld geboren. Studierte Politik und International Relations in den USA und Belgien. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehört dem Netzwerk von Führungskräften mit Migrationshintergrund der Bertelsmann Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland 2008 am Forum Demographischer Wandel teil, das von Bundespräsident Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2010 schreibt er die Kolumne »Integration im 16:9 Format« für das Migrationsmagazin MiGAZIN. 2010 gründete er die interkulturelle Initiative Hockey is Diversity, um die Vielfalt, die im Sport schon lange als Bereicherung angesehen wird, auch in die Gesellschaft zu übertragen. Sein Erstlingswerk »lautlos – ja, sprachlos – nein« über die Integrationsgeschichte der koreanischen Gastarbeiter in Deutschland verlieh den wegen ihrer Unauffälligkeit gern übersehen Grenzgängern zwischen Korea und Deutschland erstmals eine Stimme.

Ohne Fleiß kein Reis
Wie ich ein guter Deutscher wurde

320 Seiten, 14,99
Verlag: btb