“Neo-Moslems bringen etwas Bewegung in die veralteten Denkmustern”

Eren Güvercin (c) Volker Hackmann

Autor Eren Güvercin (c) Volker Hackmann

In Deutschland würde wohl noch nie so viel über Muslime diskutiert wie heute. Das Interesse scheint unermesslich, wenn auch die Beiträge meist einen fast einheintlichen Ton treffen. Es geht häufig um Probleme wie Integrationsunwillen, Migration oder Unterdrückung. Wie die Realität besonders der jungen Muslime in Deutschland aussieht, versuchte bereits die Studie “Lebenswelten muslimischer Jugendlicher in Deutschland” des Innenministeriums einzufangen, die medial allerdings eher ein verzehrtes Bild ablieferte. Nun ist das Buch NEO-MOSLEMS erschienen, das einen Einblick genau in dieses Leben gewährt. Mit Gazelle sprach der Kölner Autor Eren Güvercin über sein Buch.

 

Dein Buch trägt den Titel NEO MOSLEMS. Was soll das sein?
Zunächst einmal ist es nur ein Buchtitel und keine Fachterminologie oder Bezeichnung für Muslime. Mit Neo-Moslems meine ich die immer größer werdende Gruppe junger Muslime, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Sie bezeichnen sich selber als deutsche Muslime. Das ist nichts ungewöhnliches, denn nach islamischem Verständnis macht die Identität eines Menschen in erster Linie die Sprache aus, die er am besten beherrscht. Auch wenn manch einer bei diesem Titel erst einmal an Neo-Nazis denkt: der Begriff ‘Neo’ kommt aus dem Altgriechischem und bedeutet ‚neu’, ‚frisch’, ‚jung’, aber auch ‚ungewöhnlich’. Das heißt, die Neo-Moslems bringen etwas Bewegung in die veralteten Denkmustern, sowohl auf Seiten der Nichtmuslime, aber auch auf muslimischer Seite. Und das finde ich gut.

 

Was unterscheidet diese Muslime von anderen beispielsweisen älteren Generation von hierlebenden Muslimen?
Wie bei allen Menschen gibt es natürlich auch bei Muslimen Unterschiede zwischen den Generation. Alles andere wäre ja seltsam. Die Unterschiede sind aber nicht etwa die, dass diese jungen Muslime quasi einem ‘Reformislam’ anhängen, sondern dass sie sich mit den relevanten Themen unserer Zeit auseinandersetzen. Sie reagieren nicht auf die öde Debatte um den Islam oder Integration. Sie agieren statt nur zu reagieren. Sie lassen sich keine Begrifflichkeiten wie “liberaler” Islam oder “konservativer” Islam aufdrücken. Sie pfeifen auf diese politischen Begriffe. Statt dessen beschäftigen sie sich mit den wirklichen Fragen unserer Zeit, wie etwa den Auswüchsen eines autoritären Kapitalismus, der unsere Demokratie gefährdet. Die ideologischen Debatten vergangenen Jahrzehnte, die geprägt waren von den Auseinandersetzungen eines politischen Islam, haben die meisten jungen Muslime hinter sich gelassen.

 

In einem Interview hast Du gesagt, dass du nie Identitätsprobleme hattest. Wie erklärst du dir das? Was ist bei dir anderes gelaufen?
Ich glaube nicht, dass ich eine Ausnahme bin. Das ist ja immer die typische Reaktion. Wenn man jemanden kennenlernt, kriegt man immer die Sätze zu hören: “Du sprichst aber gut deutsch”, oder: “Sie sind ja eine Ausnahme”. Bullshit! Bei mir ist gar nix anders gelaufen, ich bin weder ein Überflieger, noch ein Vorbild.

 

Für wen hast du dieses Buch geschrieben und warum?
Es war mir einfach ein Bedürfnis zu versuchen, die einseitig geführte Debatte etwas zurecht zu biegen. Das ist nur ein kleiner Beitrag, der hoffe ich dazu dienen wird. Ich beanspruche aber nicht in irgendeiner Form ein Vertreter oder Sprecher einer wie auch immer gearteteten “schweigenden Mehrheit” zu sein. Ich versuche einfach meine Eindrücke der jungen Muslime in Deutschland zu beschreiben. Und wenn ich hier und da ein paar Inhalte für eine interessante Debatte liefern konnte, bin ich schon zufrieden. Es fällt einfach auf, dass insbesondere in den letzten Jahren immer wieder dieselben Figuren von “Berufsmuslimen” das Bild der deutschen Muslime prägt. Die Zeit ist reif den Blick auf die jungen, dynamischen deutschen Muslime zu richten.

 

Wie waren die Reaktionen bislang auf dein Buch von Seiten der Muslime und Nicht-Muslime?
Das Buch ist ja noch ganz neu auf dem Markt. Die ersten Reaktionen waren aber sowohl von muslimischer als auch von nicht-muslimischer Seite sehr positiv. Aber mir geht es nicht darum Lob zu ernten, sondern eine Debatte jenseits der gängigen Themen anzustoßen. Und da sind auch kritische Anmerkungen willkommen. Das macht ja eine gesunde Debatte aus.

 

Auch wir lassen uns es mal kurz nicht nehmen, deine Meinung zum Thema “Salafisten” abzufragen. Was denkst du denn darüber?
Die salafitische Ideologie ist ja nichts Neues. Ich verstehe die Überraschung gar nicht und frage mich, womit sich der Verfassungsschutz denn eigentlich beschäftigt. Schon vor zehn Jahren während meines Studiums in Bonn habe ich unmittelbar erlebt, wie sektiererisch und ideologisch die Salafiten sind. Auf dem Auge war der Verfassungsschutz wohl blind, wie im Falle der NSU.
Ich als Muslim kann nicht verstehen, dass saudische Institutionen jahrelang salafitische Wanderprediger in Deutschland finanziell unterstützen konnte. Aber Saudi-Arabien ist ja bekannterweise ein wichtiger Partner für die deutsche Exportwirtschaft.
Interessant ist auch wie der Islamexperte Landolin Müller vom Verfassungsschutz Stuttgar 2010 in der FAZ den salafitischen Prediger Pierre Vogel als “spannendes Experiment” bezeichnete, denn er trete den gängigen Islam-Organisationen vors Schienbein. Eine interessante Sichtweise von einem Beamten, der für unsere Sicherheit mitverantwortlich ist.
Man muss aber jenseits dieses Hypes um die Salafiten betonen, dass wir hier gerade einmal von 3-5 Tausend Salafiten sprechen, von denen sich wiederum die große Mehrheit von jeglicher Gewalt distanziert. Also Salafit ist nicht gleich Salafit.

 

Eine Frage noch zur Bezeichnung dieser Gruppe. Heißt es nun Salafisten oder Salafiten?
Im Deutschen sagte man bisher immer Salafit. Aus dem Salafit ist jetzt seit der aufsehenerregenden Koranverteilungsaktion der Salafist geworden. Ich glaube nicht, dass in den Redaktionsstuben Arabisten oder Sprachwissenschaftler sitzen. Salafist hört sich wahrscheinlich gefährlicher an.

Wir danken für das Gespräch!

 

Neo-Moslems – Portrait einer deutschen Gesellschaft
Eren Güvercin
Herder Verlag
14,99 €

 

 


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