KINOTIPP: Cosmopolis

Odyssee im Schritttempo

Von Kai Döring

Macht Geld glücklich? In seinem neuen Film „Cosmopolis“ beantwortet Teenie-Star Robert Pattinson diese Frage nicht überraschend, aber mit erschreckenden Blicken in die menschliche Psyche. Regisseur David Cronenberg ist eine faszinierende Parabel auf die Finanzkrise gelungen.

Es könnten Demonstranten von Occupy sein. In goldene Thermodecken gewickelt und mit Regenschirmen bewaffnet sitzen sie auf dem Boden und belagern den Eingang. Sie lagern jedoch nicht vor den Türen einer Bank, sondern vorm „Kino International“ in der Karl-Marx-Allee im Ostteil Berlins. Und sie warten auch nicht auf die Repräsentanten irgendwelcher globalen Konzerne, sondern auf ihren Star, den Schauspieler Robert Pattinson.

Der ist berühmt geworden durch seine Rolle des Vampirs Edward in der „Twilight“-Saga. In seinem neuesten Film ist der Teenie-Star erwachsen geworden – zumindest auf den ersten Blick. In „Cosmopolis“ spielt Pattinson den 28-jährigen Börsenspekulanten Eric Packer, der an einem Tag im April 2000 ein ganz menschliches Bedürfnis hat: Er möchte zum Friseur.

 

Theaterszenen in der isolierten Limousine

Doch dieser sonnige Frühlingstag ist kein gewöhnlicher: Der amerikanische Präsident ist in der Stadt, gewalttätige Globalisierungsgegner ziehen durch die Straßen und Packers Sicherheitschef wurde vor einem Attentat auf den jungen Unternehmer gewarnt. Der aber lässt sich von seinem Plan nicht abbringen und so setzt sich seine Limousine, eine rollende Festung mit abgedunkelten Scheiben, eingebauter Bar, Toilette und Dutzendenden blinkender Monitore, auf denen im Sekundentakt aktuelle Börsenkurse erscheinen, in Bewegung.

Im Schritttempo geht es durch Manhattan. Begleitet wird Eric Packer auf seiner Odyssee abwechselnd von seiner Frau, seiner Geliebten, seinem Leibarzt oder seiner Cheftheoretikerin. Sie alle steigen zu und ein paar Straßenecken weiter wieder aus. Wie Theaterszenen hat Regisseur David Cronenberg die Begegnungen aneinandergereiht.

Während Packer mit seiner Frau streitet, von seinem Arzt an der Prostata untersucht wird, mit seiner Geliebten schläft und nebenbei auf einen fallenden Yuan wettet, gerät die Welt außerhalb seiner lärmisolierten Limousine aus den Fugen. Demonstranten zünden Mülltonnen an und besprayen Packers Wagen, seine Frau trennt sich von ihm und sein milliardenschweres Finanzimperium zerbricht. Und dann wartet ja noch der Attentäter auf seine Chance, endlich zuzuschlagen.

 

Der rechte Film zur rechten Zeit

Mit der Verfilmung des 2003 erschienenen Romans „Cosmopolis“ des amerikanischen Autors Don DeLillo ist Regisseur David Cronenberg ein grandioser Glücksgriff gelungen. Sein neuestes Werk ist der richtige Film zur richtigen Zeit. Denn obwohl er im Jahr 2000 und damit vor dem 11. September und der Lehman-Pleite spielt, ist er hochaktuell.

Robert Pattinson spielt den zynischen, nach einem Lebenssinn suchenden Spekulanten Eric Packer derart überzeugend, dass man meint, er sei dieser selbstverliebte Yuppie. Seine Rolle folgt dem Motto: Mit Geld lässt sich nicht alles kaufen – eine einfache, aber nach wie vor gültige Weisheit. Packer hat alles, was er sich wünschen kann, doch breitet sich in seiner ach so schönen Welt gähnende Langeweile aus. Nichts scheint diesen höchst kalkulierenden Geist, der ebenso rational über Sex redet wie über den Börsenkurs, aus der Reserve locken zu können. Jeden und alles analysiert er messerscharf, aber er spürt nichts. Wie ein Film treibt Packers Leben an ihm vorbei.

Die Suche nach eigenen, echten Gefühlen führt ihn schließlich in den heruntergekommenen Teil New Yorks und in die Hände des Mannes, der auf ihn lauert. Benno Levin (Paul Giamatti) hat einmal als Währungsanalyst für Packer gearbeitet. Seitdem ist dieser für ihn das unbarmherzige Gesicht des Kapitalismus. „Ich muss Sie erschießen, damit mein Leben einen Sinn hat“, wird Levin am Ende des Films sagen, ein Sinnsuchender auch er. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Pattinson/Packer bereits selbst eine Kugel durch die Hand gejagt. Ob er dabei etwas gespürt hat, bleibt offen.

 

Parabel auf die Finanzkrise

„Cosmopolis“ ist eine faszinierende und gleichzeitig erschreckende Parabel auf die Finanzkrise und ihre Akteure. Regisseur Cronenberg wirft wie in früheren Filmen tiefe Blicke in die Abgründe der menschlichen Psyche mit ihren Wünschen und Ängsten. Trotz einiger Längen und mancher Dialoge, die zwischen philosophisch und sinnentleert schwanken, gibt dies dem Film eine innere Spannung, die durch die gut 100 Minuten trägt.

„Es gibt nur ein oder zwei Tatsachen über das Leben – die eine ist der Tod, eine weitere das Leben“, hat Cronenberg einmal in einem Interview gesagt. Ein Motto, das für „Cosmopolis“ ebenso gilt wie es für die „Twilight“-Filme gelten könnte. Den Fans vor dem Kino werden letztere trotzdem besser gefallen.

 

Cosmopolis, Regie: David Cronenberg, mit: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti, Samantha Morton u.a. USA 2012, Kinostart: 5. Juli 2012