Altern in der neuen Heimat Deutschland

Erst kürzlich feierte Deutschland gemeinsam mit der Türkei das 50-jährige Jubiläum des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens. Millionen von arbeitswilligen Frauen und Männer brachen auf in ein neues und vor allem temporäres Leben in Deutschland. Nicht erst seit heute wissen wir, dass aus dem sogenannten Gastarbeiter ein deutscher Bürger geworden ist. Mit einem festen Platz in der Gesellschaft und Teil des deutschen Wirtschaftswunders.

So medienwirksam über das Jubiläum auch berichtet wurde, wir wissen heute noch immer wenig über diese erste Generation. Was haben sie wie erlebt in diesem Deutschland der 1960er und heute 2012er? Wie sieht ihr Leben, ihr Alltag heute aus? Und vor allem, wie altern und erleben sie Pflegebedürftigkeit in Deutschland?
Letztere Frage ist kürzlich das Zentrum für Qualität in der Pflege nachgegangen. Diese gaben die Studie „Alters- und Pflegevorstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund“ in Auftrag, die sich mit dem älter werden in der neuen Heimat von Türkeistämmigen sowie Russlanddeutschen beschäftigt.

Mit 2 Mio. sogenannten Migranten werden die Pflegeinstitutionen im Jahr 2020 voraussichtlich konfrontiert sein. Ein wichtiger Impuls den das ZQP hiermit gegeben hat, sich konkreter mit den Bedürfnissen und Herausforderungen in diesem Bereich auseinanderzusetzen. Vorgestellt wurden die Studienergebnisse von Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey, der Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und der Charité Berlin sowie Dr. Liane Schenk, Leiterin der Abteilung medizinische und pflegerische Versorgung des Instituts für Medizinische Soziologie an der Charité. Die Studie ergab, dass unter den befragten Einwanderergruppen noch Unwissenheit über das Pflegesystem vorherrschen. Die sprachlichen Hürden verstärken die Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Doch auch Scham bei der täglichen Reinigung, Stichwort Geschlechteridente Pflege oder der Wunsch nach Religionsausübung können große Unsicherheit auslösen.

 

Mehr als nur Angst

Im Anschluss der Präsentation diskutierten unter Leitung des Deutsche Welle Moderators Ali Aslan, Emine Demirbüken-Wegner, Staatssekretärin für Gesundheit und Soziales der Stadt Berlin; Elisabeth Scharfenberg, Sprecherin für Pflege und Altenpolitik der Bundesfraktion B90/Grünen; Reinhold Pulcher, Generalbevollmächtigter des Altersheim Goldenherz im Wedding/Berlin; Monika Wagner, Dozentin am Campus Berufsbildung Berlin e.V. und Prof. Dr. Kuhlmey.

Im Gespräch ist vor allem deutlich geworden, wie groß der Informationsbedarf auf allen Seiten nach wie vor noch ist. Demirbüken-Wegner, selbst Tochter türkischer Einwanderer, forderte mehr Engagement bei den einzelnen Einwanderergruppen, die das Thema professionelle Pflege besser verbreiten müssten. Besonders an die Töchter und Schwiegertöchter richten sich die Erwartungen der späteren Pflege. Emotional und körperlich eine große Herausforderung, die in unserer heutigen Zeit durch kleinere Familien und den Bedarf von medizinischer Versorgung kaum zu bewerkstelligen ist. Elisabeth Scharfenberg sprach sich klar für eine stärkere Reform im Pflegebereich aus. Besonders die ambulante Pflege, die Familienangehörige wie Pflegebedürftige unter die Arme greift, müsse verbessert und in größerer Zahl angeboten werden. Dies beinhaltet ebenfalls die Modifizierung des Zeitmanagments des Personals – nach 8 Jahren im Pflegeberuf leidet meist die körperliche und psychische Verfassung des Personals. Angesichts des Fachkräftemangels bedarf es dringenden Handlungsbedarf. Dies unterstrichen auch Reinhold Pulcher und Monika Wagner.

 

Interkulturell verstehen

Auch das Thema kultursensible Pflege stand auf der Tagesordnung. Besonders in der Ausbildung scheint es hier noch gewisse Schwierigkeiten zu geben. Denn wer interkulturell verstehen will, muss zu einer eigenen Selbstreflextion fähig sein. Empathie ist eine Grundvoraussetzung. Monika Wagner betonte, dass es in heterogenen Gruppen, wo nicht nur die Vielfalt der Nationen zusammenkommen, sondern auch Geschlecht und Alter gut durchmischt sind, das Erlernen der kultursensiblen Pflege besser vermittelt werden kann. Deutlich wurde aber auch, dass mehr Personal ausgebildet werden muss – besonders jene, die über Fremdsprachenkenntnisse verfügen. Wer Russisch, Arabisch, Türkisch oder Vietnamesisch spricht, kann bei den Pflegenden für Geborgenheit und Vertrauen sorgen.

Hoffnung, dass in Zukunft diese Thematik größere Beachtung erfährt, weckte jene Person, die am Abend das Grußwort sprach und damit auch die Bundesregierung vertrat. Honey Deihimi, Referatsleiterin im Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration war in Vertretung der Staatsministerin Maria Böhmer gekommen. Es bleibt daher zu hoffen, dass auch auf Bundesebene das Thema seinen Platz findet und medial größere Bedeutung erlangt. Ohne Häme, Respektlosigkeit und Sensationsgier sollte auch hier Verantwortung und Respekt vor dem Alter gelten. Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Denn die Bedürfnisse der Bedürftigen sind dieselben, die Ängste andere, die sich aber überwinden lassen.

Wer mehr über die Studie erfahren möchte, kann sie hier bequem runterladen:
http://www.zqp.de/upload/content.000/id00015/attachment00.pdf

Mehr Infos zum Zentrum für Qualität finden Sie unter: www.zqp.de